Kritik aus der Borkener Zeitung vom 09.05.2017

 

Grandioser musikalischer Endspurt

Stuttgarter Kammerorchester gastierte mit Solistin Alexandra Conunova-Dumortier

 

Von Elvira Meisel-Kemper

 

Borken. Für viele Kulturschaffende und -förderer in und um Borken war dieser Abend wie das Zuckerhütchen als Belohnung für ihre langwierigen Bemühungen: Es war (Anmerkung: der künstlerischen Leitung der Borkener Konzertreihe Susanne und Dinis Schemann) gelungen, das Stuttgarter Kammerorchester mit dem Dirigenten und Leiter Matthias Foremny endlich auf die Bühne der Stadthalle Vennehof in Borken zu holen. Am Sonntagabend war es soweit.

Foremny stammt aus dem Münsterland. Sein Bruder Johannes Foremny ist Dozent an der Musikschule in Borken. Viele Kontakte verbinden den Dirigenten noch heute mit dem Münsterland, auch wenn seine Wirkungsorte unter anderem in Stuttgart, Berlin und Leipzig liegen. Foremnys Familie und eine ganze Reihe Fans saßen im Publikum. Mit rund 250 (Anmerkung: ca. 320) Besuchern war dieses Konzert nicht umsonst bestens besucht.

Interpretiert wurden vom Orchester die Sinfonie B-Dur Wq 182 Nr. 2 von Carl Emanuel Bach und von Wolfgang Amadeus Mozart sein Frühwerk, die Sinfonie A-Dur KV 201. Zusammen mit der jungen Ausnahmeviolinistin Alexandra Conunova-Dumortier interpretierte das Orchester die Fantasie für Violine und Streicher "Vox Amoris" von Peteris Vasks, das 2009 uraufgeführt wurde.

Das Spiel der Musikerin, die 1988 in Moldawien geboren wurde, ließ wirklich die "Stimme der Liebe" (Übersetzung des Titels) durch den Saal schwirren. Feinfühlig und ausgesprochen zart, aber dennoch gut hörbar entlockte die Solistin ihrer Violine, die 1735 von Santo Seraphin in Venedig gebaut wurde, gefühlvolle Töne, die selbst in den höchsten Lagen noch einen reifen, vollen Klang entwickelten. Unterschiedliche Stimmungen spielte sie allein und im Zusammenklang mit dem Orchester heraus. Vasks, der 1946 im heutigen Lettland geboren wurde, schaffte es, die baltische Folklore und Naturlaute zu einer Musik zu verschmelzen. Bei dieser Interpretation durch die Solovioline und die hervorragenden, absolut virtuos und hochmotivierten Musiker des Orchesters, verbreitete sich eine Stimmung im Saal, die jedes Nebengeräusch verbot. Atemlose Stille im Publikum saugte diese musikalische Atmosphäre auf wie ein Schwamm. Der Applaus entlud sich wie ein Ventil nach dem Vortrag. Mehrfach musste die junge Musikerin wieder auf die Bühne kommen, während einige Besucher im Stehen ausgiebig applaudierten.

Doch das war nicht der einzige Leckerbissen: Die Musik von Bach und von Mozart, der seine Sinfonie A-Dur KV 201 im zarten Alter von 18 Jahren schrieb, ermöglichte dem Publikum ebenfalls die Begegnung mit Musikstilen jenseits der üblichen Musikprogramme in anderen Konzerten. Nicht umsonst gab das Orchester am Ende noch drei Zugaben - darunter noch frühere Werke von Mozart. Entspannung gab es für die Musiker danach bei einem Empfang, arrangiert - unter anderem - vom Soroptimistenclub Lembeck-Reken.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 06.05.2017

 

Das Wunder der Freundschaft
Theater "Hundert Quadratmeter"

 

Borken. Kann man eine Wohnung mit Bewohner verkaufen? Dieser Frage stellte sich das Theaterstück "Hundert Quadratmeter" von Juan Carlos Rubio. Die Komödie bildete mit dem gut aufgelegten Ensemble um Beatrice und Judith Richter sowie Klaus Thull-Emden den illustren und heiteren Abschluss der Theatersaison 2016/2017 der Kulturgemeinde Borken.

Sara (Judith Richter) beschließt, diese Immobilie zu erwerben - für die Hälfte des ortsüblichen Preises. Doch da besteht noch ein kleines "Hindernis". Diese Unannehmlichkeit entpuppt sich als Lola (Beatrice Richter), die - betagt, herzkrank, Raucherin und dem Alkohol nicht abgeneigt - lebenslanges Wohnrecht beansprucht. Und während man nun damit rechnet, dass Lola in den nächsten zwei Jahren das Zeitliche segnen wird, zerfällt jedoch Saras Leben: Ihr Mann will die Scheidung; ein Tumor in ihrem Kopf muss entfernt werden.

Regisseur René Heinersdorff landet mit den drei Vollblut-Schauspielern einen Treffer. Die Charaktere werden hervorragend verkörpert: Lola, die einsame, ältere Dame voller Lebensweisheit, die kein Blatt vor dem Mund nimmt und Sara, Geschäftsfrau am Rande des Nervenzusammenbruchs - dazwischen ein Mann, der sich durch die Wirtschaftskrise jobbt. Dabei agieren alle Schauspieler mit so einer Spielfreude, dass sie den Betrachter fast vergessen lassen, dass es sich hier um ernste Themen wie Alleinsein, Alter und die Frage, was im Leben wichtig ist, handelt. Vor allem spielt Beatrice Richter die Lola so liebenswert schrullig, dass sie pointensicher das Publikum zu begeistern vermag. Und Klaus Thull-Emden lockert ernste Momente durch Witz und Charme auf. Treffsichere Dialoge und manchmal vorhersehbare Pointen sorgen für einen kurzweiligen, unterhaltsamen und erfrischenden Theaterabend.

Das Stück spielt mit den Erwartungen und Vorstellungen des Publikums, die sich jedoch oft nicht auflösen oder erfüllen. So wird die anfangs scheinbar schwach und zerbrechlich Schrullige am Ende die hammerschwingende Starke und ruft laut: "Ich lebe!"

Die "Unannehmlichkeit" wird zur Freundin und Lebensberaterin. Aus anfänglicher Distanz wird Vertrautheit. Bitterkeit verwandelt sich in Humor und aus oberflächerlicher Begegnung erwächst eine Tiefe der Beziehungen, in der die Achtsamkeit in den Mittelbpunkt gerückt wird. Das kluge Stück über Freundschaft und Einsamkeit brachte viele im Saal zum Lachen und war ein schöner Abschluss der Theatersaison, der Lust auf die kommende macht.

Dorothea Koschmieder

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 06.04.2017

 

Eine Inszenierung, die polarisierte

"Nathan der Weise" im Vennehof

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781) hat mit "Nathan der Weise" bekanntermaßen ein Werk geschaffen, dessen Botschaft heute mitten in den gravierenden gesellschaftlichen udn politischen Prozessen und Entwicklungen relvanter ist denn je. Es bietet Grundlage für Bildung und Diskussion und verdeutlicht mit der Ringparabel, dass Religion zu einem für alle verbindlichen Auftrag im Hier und Jetzt gelten und sich im humanen Handeln, in der gelebten sozialen Praxis, erweisen muss.

Die a.gon Theater GmbH München hat mit dem gleichnamigen Schauspiel in fünf Aufzügen eine Atmosphäre erzeugt, die den Betrachter des höchst anspruchsvollen Stückes die Möglichkeit bietet, für einen Moment einzutauchen in die Szenerie in Jerusalem. Dies gelingt zum Beispiel durch ein farblich auf die Gegend abgestimmtes Bühnenbild, das mit dezenten Licht- und Leuchteffekten geschmackvoll einen passenden Hintergrund für die großartig aufspielenden Schauspieler bildet. Zum anderen sind ein Teil der zu hörenden Geräusche und Klänge Originalaufnahmen aus Jerusalem, die die zahlreichen Dialoge immer wieder sanft untermalen. Der Regisseur Stefan Zimmermann hat so versucht, den Markt, die Straße das Feiern und die Religionen erlebbar und hörbar zu machen. Das wirkt nicht übertrieben und fehl am Platz, sondern es gelingt ihm, den Zuschauer an der Energie der Stadt teilhaben zu lassen. Genau in dieser Stadt betrachtet Zimmermann ein Einzelschicksal, das sicht gut übertragen lässt: "Wir brauchen uns nur das Schicksal eines syrischen Flüchtlings anzusehen ...".

Insgesamt darf man die Aufführung eine Meisterleistung der Darsteller nennen, denen es in 140 Minuten Spieldauer gelingt, Lessings Originalsprache mit Versmaß zu übernehmen und gleichzeitig in die heutige Sprachmelodie zu übertragen, ohne dabei gekünstelt zu wirken. Besonders intensiv gelingt es Peter Kremer, der die Figur des Nathan intensiv und überzeugend auf die Bühne bringt. Zimmermann weiß: "Oft höre ich, der 'Nathan' sei heute langweilig. Eine Gefahr ist, den Text zu zelebrieren. Auftritte, Abgänge ... Worte, Worte, Worte bis man nicht mehr zuhören kann". Er möchte das Stück anders erfahrbar machen: "Spannend, mit innerem Tempo, treibend, fordernd." Und so fordert er das Publikum heraus, zu entscheiden, ob ihm das gelingt.

Die vom Regisseur vorausgesagte Polarisierung war auch beim Borkener Publikum zu erleben, denn in der Pause gingen die Meinungen auseinander: "Total herausragend", "ich verstehe kein Wort" oder "schlechte Akustik" konnte man vernehmen.

Die in der Ausstattung bewusst eingesetzten Stilbrüche wie Springerstiefel und Armbanduhr, die nicht in die historische Zeit gehören, symbolisieren eine Brücke in die Gegenwart.

Diese friedlich zu gestalten war nicht nur zu Lessings, sondern ist gerade heute Aufgabe der verschiedenen Religionen. Das starke Bild der Freundschaft zwischen Nathan und Saladin nimmt man als Symbol mit.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 21.03.2017

 

Spritziges Konzert im Sinn der alten Meister

Konzert des Wupper-Trios in der Stadthalle Vennehof

 

Borken. Jung und spritzig interpretierte das Wupper-Trio in der Stadthalle Vennehof Werke von Ludwig van Beethoven, Jules Massenet, Max Bruch und Astor Piazzolla. Dennoch hielten sie sich an die originalen Vorgaben der großen Meister.

"Wir haben uns vor Jahren in Wuppertal getroffen, daher der Name unseres Trios", erläuterte Sayaka Schmuck (Klarinette) den Zusammenschluss der drei jungen, mehrfach ausgezeichneten Musiker. Ken Schumann (Viola, Violine) und Benyamin Nuss (Klavier) komplettieren das Trio.

Bereits mit Beethovens Klaviertrio B-Dur op. 11 von 1798 setzten sie bemerkenswerte instrumentale Akzente. Beethovens Musik ist unter dem Begriff "Gassenhauer-Trio" weltbekannt geworden. Mit diesem Stück räumte er der Klarinette als Solo-Instrument eine neue Stellung ein. Deshalb hatte das Trio dieses Werk auch in sein Programm genommen.

Die Meditation von Massenet von 1893 schloss die Klarinette aus. Violine und Klavier schrumpften sie zum Duo, das allerdings sehr romantische, stimmungsvolle Eindrücke vermittelte. Erstaunlich war die Abstimmung der Instrumente aufeinander. Zauberhaft leise, fast sphärische Klänge entlockte Schumann seinen Saiteninstrumenten. Schmuck und Nuss stellten sich mit ihren Instrumenten auf diese zarte Klangwelten ein. Dennoch waren sie im ganzen Saal zu hören.

Besonders in zwei aus acht Stücken für Klarinette, Viola und Klavier (op. 83) von Bruch machte sich das virtuose und harmonische Spiel bemerkbar. Getragen und fast melancholisch spielten sie den Nachtgesang (Nr. 6). Lebendiger und temperamentvoller interpretierten sie das Stück Nr. 7 als Allegro vivace. Auch hier wunderte sich das Publikum über die immer wieder durchdringenden Klänge der einzelnen Instrumente, die gleichberechtigt zusammenwirkten.

Das war noch wichtiger in Piazzollas Komposition "Die vier Jahreszeiten von Buenos Aires" aus den Jahren 1964 bis 1970. Piazzolla lehnte sich an Antonio Vivaldis berühmte "Vier Jahreszeiten" an. Durchgehende Melodienbögen ließ Piazzolla allerdings nur andeutungsweise und kurz hörbar werden. Viel eher wirkte sein "Tango Nuevo" hinein, mit dem der Argentinier den Tango ganz neu erfand. "Piazzollas Tangos sind weniger zum Tanzen gedacht, sondern zum Zuhören", erläuterte Schmuck auch diese spannende Form, die das Trio ebenso meisterhaft interpretierte. "Der Sommer" quoll über durch das sehnsuchtsvolle, warme Zusammenspiel der Violine mit der Klarinette. Mit einer Zugabe bedankte sich das Trio für den begeisterten und verdienten Applaus.

Elvira Meisel-Kemper

Bildunterschrift: In Wuppertal haben sie sich getroffen, deshalb nennen sich Ken Schumann, Benyamin Nuss und Sayaka Schmuck das Wupper-Trio. Die Kulturgemeinde hatte sie in ihr Konzertprogramm aufgenommen.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 15.03.2017

 

Das Ringen um die eigenen Erinnerungen

"Vater" von Florian Zeller auf der Vennehof-Bühne

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. In der Tragikkomödie "Vater" von Florian Zeller, die am vergangenen Montagabend in der Stadthalle aufgeführt wurde, lässt der Autor das Publikum erleben, wie ein Mensch sich fühlt, der verloren geht: "Das Stück ist wie eine subjektive Kamera. Wir befinden uns im Kopf des alten Mannes und versuchen, den Ausgang aus diesem Labyrinth zu finden", betonte der Autor zuvor in einem Interview.

Es gelingt Zeller, das Thema Demenz so rüberzubringen, dass der Betrachter mit dem Protagonisten zusammen erlebt, was es bedeutet, dem eigenen Verstand und eigenen Erinnerungen nicht mehr zu trauen.

Ernst Wilhelm Lenik spielt André, einen an Alzheimer erkrankten Mann, für den sich der Alltag immer mehr in ein Chaos verwandelt und dessen Wahrnehmnung zunehmend in Schieflage gerät. Lenik schafft es, dieser tragenden Rolle Authentizität zu verleihen und den Charakter auf der Spurensuche nach sich selbst glaubwürdig und liebenswert zu spielen.

André selbst spürt diese "Löcher im Kopf" und schwankt zwischen seiner Hilflosigkeit und dem Festhalten seiner Autonomie. Da sind Wahn oder Wunschvorstellungen, die sowohl André als auch der Zuschauer nicht für sich auseinanderzuhalten vermag. Halluzinationen wechseln sich ab mit Tatsachen, für die es keine Erklärungen zu geben scheint.

Welche Personen sind real - und welche existieren nur in Andrés Fantasie?

Das Verwirrspiel des französischen Erfolgsautors klug umgesetzt auf der Bühne vom Euro-Studio Landgraf erfasst nun nicht mehr nur die Figuren, sondern erreicht auch den Zuschauer.

Ebenso zeigt das Stück gleichermaßen die Seite der Angehörigen auf, die den schleichenden Verlust einer geliebten Persönlichkeit erleben. Und es geht darin um das Ringen, die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit zu treffen.

Daraus ergibt sich ein ungewöhnlicher, interessanter Theaterabend, bei dem allerdings die komödiantische Seite aufgrund des ernsten Themas nicht so stark zu Tage tritt, wie zunächst laut Ankündigung angenommen. Gott sei Dank - denn das Stück findet so die richtige Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Humor. Es wirkt weder überzogen noch übertrieben, sondern widmet sich in einer Weise dem Thema des Abgleitens eines Menschen in die Demenz und dessen Folgen für den Einzelnen und sein Lebensumfeld, die Verständnis weckt, anstatt nur zu unterhalten.

Das Bühnenbild der Inszenierung unterstützt die Szenerie hervorragend durch minimalistische und karge Aufbauten, die so eine kühle, distanzierte und zuweilen beklemmende Atmosphäre widerspiegeln. Licht und Musikeffekte unterstreichen passgenau die Handlung. Dem sechsköpfigen Ensemble sei gedankt für einen gehaltvollen Theaterabend und das gelungene Umsetzen des klugen Stückes.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 13.03.2017

 

Faszination "Traumtheater Salome"

Phantasievolle Bilder, Tanz, Zauberei und Akrobatik

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Rund 200 Besucher fanden sich am Freitagabend zum Gastspiel des Traumtheaters Salome in der Stadthalle ein. Die Kulturgemeinde Borken hatte mit mehr Gästen gerechnet, und auch die Akteure zeigten sich von der recht geringen Zuschauerzahl etwas enttäuscht. Dennoch boten die Darsteller eine faszinierende Show mit Akrobatik, Tanz, Zauberei und Musik.

"Ihr seid weniger geworden als beim letzten Mal", begrüßte Poet Harry Owens die Zuschauer. "Seid ihr weniger Einwohner? Ihr jungen Leute, haltet euch ran", gab er dem Publikum einen Ratschlag. Mit märchenhaften Worten stimmte er daraufhin die Gäste auf das Programm ein, und manche Phrase war durchaus zum Nachdenken geeignet: "Warum lebt ihr den Frieden nur in eurer Phantasie?" Frieden, Harmonie, schöne Bilder zögen sich durch die ganze zweistündige Show.

Die Akteure begeisterten, faszinierten und versetzten das Publikum in Staunen. Die Palette des Gebotenen umfasste sowohl klassische Tanznummern als auch sehr Modernes. Besonderen Applaus erhielt hier der "Spinnenmann", der sich vorwärts wie in Rückenlage wie eine Spinne über die Bühne bewegte und aus einer fast liegenden Position einen Salto vollführte.

Michael und Florian jonglierten mit Lichtkeulen auf der verdunkelten Bühne. Klassische Akrobatiknummern waren genauso Bestandteil der Show wie die Darbietung von Magier Sergey Vox Stupakov. Er zauberte aus bunten Tüchern zwei große Aras hervor und ließ sie durch die Halle fliegen.

Clowneske Beiträge sorten für viele Lacher, besonders als die Zuschauer der ersten Reihen mit Schellen an einem kleinen "Konzert" teilnehmen durften. Beeindruckend fanden die Besucher auch einen akrobatischen Tanz mit vielen Reifen. Er erinnerte manchen wohl ans Hula-Hoop-Spiel in Kindertagen.

Wie ein roter Faden durchzog das feine Gewebe der Phantasie die ruhige, dunkle Stimme des Poeten Harry Owens, auf seinem Wolkensitz thronend. Diese Show war ein Geschenk an die Phantasie der Zuschauer. Harry Owens fasste das in die Worte: "Wenn wir an Wunder glauben - geschehen sie."

Bilder unter www.borkener.zeitung.de

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 22.02.2017

 

Im Scheitern liegt Neubeginn

"Der alte Mann und das Meer" mit Horst Janson in der Titelrolle

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Ernest Hemingway, dessen berühmte Novelle "Der alte Mann und das Meer" in der Stadthalle Vennehof als Theaterproduktion des Euro-Studio Landgraf aufgeführt wurde, verriet in seiner Nobelpreisrede 1954, dass er immer nach dem Prinzip des Eisbergs zu schreiben versuchte: "Sieben Achtel davon liegen unter Wasser, nur ein Achtel ist sichtbar. Alles, wa man eliminiert, macht den Eisberg nur noch stärker. Es liegt alles an dem Teil, der unsichtbar bleibt."

Diesen (unsichtbaren) Teil zu finden, war die Herausforderung, die sich dem Borkener Publikum bot.

Zweifelsohne geht es in dem Stück um die großen Themen des Lebens: Altwerden, Vergänglichkeit, Scheitern und den Kampf um Sinn und Unsinn allen Tuns und Strebens. Horst Janson spielt den titelgebenden alten Mann Santiago. Dieser nimmt mit ungeheurer Energie den kräftezehrenden Kampf mit einem Riesenfisch, der Freund und Feind gleichzeitig ist, auf sich. Nach Tagen gewinnt er diesen. Doch Haie fressen seine Beute, und als er nach Hause kommt, bleibt nur noch ein Gerippe übrig.

Im Scheitern liegt Neubeginn. Dem Verlorensein im Ozean steht das Nachhausekommen und das Ankommen gegenüber: "Er konnte fühlen, dass er jetzt innerhalb des Stromes war. Er konnte die Lichter von Havanna sehen." Und indem er sich dem Scheitern bewusst stellt, kehrt Friede ein.

Das ist eine enorme Botschaft, die in der Story steckt. Doch ob bei dieser Inszenierung der Funke überspringt, mag dahingestellt sein. Dass mancher sich fesseln ließ von der zum Teil montonen und textlastigen Darstellung lag sicher an dem beliebten und professionellen Darsteller Horst Janson, der seiner Rolle Tiefe gab, obwohl ihm nur ein Quadratmeter Raum (das Boot) zur Verfügung stand.

Daneben wirkte Peter Menden, der den jugendlichen Bewunderer Santiagos spielte, im Spiel und Ausdruck blass. Ein Dank geht an die vier Musiker. Gefühlvoll setzten sie in der Hafenkneipe einen Akzent gegen die zahlreichen monotonen Texteinlagen des Stückes. Marie-Luise Gunst trug als Erzählerin wenig dazu bei, dass das Stück vor Abenteuerlust und Dramatik die Betrachter in Santiagos Welt entführte. Als Sängerin setzte sie kraftvoll und stimmgewaltig schöne Impulse, von denen man noch mehr hätte hören mögen.

Allerdings muss die Rückfrage an die Inszenierung erlaubt sein, ob es nicht ausgereicht hätte, die Gesangseinlagen mit dem Mikrofon zu verstärken. So war es schwerer, Dynamik in den Stimmen zu entfalten; der Theatercharakter ging verloren.

Neben einigen kritischen Stimmen zeigte der lang anhaltende Applaus des Borkener Publikums, dass Hemingways Stück immer noch zu begeistern vermag.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 15.02.2017

 

"Des Kaiser neue Kleider"
Theater Mimikri präsentiert Klassiker in zwei Aufführungen in Borken

 

Von Elvira Meisel-Kemper

 

Borken. Das Märchen "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen kennt eigentlich jeder. Das Ensemble des Theaters Mimikri machte daraus in der Stadthalle Vennehof eine Theateraufführung für Kinder. In den zwei 90-minütigen Aufführungen zogen sie jeweils 700 Kinder und ihre Begleiter in den Bann. Fantasievolle Kostüme und Masken halfen den fünf Schauspielern, auf der Bühne in ihre jeweilige Rolle zu schlüpfen. Schneiderin Elsa (Lilli Schwethelm) und Weber Walter (Daniel Wangler) sollten Kaiser Klemens (Christiane Burkard) jeden Tag ein neues Kleid nähen und weben. Doch bezahlen wollte er nicht. So schrieben sie einen Bewerdebrief, dass sie die letzten 17 Gewänder nicht bezahlt bekommen hätten.

Empört las der Kaiser den Brief, zerriss ihn und zitierte die beiden vor seinen Thron. Immer wieder schlüpfte Wangler in die Rolle der skurril maskierten Zeremonienmeisterin, die den Kaiser in seinem Verlangen nach neuen Kleidern mehrfach besänftigen konnte.

Als zwei exotisch gekleidete Schneider dem Kaiser "magisch modische Kleider" versprachen, war der Kaiser sofort Feuer und Flamme. Allerdings verlangten sie Vorkasse und führten Kaiser und Finanzminister (Stefan Georg) kräftig an der Nase herum.

Für Musik und überraschende Geräusche-Einblendungen, Komik der Handlung und die Kostümierung erntete das Ensemble begeisterten Schlussapplaus.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 09.02.2017

 

Unterwasser-Drama in der Stadthalle
"Das Boot" begeistert Borkener Publikum

 

Von Elvira Meisel-Kemper

 

Borken. Nach dem Start im November 2015 überzeugte das Schauspiel "Das Boot", eine Produktion der a.gon Theater GmbH München, in der Stadthalle Vennehof.

Der gleichnamige Film nach der Romanvorlage von Lothar-Günther Buchheim avancierte längst zum Kultfilm. Auf dramatische Weise führte der Film die Schicksale, Ängste, Nöte und Einstellungen der Besatzung des U-Boots U 96 im Kriegsjahr 1941 vor Augen.

Allerdings wäre es sehr einseitig, die Inszenierung des Schauspiels von Johannes Pfeiffer mit dem Film zu vergleichen. Genauso verkehrt wäre es, den Blick nur auf den bekanntesten Schauspieler Hardy Krüger jr. zu richten, denn alle neun Schauspieler überzeugten in ihren Rollen in Borken.

Marco Michel als Kriegsberichterstatter Leutnant Werner hatte Buchheim eingeflochten als Spiegel seiner eigenen Erlebnisse als Marinekriegsberichter im Zweiten Weltkrieg. Manches lief alltäglich ab. Da wurde Proviant verstaut. Da wurde das einzige Klo für 50 Mann, so hieß es, frequentiert. Es wurde Karten gespielt, Kreuzworträtsel gelöst, gegelesen, geschlafen, geneckt und gemeckert.

Der Blick in den aufgeschnittenen Rumpf des U-Boots mit dem Ausguck bot das Bühnenbild dazu, dass von Pamela Schmidt entworfen worden war. Männerfreundschaften entwickelten sich allerdings nicht, denn es blieb die Angst vor der Gestapo, die vielleicht in Gestalt von Leutnant Werner einen Spitzel an Bord geschickt haben könnte. Und es blieb die Angst vor dem Beschuss und einem drohenden nassen Tod.

Der Kommandant von U 96, kurz der Alte (Hardy Krüger jr.) genannt, bemühte sich um emotionalen Ausgleich. Auch mit Blick auf seinen ersten Wachoffizier (Alexander Mattheis), der ein strammer Nazi war. Er ließ mehr als einmal die Besatzungsmitglieder buchstäblich stramm stehen. Darunter waren sehr junge Männer wie Fähnrich Ullmann (Lukas Leibe) und Maschinist  Johann (Oskar-Wolf Meier), die sich schon beim ersten Angriff auf ihr U-Boot angstvoll verkrochen.

Alarmsignale für den nächsten Angriff und die Erschütterungen des U-Boots bei der Explosion von Wasserbomben, wodurch die Besatzung in Angst und Schrecken versetzt wurde, veränderten auch die Emotionalität der Besucher. Hysterische Reaktionen, passive Angst und zupackendes Handeln, um zu retten, was noch zu retten war, hielten sich die Waage. Regisseur Johannes Pfeiffer als Bootsmann Lamprecht gehörte zu den aktiven Kräften. Der leitende Ingenieur (Benedikt Zimmermann), der zweite Wachoffizier (Michael Gaschler) und der Funker und Sanitäter Frenssen (Konstantin Gerlach) vervollständigten das realitätsnahe Bild dieser Kriegssituation.

Egal ob Film oder Schauspiel, wohl keiner der Zuschauer wünschte sich eine Wiederholung solcher Erlebnisse. Stehende Ovationen belohnte das Ensemble für dessen Leistung.

Zum Schulstück gibt es auf
www.borio.tv/aktuelles/borken/jugendtheater-4-your-eyes-only_39431

ein Video zu sehen.

Bericht aus der Borkener Zeitung vom 31.01.2017 (RESPEKT/-LOS BZ-Reihe)

 

Wenn Mobbing zu tödlichem Ernst wird

Theaterstück "4YourEyesOnly" im Vennehof

 

Von Sohrab Dabir

 

Borken. Vom Gemobbten zum Mobber, vom beliebtesten Mädchen der Schule zur Verspotteten, von der Realität hin zur Scheinwelt im Internet. Die Grenzen im Theaterstück "4YourEyesOnly" des Westfälischen Landestheaters, das am Montag in der Stadthalle im Vennehof vor 530 Schülern aufgeführt wurde, verwischen schnell.

Wir sehen zunächst zwei Protagonisten auf der Bühne. Die lebensfrohe Anouk (Johanna Pollet) auf der einen Bühnenhälfte und den depressiven, einsamen Sven (Banar Fadil) auf der anderen. Er hält sich die meiste Zeit seines Lebens am Computer auf und wird in der Schule gemobbt. Von einer Gruppe, der auch Anouks Freund Kian angehört. Übers Internet versucht Sven Kontakt zu Anouk aufzunehmen.

Als die Klassenkameraden dies herausfinden, ist die Treibjagd auf Sven eröffnet. Die körperlichen Demütigungen stellen sie ins Internet. Sven wird zur Zielscheibe. Bei einem Treffen zwischen Sven und Anouk, attackiert er das Mädchen, im Glauben, sie stecke hinter dem Cybermobbing. Sven zieht sich von da an immer mehr in die virtuell Welt zurück, nimmt unter neuem Namen wieder Kontakt zu Anouk auf, die ebenfalls zur Zielscheibe von Internet-Attacken wird, nachdem ihr Freund ein traumatischen Erlebnis Anouks aus der Kindheit weitererzählt.

"Das Stück spiegelt wider, was in unserer Gesellschaft los ist", sagt Johanna Pollet. Dass Mobbing heutzutage ein großes Thema an Schulen sei, habe sie selber erlebt. "Ich persönlich habe auch unterschätzt, was für ein Problem das ist." Was passieren kann, wenn sich junge Menschen in dieser Scheinrealität verlieren, zeigt das Stück eindrucksvoll - auch Dank der überzeugenden Schauspieler. "Mobbing entsteht meist aus guten Freundschaften. Es ist ein Symptom unserer Gesellschaft", sagt Julius Schleheck, der den eifersüchtigen und unsensiblen Kian spielt.

Das 80-minütige Stück hält mit drastischen Szenen nicht zurück. Sei es bei Svens Selbstmordversuch oder beim vor der Webcam inszenierten Selbstmord Anouks am Ende des Stücks, mit dem sie schockieren und zeigen will, was die Cyberattacken in ihr auslösen.

An einigen Stellen schien das junge Publikum den Ernst der Szenen nicht ganz begriffen zu haben. So gab es bei diversen Szenen Lacher, die vielmehr traurig als lustig waren. "Wir nehmen die manchmal problematischen Reaktionen des Publikums schon wahr. Wenn es mal ausartet, und die Schauspieler vom Publikum sogar gemobbt werden, sprechen wir das direkt an", so Schleheck.

"4YourEyesOnly", inszeniert von Carola von Seckendorff, ist ein interessantes und gleichzeitig verstörendes Theaterstück über Vertrauen, Rache, Eifersucht und die Auswirkungen von (Cyber-)Mobbing. Es verdeutlicht, was fehlende Medienkompetenz bei jungen Menschen auslösen kann. Für Außenstehende ist nicht immer ersichtlich, was Ausgegrenzte in ihren vier Wänden durchmachen. Diesen Einblick gab das Stück und regte zum Nachdenken an.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 24.01.2017

 

Lehrstunde in Sachen Tango

Cuarteto SolTango führte die Vielfältigkeit der Musik vor

 

Borken. Seit Astor Piazzolla ist auch der argentinische Tango im Bewusstsein der Europäer verankert. Deshalb durften im Tango-Konzert des Cuarteto SolTango in der Stadthalle Vennehof am Sonntagabend seine Werke nicht fehlen. "Mumuki" und die Hommage an die spanische Stadt Cordoba bereicherten das Konzert, das auch als Lehrstunde der vielen argentinischen Facetten dieser Musikrichtung angesehen werden konnte.

"Mumuki" (Die kleine Flut) forderte von den Musikern Sophie Heinrich (Violine), Rocco Heins (Bandoneón), Karel Bredenhorst (Violoncello) und Martin Klett (Klavier) exakte Einsätze und den spontanen Wechsel der Leitstimmen. Klett übernahm nach dem sanften Einstieg zunächst die untergeordnete Rolle der gleichbleibenden Begleitung, während Heinrich ihrer Violine ungewohnt disharmonische Töne entlockte. Der Dialog zwischen dem Cello und dem Klavier rundete gegen Ende des Werkes das Gesamtbild zu einem harmonischen Abschluss.

Piazzolla ist durch seinen Tango Nuevo längst etabliert. Anibal Troilo, Manuel Buzón, Osvaldo Pugliese, Lucio Demare, Pedro Laurenz und Juan D'Arienzo sind dagegen Namen von Komponisten, die in der Tangoszene bekannter sind als in der breiten Öffentlichkeit. Sie stammen überwiegend aus Argentinien.

Von Demare interpretierte das Quartett das Werk "No te apures Carablanca", das besonders beeindruckte. Mit der Violine begann das Stück. Im Wechsel mit Zupfpartien entwickelte sich zusammen mit den anderen drei Instrumenten ein Wechsel zwischen Fließen und Stakkatos, das an das europäische Verständnis des Tangos erinnerte. Die Untergattung der Milonga und des Vals fassten sie ebenfalls zu einem Konzertteil zusammen. Troilo schrieb die "Romance de Barrio" im Dreiviertel-Takt des Tango Vals, der erschaffen wurde aus einer Kreuzung des Walzers mit dem Tango. Immer wieder brach sich dieser Ursprung auch in diesem Werk seine Bahn, allerdings dezent und harmonisch integriert. Die Milonga wurde ursprünglich mit Gesang begleitet. Diese Rolle übernahm in den bestimmten Partien die Violine von Heinrich.

Die Besetzung des Quartetts entsprach fast durchgehend den klassischen Tango-Orchestern, die normalerweise mit zwei Violinen auftreten. Das Bandoneón war auch das Instrument, das Piazzolla spielte. Heins stellte nicht umsonst sein Instrument kurz vor. "Für Astor Piazzolla gab es nur zwei wichtige Namen: Johann Sebastian Bach und Alfred Arnold", so Heins. Bach sei das große Vorbild gewesen, Arnold der Erbauer des Bandoneón, das er stolz dem Publikum zeigte. Diese Erläuterung war ein weiterer Baustein des aufschlussreichen Tangokonzerts, das die Besucher am Ende zu minutenlangem Beifall verführte.

Elvira Meisel-Kemper

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 18.01.2017

 

Furioser Disput über Kunst und Freundschaft

Komödie "Kunst" mit Leonard Lansink und Heinrich Schafmeister

 

Borken. Unterschiedlicher könnten die drei Freunde Marc (Leonard Lansink), Serge (Luc Feit) und Yvan (Heinrich Schafmeister) nun wirklich nicht sein. Vor allem in Kunstfragen entzündete sich ein Streit, der zu einer folgenschweren Rangelei führte und der anschließenden Einigkeit. "Kunst" heißt die preisgekrönte Komödie von Yasmina Reza, die in der gut gefüllten Stadthalle Vennehof in Borken die Besucher amüsierte. Sie sahen nicht nur ihre Fernsehlieblinge Lansink, Schafmeister und den weniger bekannten Feit auf der Bühne, sondern sie erlebten auch eine Lehrstunde, wie man über moderne Kunst streiten kann.

Der Anlass war das abstrakte Gemälde des Künstlers Antrios. Serge hatte sich dieses Gemälde für 200.000 Franc gekauft. Im Hauptberuf Dermatologe, trat er im blütenweißen Anzug mit mintgrünem Hemd als Kunstkenner auf. Marc als Luftfahrtingenieuer sah das Ganze mit naturwissenschaftlich-mathematischem Blick, wunderte sich über die hohe Summe, begutachtete das weiße Bild mit dünnen, farbigen Diagonallinien, bis er sein brachial furmuliertes Urteil direkt hinausposaunte: "Was ist das denn für eine weiße Scheiße?"

Serge war entsetzt und fühlte sich persönlich angegriffen. Yvan im bunten Freizeithemd versuchte zu vermitteln. Yvan, von Beruf Papierhändler, stand kurz vor der Hochzeit. Seinen ganzen "Frauenkram" mit Braut, eigener Mutter und Stiefmutter seiner Braut lud er bei seinen Freunden ab.

Zwischen Lachen und Weinen, zwischen Zorn, Enttäuschung und Resignation spielten die Akteure das gesamte Gefühlsbarometer einer Freundschaft buchstäblich rauf und runter. Lansink als Marc wirkte in seiner dunklen Kleidung, dem gestreiften Schal und seiner Brummeligkeit fast so wie in der seiner Paraderolle des Wilsberg. Schafmeister als Yvan und Feit als Serge überzeugten ebenfalls. Erstaunlich waren die Wandlungen, die Schafmeister als Yvan durchmachte. Er war das symphatische Weichei, das immer wieder Marc und Serge in Sorge um ihn und seinen Frauengeschichten einte. Die körperliche Auseinandersetzung im neu entflammten Streit über das Bild zwischen Marc und Serge endete in einer saftigen Backpfeife, die Yvan als Streitschlichter von Serge einstecken musste.

Die wechselnden Beleuchtungen in der puristischen Bühnendekoration trugen in den kurzen Akten ebenfalls dazu bei, das Szenario des Disputs über Kunst und Freundschaft zu vertiefen. Nach teilweise absurden Abschweifungen einigten sie sich wieder. Serge begann mit rotem Filzstift, sein teures Bild zu bemalen. Marc setzte das fort, während Yvan fast verzweifelte aufgrund dieser Aktion. Gemeinsam wuschen sie den Filzstift wieder ab, hielten das Bild vor sich, verhüllten es gemeinsam und strahlten im Licht der neu erwachten Freundschaft. Der Beifall des amüsierten Publikums belohnte sie.                                    E. Meisel-Kemper

Bilderunterschrift: In dem Theaterstück "Kunst" streiten Marc (Leonard Lansink), Yvan (Heinrich Schafmeister) und Serge (Luc Veit) leidenschaftlich über ein Bild.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 14.01.2017

 

Putin, Pokemons und Perlen der Natur

Kabarett-Trio Storno begeistert mit furiosem Jahresrückblick / Stadthalle zwei Mal ausverkauft

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Schon lange sind sie kein Geheimtipp mehr. Mit zwei ausverkauften Vorstellungen begeisterten die drei Kabarettisten von "Storno" mit ihrem Jahresrückblick 2016 jeweils für zweieinhalb Stunden am Donnerstag- und Freitagabend ihr Publikum in der Stadthalle. Veranstalter war die Kulturgemeinde.

 

Storno ist ein Synonym für bestes Kabarett, politisch bis hin zum Kalauer, schauspielerisch perfekt, ausdrucksstark in Mimik und Gestik und musikalisch haben die drei Herren auch einiges zu bieten. Harald Funke, Thomas Philipzen und Jochen Rüther gönnen den Lachmuskeln ihrer Besucher kaum eine Pause.

Von den USA will das Trio lernen und schlägt vor die Wahlen in Deutschland anzupassen: "Vorschlag, wir nehmen Lothar Matthäus oder Norbert Geissen." Damit sind sie schon bei der Weltpolitik, ziehen Prinz Charles durch den Kakao, der sich ihrer Meinung vielleicht schon über die Grippe der Queen gefreut hat: "Ich sag nur, Lady die." Beim Brexit fragen sie sich, wenn die Angelsachsen aus der EU austreten, "warum dann nicht auch die Sachsen". Und kalauern weiter: "Granufink sollte flächendeckend in der EU ins Grundwasser geleitet werden, dann braucht keiner mehr austreten."

Affekte statt Fakten, die Angst auslösen - das führen sie dem Publikum mit dem Bild eines schreienden Pavians vor Augen, in dem man vielleicht Trump entdecken kann. Um politisch saubere Ausdrucksweise kümmern sie sich auch. "Die Petry redet Kacke, das kann man umformulieren in der Stuhl Petri", meinen sie und beschäftigen sich mit dem AfD-Programm.

David Bowies "Major Tom" wird zu einer herrlichen Einlage mit dem Text "Wählervolk an SPD". Schon sind sie bei so "wichtigen" Dingen wie dem ESC. "Wir sind schon wieder Letzter geworden in Europa, sogar nach Australien. Dafür haben wir im Fußball die Ukraine in 90 Minuten geschlagen, wofür Putin Merkel seinen Respekt zollte. Russlang habe dafür vier Monate gebraucht. Dann erzählt Funke, wie er die Fußballwerbung zu Hause vor seiner Frau umgemünzt hat: "Dieser Körper wird Ihnen präsentiert von Krombacher". "Eine Perle der Natur geht dem Publikum sicher nicht mehr aus dem Gedächtnis", prophezeite Philipzen.

Olympia verarbeiten die drei im Black Föös-Lied "Kloppen sich die Pillen in den Kopp". Doping, Terrorismus, Türkei, CSU, Burka-Verbot, Pokemons, Frauen sind weitere Themen, bis sie am Ende noch ein kleines Theaterstück mit "Horstischote, Sancho Gabriel und Angelina" aufführen. Ohne Zugaben wird das Trio von dem äußerst begeisterten Publikum nicht entlassen.

 

Bildunterschrift: Sie können sich auf alles einen Reim machen: Harald Funke, Jochen Rüther und Thomas Philipzen präsentieren an zwei Abende bestes Kabarett.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 01.12.2016

 

Haushaltsauflösung auf die grandiose Art

"Die Dinge meiner Eltern" in der Stadthalle

 

Von Peter Berger

 

Borken. "Die Dinge meiner Eltern" - das Ein-Personen-Stück, das im Rahmen der Theaterreihe der Kulturgemeinde am Dienstag in der Stadthalle gezeigt wurde, ist eine wunderbare Reflexion über das, was unser Leben ausmacht. Es ist, man ahnt es, weit mehr als bloße Besitztümer.

Nachdem ihre drei Schwestern rasch das Weite gesucht haben, steht Agnes (Gilla Cremer) allein vor der Herausforderung, nach dem Tod ihres Vaters den elterlichen Hausstand aufzulösen. Die Zeit drängt. Cremer, die in ihrem Schauspiel eine Schauspielerin verkörpert, müsste sich als Agnes eigentlich auf eine Theater-Premiere vorbereiten - ausgerechnet die Nibelungen.

Sorgfältigst hat Agnes, die es liebt, Listen zu schreiben, die umfangreiche Hinterlassenschaft erfasst. 2500 Bücher, 121 Einmachgläser, 37 Rotweingläser, drei Rasierapparate (davon zwei kaputte) und und und. Was sie da ohne Punkt und Komma und in immer schnellerem Stakkato vorträgt, ist eine absurde Ansammlung des Alltäglichen. Da scheint es große Schnittmengen in deutschen Haushalten zu geben. Das Publikum jedenfalls erkennt sich amüsiert wieder und quittiert dies mit Zwischenapplaus.

Agnes kommt vom hundersten ins tausendste, die Erinnerungen sind allgegenwärtig: Der Morgenmantel, der nach Mama riecht, die "Kuschritze" im Sofa und so viel mehr. Agnes träumt sich zurück in ihre Kindheit, hält Zwiesprache mit ihren Schwestern und kämpft sich wacker wie Siegfried an vier Fronten zugleich durch die Entrümpelungsschlacht: behalten, verschenken, verkaufen oder wegwerfen.

Erstaunlich ist, was sich mit einem durchdacht spartanischen Bühnenbild so alles anstellen lässt. Der Teppich wird erst zur Foto-Tapete, dann aufgetürmt zum Drachenfels als Nibelungen-Kulisse. Die zunächst zu einer Fassade gestapelten Umzugskartons werden als Esstisch gruppiert, später greift sich Agnes zwei Pappen heraus, um das Liebesleben ihrer Eltern nachzuvollziehen.

Neben diesen komödiantischen Passagen und all den Anflügen von Nostalgie schafft Gilla Cremer, ihr Stück auf eine existenzielle Ebene zu heben. Ihr geht es auch wenn es dramatisch klingt, um Leben und Tod. Um das, was Hinterbliebenen bleibt, wenn die nicht fehlerlosen Altvorderen tot sind. Das Erbe besteht nicht (nur) aus Dingen, sondern - im Idealfall - aus vorgelebten und weiterzutragenden Werten, Gefühlen und Tugenden. Güte. Zuversicht. Liebe.

Mit ihrem grandiosen Solo hat Gilla Cremer ihren Zuschauern ein feines Päckchen Stoff zum Nachdenken mit auf den Nachhauseweg gegeben.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 22.11.2016

 

Schubert, Beethoven, Schemann

Klavierabend mit viel Informationen

 

Bildunterschrift: Dinis Schemann überzeugte mit seinen Interpretationen und brachte dem Publikum zwei große Komponisten näher.

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Pianist Dinis Schemann interpretierte am Sonntagabend Beethoven und Schubert in der Stadthalle auf sehr direkte Art. Das zweite Konzert der Borkener Konzertreihe kam bei den rund 200 Besuchern gut an.

Über Wien und die zahlreichen Komponisten, für die die Stadt eine Art Mekka der Musik geworden war, wusste Dinis Schemann einiges zu erzählen. So würzte er den Klavierabend mit interessanten Informationen rund um Beethoven und Schubert. Die Zuhörer erfuhren, dass Franz Schubert einer der Fackelträger bei Beethovens Beerdigung war, dem Komponisten, den er verehrte. Andererseits zeigte Schemann den großen Unterschied in den Persönlichkeiten der beiden Komponisten auf: Beethoven, der Ansprüche an seine Verleger stellte - Schubert, der von seinen Verlegern dirigiert wurde.

Mit der Sonate Nr. 5 c-Moll op. 10/1 von Ludwig van Beethoven eröffnete der Pianist sein Konzert. Der Steinway-Flügel war das passende Instrument für seinen dynamischen, schnörkellosen Vortrag. Hart und bestimmt ging er den ersten Satz "Allegro molto e con brio" an. Akzentuiert blieb er auch bei dem ruhigen "Adagio molto" und nahm im dritten Satz bei "Prestissimo" wieder volle Fahrt auf.

Von Franz Schubert interpretierte Schemann alle vier Impromptus op. 90 D 899 hintereinander weg. Dabei war seinem Spiel der musikhistorische Wechsel zwischen Klassik und beginnender Romantik deutlich zu entnehmen. Zart, ausgefeilt und den fast improvisatorisch scheinenden Stücken entlockte er die brillanten Töne Schubertscher Liedbegleitung und Orchesterwerke.

Der zweite Teil des Klavierabends widmete der Pianist wieder Beethoven. Die Sonate Nr. 23 f-Moll op. 57 "Appassionata" fällt in Ludwigs zweite Schaffensperiode, in der der Komponist mit dem inneren und äußeren Kampf seines Gehörleidens zu tun hatte. Welche Probleme damit zusammen hingen, verdeutlichte Dinis Schemann den Zuhörern.

Mit teils kräftigem Pedalgebrauch servierte er eine packende Interpretation der "Appassionata", leidenschaftlich und expressiv. Nach stürmischem Applaus war der hervorragende Pianist damit nicht entlassen. An das Konzert knüpfte er Chopins Revolultions-Etüde an - ein weiterer Hörgenuss.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 11.11.2016

 

Klangerlebnis der besonderen Art

"Motown - Die Legende" auf der Bühne der Stadthalle

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. "Motwon - Die Legende" war das jüngste Stück, das im Rahmen der Theaterreihe im Abonnement aufgeführt wurde. Wer eine musikalische Begegnung im Sinne einer geschichtlichen Abhandlung über das von Berry Gordy gegründete Plattenlabel erwartete, fand sich inmitten eines überschäumenden Klangerlebnisses der besonderen Art wieder.

Die stimmgewaltigen, internationalen sowie musicalerfahrenen Sänger und Sängerinnen entfachten ein Feuerwerk der Erinnerungen, indem sie unglaublich viele Songs zum Besten gaben. Bekannte Stücke wie "Superstition", "Ain't no mountain high enough" und "Your love is lifting me higher" ließen die Zuschauerherzen hoch schlagen und spätestens seit "Papa was a rolling stone" konnte man es kaum glauben, dass hier fast ohne Atempause ein Welthit dem anderen folgte.

Die sicherlich bewusst sehr dünn vorgetragene Erzählung trat aufgrund der mitreißenden musikalischen Leistung in den Hintergrund. Trotzdem gelang es der Produktion des Eurostudio Landgraf, den legendären Motown-Sound nicht nur zu erklären, sondern erlebbar zu machen.

Die Zuschauer bekamen ein Gefühl dafür, was diesen speziellen Sound ausmachte und lernten, dass es Einflüsse von Gospel, spezielle Soundeffekte und Songs voller Gefühlwärme sind, die "diese Magie erzeugen konnten" (Paul McCartney über Motown). Sie tauchten ein in die Welt des Berry Gordy und seiner außerordentlich talentierten Musiker wie Marvin Gaye, Lionel Richie, The Temptations, The Jackson 5, Stevie Wonder oder Donna Summer, die ästhetisch wie kommerziel unerreichte Erfolge aus Detroits Hit Schmiede feierten. Dass dieser "Sound of Young America" so groovig rüberkam, verdankte man natürlich der professionellen fünfköpfigen Band, dessen Keyboarder Dominik Franke bespielsweise Musicalstars wie Pia Douwes begleitet. Souverän spielte das Ensemble die legendäre Mischung aus R'n'B, Soul, Funk und Pop und verbreitete Freude und gute Laune.

Der zweite Akt bestand dann fast ausschließlich aus einem puren Konzert, in dem die Sänger - als es an die Klassiker der "Jackson 5" ging - ihrem vorher selbst gesteckten hohen Anspruch nicht  mehr so ganz gerecht werden konnten und der ein oder andere Zuschauer sicherlich angeregt wurde, die vorgetragenen Stücke nochmal im Original zu erleben.

Insgesamt war es schade, dass zuweilen nur der hervorragende Lead-Gesang klar vor dem Klangteppich der Band zu hören war und man die Backings oft nur erahnen konnte.

Das tat jedoch der Stimmung im Publikum keinen Abbruch. Am Ende gewann das Ensemble in seinen tollen Kostümen jeden im Saal für sich und animierte das Publikum zum Mitschnippen und grooven, so dass niemand mehr auf den Sitzen blieb.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 10.10.2016

 

Darf man Leben gegen Leben aufwiegen?

"Terror" zum Auftakt der Theater-Saison

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Der gelungene Auftakt der Theatersaison zog jeden Besucher unmittelbar ins Geschehen hinein: "Guten Tag, meine Damen und Herren. Sie sind dazu berufen, hier zu urteilen. Sie sind die Schöffen, die Laienrichter, die heute über den Angeklagten Lars Koch zu Gericht sitzen. Denken Sie daran, dass vor Ihnen ein Mensch sitzt. Bleiben Sie deshalb bei Ihrem Urteil selbst Mensch."

Für Ferdinand von Schirachs Stück "Terror" wird die Bühne zum Gerichtssaal. Doch nicht nur räumlich gesehen nimmt der Betrachter teil am Geschehen - der Gerichtsvorsitzende fordert den Besucher dazu auf, nach bestem Wissen und Gewissen selbst zu urteilen. Das von der ersten bis zur letzten Minute spannende Stück fesselte das Borkener Publikum.

Lars Koch, Angeklagter und Pilot eines Eurofighters, hat ein von Terroristen entführtes Flugzeug abgeschossen. Alle 164 Menschen starben. Die Terroristen wollten die Maschine auf die vollbesetzte Münchener Allianz-Arena abstürzen lassen. Koch setzt sich über den ausdrücklichen Befehl des Verteidigungsministers, das Flugzeug nicht abzuschießen, hinweg. Christian Meyer, der den Angeklagte darstellt, spielt authentisch: Man nimmt Koch ab, dass er sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hat; schließlich hätten die Terroristen das Flugzeug zu einer Waffe gemacht. Die Ehefrau eines der Passagiere hingegen muss mit der Frage leben, ob die Passagiere nicht doch noch ins Cockpit hätten gelangen können und den Terroristen gestoppt hätten. Die Staatsanwältin betont, dass es etwas Verlässlicheres geben müsse als unsere spontanen Überzeugungen - nämlich den Wert der Verfassung. Dagegen spricht sich der Verteidiger dafür aus, ein Prinzip nicht über den Einzelfall zu stellen. Das minimalistisch gehaltene Stück beinhaltet somit die ethisch komplexe Grundfrage: Darf man Leben gegen Leben aufwiegen? Da schwingt Bonhoeffers Gedanke vom Wahnsinnigen, der in eine Menschenmenge rast und dem wir das Steuer entreißen müssen, die ganze Zeit mit.

Das Stück lässt niemanden unberührt. In der Pause wird angeregt diskutiert. Anschließend gibt es zwei Eingänge zurück in den Theater-/Gerichtssaal (schuldig/unschuldig), durch den die Zuschauer gehen müssen. Dann verkündet der Richter das Urteil: Die Mehrheit ist für "unschuldig".

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 03.10.2016

 

Mit zarten Klängen in die neue Saison

Elias-String-Quartet eröffnet Konzertreihe der Kulturgemeinde Borken

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Mit Streichquartetten von Haydn, Dvorak und Mendelssohn, präsentiert vom Elias-String-Quartet, startete am Samstagabend in der Stadthalle die achte Saison der Borkener Konzertreihe.

Ein hoch konzentriertes und aufmerksames Publikum lauschte erwartungsvoll dem in England ansässigen Quartett mit Sara Bitlloch (Violine), Donald Grant (Violine), Marting Saving (Viola) und Marie Bitlloch (Violoncello).

Von hinter der Bühne ist eine probende Geige mit dem Deutschlandlied zu hören, das aber nur dem Einspielen der Musiker dient, denn Joseph Haydns Streichquartett D-Dur op. 76/5 ist zwei Quartette vom Kaiserquartett entfernt.

Mit einem Allegretto im 6/8 Takt beginnt das D-Dur-Quartett sehr zart und unschuldig, eine Siciliana, die an die idyllischen Arien der Schöpfung erinnert. Das Alegretto scheint ein sehnsuchtsvoller Rückblick auf vergangene Sommertage zu sein.

Wie eine Katze auf Samtpfoten schleicht sich der zweite Satz, das Largo, in den Konzertsaal. Spätestens ab da kann jeder Zuhörer nur noch das feinfühlige Spiel des Quartetts bewundern. Mit atemloser Stille lauscht das Publikum dem absolut präzisen Spiel der vier Musiker.

Beeindruckend interpretiert das Elias-String-Quartet Antonin Dvoraks "Slawisches"-Quartett in Es-Dur, op. 51. Selbst schwierigste Passagen gelingen den Vieren mit spielerischer Leichtigkeit. Nach dem gezügelten Allegro des ersten Satzes wartet der zweite, tänzerische Satz "Dumka" mit folkloristischen Klängen auf. Die Cellistin zeigt eine Spieltechnik, die ihr Instrument in eine Gitarre zu verwandeln scheint. Die Dynamik aller Stücke ist perfekt an den Konzertsaal angepasst, und das bedächtige Absetzen der Bögen am Ende jedes Satzes gibt allen Gelegnehit, den Klängen nachzulauschen.

Weltklasse beweist das Ensemble auch beim Streichquartett Nr. 2 a-Moll op. 13 von Felix Mendelssohn, das der Komponist bereits im Alter von 18 Jahren zu Papier brachte. Ankänge an Beethoven, aber auch recht moderne Passagen, kennzeichnen dieses Werk.

Den begeisterten Applaus der Zuhörer belohnt das Streichquartett mit einer Eigenkomposition des schottischen Violinisten und Ensemblemitglied Donald Grant, einer "Scottish Tune".

Bildunterschrift: Das Elias-String-Quartet begeisterte das Borkener Publikum beim Saisonauftakt in der Stadthalle Vennehof.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 05.05.2016

 

Ecken und Kanten - Brüche und Emotionen

"Frau Müller muss weg" in der Stadthalle

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Lutz Hübner sei einer der wenigen Autoren, denen es gelingt, "brandaktuelle Themen so aufzuarbeiten, dass Ernst und Unterhaltung die richtige Balance" finden (Der Spiegel, 1999). Dies ist Hübner mit der heiteren, lebensnahen Komödie "Frau Müller muss weg" definitiv gelungen, die für gute Unterhaltung sorgte und bestes Konversationstheater mit herausragenden Darstellern bot.

Das Stück, das den Abschluss der Theatersaison bildete, rückt die Problematik des Schulsystems an der Stelle in den Fokus, an der es um den Übergang des Kindes in die weiterführende Schule geht. Dabei kämpfen hier die Eltern - jedoch nicht nur um ihre Kinder, sondern auch immer für sich selbst.

In einem komplett ausgestatteten Klassenzimmer hocken fünf aufeinander eingeschworene Eltern auf den kleinen Stühlchen und wappnen sich für den Kampf gegen den Feind: Frau Müller.

Da die Erwartungen der Eltern nicht mit dem Ergebnis der Pädagogin übereinstimmen, muss sie unbedingt abgesetzt werden. Sachlichkeit und Objektivität spielen keine Rolle mehr. Doch der Abend eskaliert. Plötzlich kneifen die soeben noch Kampfesmutigen und geben klein bei. Den Wortführern und Mitkämpfern werden die Grundlagen ihrer Attacken entzogen, und es stellt sich heruas, dass jeder seine eigenen Baustellen zu verteidigen und kaschieren versucht.

Dem bewusst überspitzten, intelligten aufgebauten Stück verzeiht man die banale Auflösung am Schluss. Jeder einzelne Schauspieler verleiht seinem jeweils eigenen Charakter Authentzität, so dass der Betrachter mitten im Geschehen ist und hier Menschen mit Ecken und Kanten, Brüchen und Emotionen erlebt, von denen man das Gefühl hat, diese irgendwie zu kennen.

Rasante, griffige Dialoge bieten beste Unterhaltung und halten gleichzeitig vor Augen, wie unreflektiert das eigene Verhalten zuweilen ist und wie schwer es ist, den Fehler nicht bei sich selbst, sondern bei anderen zu suchen.

So ermutigt dieses 2010 am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführte Stück anhand des Mikrokosmos Elternabend dazu, im Umgang zwischen Lehrern und Eltern mehr Gelassenheit und gegenseitiges Verständnis füreinander aufzubringen.

Das Borkener Publikum in der Stadthalle Vennehof dankte nicht nur Gerit Kling und Claudia Rieschel, sondern allen auf der Bühne beteiligten Darstellern für eine exzellente Leistung und einen unterhaltsamen Theaterabend.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 26.04.2016

 

Musiker überraschen mit "La Casa del Diavolo"

Württembergisches Kammerorchester Heilbronn beschließt Konzertsaison der Kulturgemeinde

 

Von Kurt-Ludwig Forg

 

Borken. Mit einem Konzert des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn unter der Leitung von Ruben Gazarian endete die siebte Saison der Borkener Konzertreihe, mit der sich die Kulturgemeinde wiederum mit mit einem interessanten Programmzyklus um die Kultur der Kreisstadt verdient gemacht hat. Naturgemäß finden Orchesterkonzerte meistens ein breiteres Interesse als kammermusikalische oder solistische Besetzungen (Ausnahmen bestätigen die Regel), und so war auch am Sonntagabend der Vennehof gut gefüllt mit einem Publikum, das ein solches Angebot sehr wohl zu schätzen wusste.

Zum permanten Repertoire wohl jeden professionellen Streichorchesters gehört Edvard Griegs sogenannte "Holberg-Suite", in er zu Ehren des 200. Geburtstag des Dichters Ludvig Holberg alte barocke Tanztypen mit seinem eigenen romantischen und teilweise auch nordisch-folkloristisch anmutendem Still verband. Gazarian führte "sein" Orchester rhythmisch-nervig und mit Sinn für Details innerhalb  eines größeren Zusammenhangs an. Die durchweg recht zügigen Tempi und die akzentuierte Artikulation konnte man sehr wohl als Resultat eines sich geänderten Interpretationsstil von romantischer Musik betrachten, bei dem eine virtuos geprägte Klangtransparenz im Vordergrund steht.

Im Vergleich zu Griegs Werk wäre die Interpretation Gazarians von Joseph Haydns 2. Violoncello-Konzert vielleicht eher als gemütlich zu bezeichnen. Begründet liegt dies vielleicht in der eher cantablen Struktur der Themen in den schnellen Sätzen. Quasi als Kontrast brillierte der Cellist Valentin Radutiu mit seinem Ruggieri-Instrument von 1685 in seinen virtuosen Passagen und hinterließ so einen nachhaltigen und souveränen Eindruck. Insgesamt wurde besetzungsmäßig das Orchester - genau wie auch bei den nachfolgenden Werken - durch zwei Oboen und zwei Hörner verstärkt, so dass hier die Klangwirkung einem kleinen symphonischen Aparat entsprach, in dem die Bläser sich gut mischten und nur gelegentlich und gewollt mit Klangspitzen zu Akzentuierungen innerhalb des musikalischen Ablaufes zu Wort meldeten.

16 Jahre alt war Mozart bei der Kompostion seiner Sinfonie Nr. 17 in G-Dur, und es lassen sich deutlich Spuren seines Reifungsprozesses wahrnehmen, der schließlich in seinen späteren Sinfonien auch zu einer kontrastreicheren Ausarbeitung der Themen führte. Ähnlich wie in der Holberg-Suite setzte Gazarian einen virtuos-akzentuierten Interpretationsansatz ein, der frisch und unmittelbar die jugendliche Unbefangenheit (wenn es diese gegeben hat?) von Mozart abbildete.

Die Entdeckung des Abends war jedoch innerhalb des bislang recht konventionell gestalteten Programms die Sinfonie in d-moll von Luigi Boccherini "La Casa del Diavolo", die in ihrem Sturm und Drang-Gestus einen dramatischen Abschluss bildete und vom Publikum mit Standing-Ovations bedacht wurde. Natürlich kann man Zugaben auch durch noch so heftigen Applaus nicht einfach einfordern, aber als Saisonabschluss hätte sich durchaus ein kleines oder größeres Schmankerl angeboten.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 25.04.2016

 

Hochzeiten und andere Probleme
Das Musical "Höchste Zeit" liefert Musik und lustige Dialoge zu einer seichten Story

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Mit einem witzig-spritzigen Bühnenstück hat die Kulturgemeinde am Samstagabend in der Stadthalle kurz vor ihrem Saisonfinale noch einen Höhepunkt gesetzt. Begeisterte Zuschauer erlebten einen lustigen Abend mit dem Musical "Höchste Zeit" und dankten es den Darstellerinnen und der Band mit lang anhaltenden Ovationen.

Die Geschichte der vier ungleichen Freundinnen ist rasch erzählt. Die "Karrierefrau" hat ihre drei Bekannten zu ihrer Hochzeit eingeladen, sie sollen als Brautjungfern fungieren. "Jungfern? - Schau uns an. Ein Widerspruch in sich!", meint die "Vornehme", der es nicht gelingt, einen Scheidungstermin nach 25 Jahren Ehe zu bekommen. Dagegen ist die kleine, dicke "Hausfrau" ("Schönheit braucht Platz") eigentlich ganz zufrieden in ihrer Ehe. Und dann ist da noch die "Junge", eine frisch gebackene Mutter, die sich danach sehnt, dass ihr der Vater ihres Kindes endlich einen Heiratsantrag macht. Sie selbst will ihn nicht fragen: "Seit wann kommt der Knochen zum Hund?" So entsteht ein Sammelsurium der Probleme, die sich am Ende aber in Wohlgefallen auflösen. Ein vermeintlicher Seitensprung mit Howard Capendale stellt sich noch als Missverständnis heraus. Rein ins Brautkleid, obwohl ihr die Dessous auch sehr gut stehen. Die Vornehme meint: "Tragen Sie sowas immer?" "Ich bin Geschäftsfrau!" "Das ist Dolly Buster auch." "Ist ihre Haftcreme ranzig geworden?" So ranzen sich die Frauen gerne an, und für die Zuschauer bedeutet das, dass sie aus dem Lachen kaum herauskommen.

Zum Schluss bekommt jede, was sie möchte: Die Vornehme ihre Scheidung, die Junge den Antrag und die Hausfrau: "Nicht jeder kann Pilot sein, es gibt auch hier unten genug zu tun." 20 großartige Gesangseinlagen vor einem sehr schönen Bühnenbild, teils zum Mitsingen und Mitklatschen  für das Publikum, begleitet von einer hervorragenden Band peppten die etwas dürftige Handlung auf und machten das Ganze zu einem echten Bühnen-Höhepunkt.

Bilder zum Thema in der Fotogalerie auf www.borkenerzeitung.de

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 06.04.2016

 

Ein ziemlich guter Theaterabend

"Ziemlich beste Freunde" begeisterte das Borkener Publikum

 

Von Elvira Meisel-Kemper

 

Borken. Jede noch so gute Dokumentation kann das nicht ersetzen, was die Komödie "Ziemlich beste Freunde" auf der Bühne des Vennehofes in Borken geschafft hat. Zwei Männer, der eine kriminell und arm, der andere reich und an den Rollstuhl gefesselt, wurden wirklich beste Freunde. Dahinter steckt die wahre Geschichte der Freundschaft zwischen dem reichen, gelähmten Philippe Pozzo di Borgo und dem Lebenskünstler Abdel Yamine Sellou, der 1993 als Intensivpfleger bei Borgo begann. Bis heute sind sie "Ziemlich beste Freunde". Diese Lebensgeschichte bot Gunnar Dreßler genügend Stoff für die Bühnenfassung der Komödie nach dem gleichnamigen Film.

Timothy Peach spielte den gelähmten Philippe, Felix Frenken den Pfleger Driss. Sara Spennemann schlüpfte in die Rollen von Philippes Assistentin Magalie, der Prostitutierten Olga und von Philippes heimlicher Geliebte Eleonore. Kurze Auftritte hatte Michel Haebler in der Rolle von Antoine, Philippes Freund, dem Bewerber am Anfang und dem Pfleger am Ende der Komödie.

Philippe dirigierte Magalie. Sie erledigt seine Post, schreibt die Briefe an Eleonore und wacht über Driss, der diese Stelle eigentlich gar nicht haben wollte. Zwischen Driss und Philippe entwickelt sich schnell ein intensives Verhältnis. Der Pfleger fragt, ob Philippe noch etwas mit Frauen anfangen könne. Philippe antwortet lachend, dass das über seine Ohren funktioniere.

Der Wechsel der Schwermut des Gelähmten zur Heiterkeit eines Driss berührte die Zuschauer sehr. Driss heitert Philippe immer wieder mit verrückten Ideen auf. Damit umfasst die Komödie nicht nur die Wechselbäder der Gefühle, sondern auch die Hilflosigkeit eines Gelähmten, der komplett auf andere angewiesen ist. Doch Driss kennt kein Mitleid. Er behandelt Philippe fast wie einen Gesunden. Diese mitleidlose Haltung reißt Philippe immer wieder aus seiner Lethargie.

Antoine macht sich Sorgen um Philippe, doch dieser blüht durch Driss richtig auf. Der Rückschlag kommt, als den Pfleger seine kriminelle Vergangenheit einholt. An seine Stelle tritt ein anderer Pfleger, der den Gelähmten wieder in die Unmündigkeit führt. Doch als Driss wieder zu Besuch kommt, Philippe rasiert und eine Hilter-Parodie mit ihm inszeniert, blüht Philippe wieder auf. Als dann auch noch Eleonore auftaucht, kurz bevor der Vorhang fällt, ist Philippes Glück perfekt.

Bewundernswert konzentriert spielte Peach den Gelähmten, der sich nur mit Worten wehren konnte. Komödiantisch und spritzig verkörperte Frenken seine Rolle.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 19.03.2016

 

Viel mehr als nur ein Pokerabend

Schauspieler überzeugen in "Unsere Frauen"

 

Von Dorothea Koschmieder

 

"Es wäre gut zu wissen, ob es so etwas wie Freundschaft überhaupt gibt" (Sándor Márai, "Die Glut")

 

Borken. Wer meint, dieser philosophischen Frage könne nur angestrengt und melancholisch-tiefschürfend auf den Grund gegangen werden, der wurde am Donnerstag im Borkener Vennehof eines Besseren belehrt. In dem intelligenten, unterhaltsamen Konversationsstück "Unsere Frauen" von Éric Assous unter Regie von Jean-Claude Berutti ("Ziemlich beste Freunde") ließen die drei spielfreudigen Darsteller keinen Zweifel (und erst recht keine Langeweile) daran aufkommen, dass man sich diesem Thema auch mit Tempo, Wortwitz und treffsicheren Dialogen nähern kann.

In der modernen Wohnung des Radiologen Max (Justus Carrière, der zeitweilige so genial spielt, dass Erinnerungen an den legendären Louis de Funes wach werden) treffen sich drei Freunde, um eigentlich einen gemütlichen Pokerabend miteinander zu verbringen. Während Max, dessen Freundin gerade das Weite gesucht hat, und der harmoniesüchtige Paul (Mathieu Carrière), bei dem die Ehe in Sprach- und Belanglosigkeit dahinzudümplen scheint, sich über ihre Frauen und Beziehungen austauschen, stolpert Simon (Ulrich Bähnk) herein, der seinerseits gerade mal eben seine Ehefrau im Streit erwürgt hat. Nach ersten Schock-, Rechtfertigungs- und Beschwichtigungs-Reaktionen gilt es nun auszuloten, inwieweit es möglich ist, dem Freund ein passendes Alibi zu verschaffen. Besteht Verrat nicht schon darin, dass man einem Freund in der Not nicht beisteht? Entsteht Untreue nicht dort, wo ich dem Freund die Stütze, auf die er einen Anspruch hat, entziehe? Und überhaupt: Wer ist eigentlich dieser Freund, den ich schon seit Jahrzehnten zu kennen gedenke, der aber doch nicht der zu sein scheint, für den ich ihn hielt.  Aspekte wie Verpflichtung zur Treue, Scheinheiligkeit, Selbstbetrug, Misstrauen und Wahrhaftigkeit werden in komödiantischem Eifer in die Waagschale geworfen. Dass keiner der Protagonisten von Natur aus kein Engel ist, wie es zeitweilig scheint, sondern jeder den anderen zuweilen beschimpft, ihm misstraut, aber dennoch zu ihm steht, das schafft das Stück in einzigartig verblüffender Art und Weise rüberzubringen. Dem Zuschauer wird so ein Gerüst gegeben, hinter der humorvollen Vordergründigkeit dem Geheimnis von Freundschaft, Selbstbetrug und Treue auf die Spur zu kommen. Dass die makabre Story dabei als kriminalistisches Beiwerk in den Hintergrund tritt, jedoch die Intention des Stückes unterstreicht, merkt man daran, dass es eigentlich egal ist, dass Simons Frau am Ende gar nicht tot ist.

In einem Anflug von Heiterkeit und Verbundenheit beginnen die Freunde am Ende doch noch ihr Pokerspiel in der modernen Loftwohnung (ausdrucksstarke Bühneneinrichtung), und so sorgt die Inszenierung für einen heiteren, gelungenen Theaterabend, für den sich das amüsierte Publikum ausgiebig bedankt.
 

 

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 01.03.2016

 

Duo meisterte hohen Anspruch mit Bravour

Stefan Tarara und Lora Vakova-Tarara gastierten mit Violine und Klavier in Borken

 

Von Kurt-Ludwig Forg

 

Borken. Der rote Faden war deutlich erkennbar: Stefan Tarara (Violine) hatte mit seiner (Klavier-)Partnerin Lora Vakova-Tarara für das Konzert der Kulturgemeinde am Sonntagabend im Vennehof ein Programm mit drei Sonaten für Violine und Klavier aus verschiedenen Epochen und Stilrichtugnen zusammengestellt. Allen Werken gemeinsam war ein sehr hoher spieltechnischer Anspruch - der mit Bravour bewältigt wurde - und eine große stilistische Unterschiedlichkeit, welche die beiden Künstler sicher und souverän darstellten.

Ludwig van Beethovens musikalisch-literarisch berühmte "Kreutzersonate" entstand 1802 und ist mit ihrer rund 40-minütigen Länge und ihren dynamischen Exzessen für den ersten Teil eines Konzert durchaus "raumfüllend". Ohne in flache Sentimentalität und übermäßige Romanzismen abzugleiten, gelang den beiden Musikern in den lyrischen Passagen ein Spagat zwischen Emotionalität und klarer Sicht auf die Konstruktion des Werkes, während die Beethoven'schen Eruptionen in den schnellen Sätzen nicht nur gekonnt dargestellt, sondern auch tief emfpunden schien.

Gänzlich anders wurde Maurice Ravels 1927 vollendete G-Dur Sonate präsentiert: Impressionistische Klangpastelle standen in ihrer Raffinesse neben damals teilweise modernen Blues-Klängen, die mit Spiefreude und Witz vorgetragen wurden. Technisch wieder geradezu grandios stand auch der 3. Satz mit seinen Bezügen zu feurigen Zigeunerklängen im Raum, gewiss eine glänzende Visitenkarte für das Musikerduo.

Die 3. Sonate von Johannes Brahms führte wieder ins 19. Jahrhundert zurück in die Übergangszeit von der Hoch- zur Spätromantik. Die nahezu orchestral angelegte und klingende Sonate war eine kluge Wahl als Abschluss des Konzertes, konnte mit ihr doch nochmals das Duo technisch und musikalisch brillieren. Zudem gehört auch eine enorme musikalische Kondition zum Vortrag dieses Werkes als Schluss eines Programmes, die allerdings keinerlei Problem zu sein schien. Für den lang anhaltenden Applaus bedankte sich Tarara mit einem kleinen Solowerk von George Enescu.

Insgesamt ein höchst virtuos und musikalisch brillant vorgetragenes Konzert mit einer hervorragenden Abstimmung zwischen Violine und Klavier, und auch hier sei der Wunsch geäußert, das sympathische Duo gerne wieder in Borken zu hören.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 13.02.2016

 

"Jedes Leben ist kompliziert"
"Mischpoke" bringt unterschiedliche Lebensentwürfe auf die Vennehof-Bühne

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. "Mischpoke" - das Wort ist zurückzuführen auf den hebräischen Begriff der Familie in der Bedeutung "Familie, Gesellschaft, Sippschaft". Folgerichtig handelt es sich bei der am Donnerstagabend im Vennehof aufgeführten Komödie "Mischpoke - Neuer Besuch bei Mr. Green" von Jeff Baron um einen familären Mikrokosmos, der seinen Platz in den Weiten eines für jede der Figuren komplexen Lebens ("Jedes Leben ist kompliziert") zu finden versucht.

In der Inszenierung von Michael Stacheder nimmt Dirk Bender als alter, liebenswert orthodoxer Jude Mr. Green die zentrale Figur des Stücks ein. Größtenteils rankt sich das Geschehen um ihn innerhalb seiner eigenen vier Wände. Hier prallen Lebensentwürfe aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Ross, der sich um den 92-jährigen kümmert, und Chris, Pfleger von Mr. Green, sind ein schwules Paar, das um eine Antwort auf die Frage, ob ein Kind zu adoptieren das Richtige wäre, ringt. Sie treffen auf die orthodoxe Chana, die als Mr. Greens Enkelin plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht und die Familienbande zu ihrem Großvater neu zu knüpfen gedenkt. Diese versucht, das jüdische Leben mit allen Sitten und Gebräuchen zu leben. Gegensätzliche Auffassungen bieten nun Anlass für ausgiebige Streitgespräche.

Mr. Green als verbindende, zentrale Figur hält letztlich auf seine liebenswerthumorvolle Art und Weise alle zusammen, denn er weiß, wo er hingehört ("Ich bleibe hier") und lässt jeden wissen, dass er sie/ihn liebt und gerade die unterschiedlichen Lebenskonzepte und die Familienmodelle akzeptiert.

Dirk Bender spielte den schrulligen Mr. Green wirklich gut und sorgte mitunter für Kurzweil. Joachim Aßfalg, Darsteller des spießigen Ross, hatte die Lacher ebenfalls auf seiner Seite, wie er so mit dem Desinfektionsmittel durch die Wohnung wirbelte.

Dennoch wirkten manche Szenen konstruiert und theatralisch. Man will es dem Handlungsstrang nicht so recht abnehmen, dass Chana in der Kürze der Zeit den Platz bei ihrem Großvater derart einnehmen  kann, dass es zu solch eskalierenden Dialogen kommt, obwohl sich die Beteiligten doch gerade erst kennengelernt haben. Zu rasant, teilweise mit vorhersehbaren Pointen und deshalb wenig authentisch entwickelt sich die Story, die mit ihrer humorvollen Verpackung ein ernstes Thema aufgreift: Welche Bedeutung hat Toleranz? Wie kann ich den anderen tragen, unterstützen und mich tragen lassen, auch, wenn ich ein anderes Lebenskonzept habe als mein Gegenüber?

Die schöne Klezmermusik in den Umbauphasen war ein Genuss für die Ohren. Jedoch bleibt die Frage im Raum stehen, warum ein Stück über Toleranz es nötig hat, einen bestimmten Frömmigkeitsstil wenig wertzuschätzen, sondern ins Lächerliche zu rücken.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 28.01.2016

 

Ein Stück von beeindruckender Intensität

Bei "Rot" von John Logan trumpft der Schauspieler (Benno Lehmann) um Dominique Horwitz groß auf

 

Borken (kos). Während sich der hell erleuchtete Saal der Stadthalle langsam mit Zuschauern füllt, steht Inmitten seiner beeindruckenden, überdimensional großformatigen Bilder der Maler selbst. Rauchend. Er wirkt gleichzeitig nachdenklich und unruhig, wie er so hin und her schwankt.

Der Theaterbesucher findet sich urplötzlich inmitten des Geschehens wieder - im Atelier von Mark Rothko, einem der führenden Vertreter des abstrakten Expressionismus und Wegbereiter der Farbfeldmalerei. Glühend scharlach- und purpurrote Leinwände - geschaffen von Vasilis Triantafillopoulos - dominieren. Mitsamt des detaillierten Bühnenbildes wird der Zuschauer hineingesogen in das Theaterstück "Rot" von John Logan.

Die wilde, von den Stimmungsschwankungen des manisch-depressiven Malers beherrschte Atmosphäre in dessen Atelier vermag Dominique Horwitz, der Rothko spielt, mit ungeheurer Präsenz und Intensität auszudrücken, dass der Betrachter meint, nicht nur einem Theaterstück beizuwohnen, sondern dem Künstler selbst zu begegnen.

Ihm gegenüber brilliert Benno Lehmann in der Rolle des Assistenten Ken. Er schafft es, die ganz Bandbreite vom zunächst zaghaft schüchternen hin zum eloquenten, kraftvollen Gegenüber so auszufüllen, dass er sich vom zögernden Farbmischer hin zum starken Gegenpart Rothkos entwickelt. Er bietet dem sich am Rande des Wahnsinns befindlichen Genie und dessen Arroganz und Selbstgefälligkeit die Stirn.

Im Drang, eine öffentliche Person zu werden und im Wissen darum, dass die Einsamkeit durch den Erfolg nicht gemildert, sondern eher verschärft wird, nimmt Rothko den Auftrag zur Ausstattung des "Vier Jahreszeiten" in New York an.

Dazu stellt er Ken ein, der sich immer mehr als aufbegehrender Gegenpart entpuppt, Rothko herausfordert und dessen  Selbstbetrug entlarvt. Zum Schluss schluckt das Schwarz das Rot - Rothko nimmt sich in seinem Atelier das Leben.

"Meine derzeitigen Bilder befassen sich mit der Größenordnung menschlicher Gefühle, mit dem menschlichen Drama, so viel ich davon ausdrücken kann", sagte Rotko im Jahre 1958. Das Stück von John Logan bringt in beeindruckender Weise genau das zum Ausdruck.

Die Aufführung in Borken beendete nun die fünfjährige Tournee des Renaissance-Theaters Berlin. Das Publikum bedankte sich mit tosendem Applaus und Bravo-Rufen bei den fantastischen Schauspielern, die ihre Rollen mit Leidenschaft ungeheuer facettenreich spielten, für einen kostbaren und außergewöhnlichen Theaterabend.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 16.01.2016

 

Messerscharf seziert - genial kombiniert

Storno: Kabarettistischer Jahresrückblick auf 2015 im Vennehof

 

Von Thomas Hacker

 

Borken. Früher war es doch irgendwie einfacher. Anstelle aufgeregter TV-Specials oder "Braking News" zu Attentaten oder Unglücken gab es einfach nur die Tagesschau mit Karl-Heinz Köpcke. "Er begann mit dem Wort Bonn - und dann war Ruhe", blickte der Kabarettist Harald Funke fast ein wenig sehnsuchtsvoll zurück.

Ganz anders das Jahr 2015. Kein schönes Jahr, das stellte auch das "Storno"-Trio um Harald Funke, Jochen Rüther und Thomas Philipzen ernüchtert fest. 365 Tage lang ständig wechselnde Abgründe rund um Geld, Sport, Religion, Technik oder Politik. Genug Themen also, um an gleich zwei Abenden in der ausverkauften Borkener Stadthalle einen ausgiebigen Abgesang auf ein abgründiges Jahr zu nehmen.

Was bleibt also in Erinnerung? Natürlich die Flüchtlingswelle und das hilflose Agieren von Innenminister "Thomas de Misere". Oder der zweifelhafte Versuch, durch Videobotschaften in den Herkunftsländern aufzuklären. Wie soll das gehen, fragte das Kabarett-Trio scharfzüngig. "Etwa mit Filmen zum Abschrecken wie der Long Edition von 'Forsthaus Falkenau' oder 'Kein-Ohr-Nazi'?"

Vielleicht aber würden gerade die Pegida-Anhänger lediglich falsch verstanden. Oft perspektiv- und teilweise frauenlos, vielleicht laufen Ostdeutsche deswegen lediglich "durch Dresden und rufen: 'Peggy da'?"

So richtig "Piech" hatte in 2015 auch VW, denn "jede blinde Umweltbehörde findet mal ein Winterkorn", erklärte das Trio und rappte passend dazu. Auch der CSU erging es nicht besser, meinte zumindest Thomas Philipzen. "Die CSU-Gesetze sind an sich gut, aber sie sind gegen das Gesetz."

Dumm nur, dass auch die Fifa 2015 mit der Justiz in Konflikt geraten ist. Dem Weltfussballverband brachte es den fröhlichen Song "Fifa Korruption" ein, dem DFB hingegen ein verkürztes Sommermärchen, vorgetragen von Jochen Rüther. Dafür zeigten seine beiden Kolegen in Zeitlupe, wie die Ex-"Lichtgestalt" Franz Beckenbauer Gelder transferierte.

Der Fast-Grexit in der neuen Kolonie "Deutsch-Südost", die Diskussion um die Bundesjugendspiele, oder der menschliche Selbstoptimierungswahn waren weitere Themen des Abends. "Mittlerweile haben 180 Prozent der Menschen Psyche", erklärte Philipzen. "Früher war das Rücken."

Spät - aber nicht zu spät - kam das Jahr 2015 doch noch zu seinem würdigen Abschluss. Mit begeisterten Standing-Ovations und einer genialen Merkel-Dämmerung à la Richard Wagner. Am Ende lächelte wie immer die "Raute der Macht". Nicht entspannt in der Tagesschau - dafür live im Borkener Vennehof.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 12.01.2016

 

Ein Feuerwerk der Flötenkunst

Ensemble Flautando Köln bot begeisterndes Programm auf höchstem Niveau

 

Von Kurt-Ludwig Forg

 

Borken. Flautando Köln - dieser in Fachkreisen prominente Name zog am Sonntag sehr viele Besucher in den Vennehof in ein Konzert, das in der Moderation als ein Feuerwerk der Flötenkunst angekündigt wurde. Zu Recht, denn niemand erwartete bei diesem Feuerwerk die dynamischen Exzesse beispielsweise eines symphonischen Blasorchesters. Dieses Feuerwerk schillerte eher mit den vielen pastellartigen Klangfarben und Musikstilen, mit denen die vier Blockflötistinnen auf Flöten der unterschiedlichen Baugrößen mitsamt ihrem Schlagwerker Torsten Müller technisch höchst virtuos, makellos intonierend und subtil musizierend glänzten.

Spätestens seitdem der Blockflötist Maurice Steger im vergangenen Jahr den Echo-Klassik-Preis gewann, wurde die Blockflöte von einem gewissen Image befreit. Das Instrument wurde in den Fokus der einer breiteren Öffentlichkeit katapultiert. Seit über 25 Jahren hat auch Flautando Köln diese Entwicklung maßgeblich geprägt. Und - dieser Exkurs sei gestattet - hat auch auf lokaler Ebene die Musikschule viele Talente ausgebildet, die es beim Wettbewerb Jugend musiziert bis Landes- oder Bundesebene geschafft haben.

Faszinierend war schon allein die Programmzusammenstellung ohne Berühungsängste. Bearbeitungen von Tänzen des englischen frühbarocken Meisters John Playford oder englisch-irischer Folklore standen neben Arrangements türkischer Volkslieder, der Ausdruckspähre der jeweiligen Heimat und Zeit sensibel nachspürend und doch eben die eigene Note gebend. Zu dieser eigenen Note gehörte die vorzügliche Sopranstimme der Blockflötistin Ursula Thelen, die in den genannten türkischen Volksliedern von ihren Kolleginnen und Schlagwerk sehr eindrucksvoll den Stimmungsgehalt dieser Musik interpretierte. Ebenso faszinierte sie in zwei Arrangements von Kurt-Weill-Lieder, darunter die berühmte "Seeräuber-Jenny" mit dem Brechtschen Text.

Der Schlagwerker Torsten Müller brachte naturgemäß ein ganz eigenes Klangkolorit ein. Einerseits behrrschte er die hohe Kunst des dezenten Begleitens am Schlagzeug und konnte ebenfalls als Solist am Marimbaphon mit Paul Smabacks "Rhthymsong" absolut überzeugen. Das Showpiece "Erinnerungen an Zirkus Renz" von Gustav Peter als Schlussnummer brachte Flautando Klön und Müller in einem atemberaubenden Arrangement nochmals zusammen und beendete ein Konzert, das zugleich kurzweilig und höchst anspruchsvoll war. Einen Anteil daran hatte auch die Moderation von Katrin Krauß und Kersten de Witt, die beide kompetent und wohl überlegt mit einem Stimmklang, der auch jeder Schauspielerin zur Ehre gereicht hätte, das Publikum durch dieses vielfältige Programm führten.

Mit einem eigenen Potpourri aus verschiedenen klassischen Werken, gemischt mit wunderbaren und geschmackvollen parodistischen Einlagen, verabschiedete sich Flautando Köln von den begeisterten Zuhörern. Es war eines der beeindruckendsten Konzerte, die das Borkener Publikum in den vergangenen Jahren erleben konnte.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 16.12.2015

 

Auch Schönheit muss sterben

"Das Bildnis des Dorian Gray" im Vennehof

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Mit dem Theaterstück "Das Bildnis des Dorian Gray" brachte die Burghofbühne Dinslaken auf Einladung der Kulturgemeinde am Montagabend ein Stück auf die Bühne der Stadthalle, das allgemein großen Anklang fand. Lästert der Kabarettist Dieter Nuhr, narzisstische Störungen würden aus dem Katalog der Krankheiten gestrichen, weil jeder ständig mit dem Handy Selfies macht, sehen die Theaterbesucher am Montagabend, welche unerhörte Auswirkung der Narzissmus im viktorianischen Zeitalter haben konnte.

Dorian Gray wird von dem Maler Basil Hallward portraitiert. Der Maler überlässt dem reichen Modell sein Bild, und mit diesem geht Dorians größter Wunsch in Erfüllung: "Ich werde alt und hässlich, aber dieses Bild bleibt immer schön. Warum kann es nicht umgekehrt sein. Ich würde alles dafür geben." So muss Gray seine Seele dafür geben. Durch Lord Henry lernt er seinen Egoismus auszuleben. Er verliebt sich in Sibyl Vane, will die erst 17-jährige Schauspielerin heiraten, verstößt sie aber im letzten Moment. Sibyl bringt sich um, und die Schuld, die Dorian auf sich lädt, zeichnet sich nur in dem brutaler aussehenden Bildnis von ihm ab. Nachdem Dorian auch noch für den Tod von Sibyls Bruder verantwortlich ist und den Maler Basil erstochen hat, ist sein Ende besiegelt. Er zerstört sein Bildnis, das wieder den schönen Zwanzigjährigen zeigt. Er stirbt als hässlicher alter Mann.

Wer als Zuschauer das Sujet kannte, erhoffte sich vielleicht eine modernere Fassung des rund 100 Jahre alten Stoffes. Modern waren jedoch nur einige Spielereien auf der Bühne. So arbeiteten die sechs Schauspieler mit Videotechnik, die sie auf die Wand im Bühnenhintergrund projizierten. Das hatte ein wenig den Hauch von Fernsehreportagen. Zusätzlich gab es Musik, Geräusche und Kommentare über Mikrofon - alles live von den Akteuren selbst gemacht, die sich dafür immer wieder auf die linke Bühnenseite zurückzogen. Der Sinn dieser Einspielungen erschloss sich nicht allen Zuschauern, außer dass er ein wenig Abwechslung in den etwas angestaubten Stoff brachte.

Viele typische "Wild-Sprüche" amüsierten die Besucher oder ließen sie auch mal schlucken, weil doch manches sehr chauvinistisch ist. Da gefiel den Damen im Publikum schon eher die Selbsteinsicht der Protagonisten: "Junge Männer möchten treu sein und sind es nicht. Alte Männer möchten untreu sein und können es nicht." Szenenapplaus bekam Lara Christin Schmidt als Sibyl Vane für ihre "misslungene Theatervorstellung" im Stück. Langer Applaus und viele Verbeugungen belohnten die sechs Akteure zum Ende.

 

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 24.11.2015

 

Ein vierhändiges, musikalisches Heimspiel

Susanne und Dinis Schemann zeigen in der Stadthalle die ganze Bandbreite ihres virtuosen Klavierspiels

 

Borken. Nun schon in der siebten Auflage organisieren die Pianisten Susanne und Dinis Schemann die Borkener Konzertreihe der Kulturgemeinde. Beide Musiker präsentieren ein breites Spektrum hochrangiger Künstler in den verschiedensten Besetzungen, sind dabei selbst oft zu Gast und belegen damit auch ihre eigenen hohen künstlerischen Qualitäten.

Ihr Klavierduo-Abend am vergangenen Sonntag im Vennehof begann mit der Sonate D-Dur KV 381 von Wolfgang Amadeus Mozart, die dieser als Sechzehnjähriger für sich und seine ebenfalls hervorragend klavierspielenden Schwester schrieb. Es gilt als eines der ersten Werke der Literatur für ein Klavier mit zwei Spielern. Mit perfekter Abstimmung und sichtlicher Spielfreude interpretierte das Ehepaar dieses Werk, das trotz seiner scheinbaren Leichtigkeit etliche Klippen enthält. Gerade der Aspekt einer musikalischen Leichtigkeit stand im Vordergrund des Spiels, das auf untypische dynamische Exzesse verzichtete, nicht unstilistisch romantisierte oder individualisierte.

Ein weiteres Schwergewicht in der vierhändigen Klavierliteratur stellt die im letzten Lebensjahr Schuberts entstandene f-moll Fantasie dar. Eigentlich eine Sonate, deren vier einzelne Sätze verschmelzen, mag dieses Werk wohl auch viel Autobiografisches bieten: Parallelen zum Liederzyklus der Winterreise mit dem Bild des einsamen Wanderers bieten sich an. Für das Ehepaar Schemann stand dieses Werk am Anfang ihrer musikalischen Zusammenarbeit, und trotz über 200 Aufführungen merkte man der Interpretation mit ihren vielfältigen Schattierungen, Klang-Eruptionen und inneren Bezügen nicht Verbrauchtes, sondern vielmehr Gereiftes an.

Sergej Rachmaninows Sechs Stücke op. 11 boten den hochvirtuosen Abschluss des Konzertes. Obwohl schon 1894 entstanden, zeigen sie doch viele Merkmale des späteren Kompositionsstils dieses bedeutenden Pianisten, der auch noch als ein Inbegriff des spätromantisch-virtuosen Klavierspiels gilt. Hier konnten die Schemanns ihre technische Bandbreite mit der gewohnten Perfektion ausspielen. Gerade die vielen leiseren, pastellartigen Passagen - ohne diese dabei durch übermäßigen Pedalgebrauch verschwimmen zu lassen - gestalteten die beiden genauso eindrucksvoll wie die vielen volltönigen Passagen, die für einige russische Komponisten so typisch sind. So erlebte das Publikum einen hochmusikalischen und interessanten Klavierabend, der mit sichtlicher Begeisterung angenommen wurde.

Kurt Ludwig Forg

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 19.11.2015

 

Langer Applaus für Oskar

Theaterinszenierung des Grass-Klassikers "Die Blechtrommel"

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Mit dem Roman "Die Blechtrommel" erlangte Günter Grass 1959 den literarischen Durchbruch. Und spätestens seit der Verfilmung im Jahre 1979 kennt man ihn: Oskar Matzerath, eindringliche Hauptfigur des Jahrundertromans. So war man gespannt darauf, wie die Bühnenbearbeitung von Volkmar Kamm den von realistischer Erzählweise geprägten Roman auf Borkens Theaterbühne umsetzen würde.

Sonderling Oskar hört an seinem dritten Geburtstag auf zu wachsen und kann so aus der vermeintlich kindlichen Perspektive lautstark seinen Protest hinaustrommeln und schreien. Dieser bezieht sich auf die Wirklichkeit eines ganzen Jahrhunderts mit seinen Widersprüchen und Absurditäten in kleinbürgerlicher Enge und mit seinen überdimensionalen Verbrechen. Zuweilen aus Sicht des auktorialen Erzählers, der sich auch oft in der dritten Person als "Oskar" anspricht, lässt Grass ihn das Sittenbild einer Gesellschaft im Nationalsozialismus sowie der Vor- und Nachkriegszeit beschreiben, hinter deren Kulisse er schaut und deren Scheinbild er aufzudecken vermag. Anhand des surreal-grotesken Lebensweges der Karikatur des kleinen Trommlers Oskar wird der Gesellschaft schonungslos ein Spiegel vorgehalten, der die menschliche Natur anklagt, aufdeckt, entblößt - und die Erwachsenenwelt und das Spießbürgertum satirisch in den Mittelpunkt rückt.

Zurücklehnen und wohlfühlen kann sich der Betrachter nicht. Das kurzweilige, jedoch herausfordernde Stück verlangt nicht nur von dem exzellenten Hauptdarsteller Raphael Grosch, über körperliche und stimmliche Grenzen hinauszugehen. Es fordert auch vom Zuschauer Konzentration und eine differenzierte Betrachtungsweise, denn mögen muss man "Die Blechtrommel" nicht. Wohl aber anerkennen, dass es der Inszenierung auf hohem Niveau gelingt, die "Aura des Miefs" (Zitat Hans Magnus Entzensberger, 1959), die Grass hier zeichnen will, dem Borkener Publikum unvermittelt nahezubringen.

Dem spielfreudigen und gut aufeinander abgestimmten Ensemble wurde durch Standing Ovations und Zurufe zu Recht in hohem Maße Respekt gezollt. Das grandiose Bühnenbild von Alexander Roy trägt zum Erfolg des Stückes bei: Schnell werden Schauplätze mit Hilfe einer offenen Drehbühne, die von den Darstellern inmitten der Dialoge selbst betätigt wird, gewechselt.

So entsteht, vom Regisseur beabsichtigt, eine Art szenischer Comic, dem das Publikum in den rasanten Szenenwechseln gebannt folgt.

Bericht aus der Borkener Zeitung vom 21.10.2015

 

"Der Prozess" und sein jähes Ende

Schüler der Oberstufe des Gymnasiums Remigianums schauen sich im Vennehof Kafka-Klassiker an

 

Von Laura Schlagheck und Edgar Rabe

 

Borken. Die Rollenverteilung ist klar: Auf der Bühne agieren Profischauspieler des Rheinischen Landestheater Neuss und im Saal sitzen hunderte Gymnasiasten vom Borkener Remigianum. In der Stadthalle Vennehof wird als Präsentation der Kulturgemeinde Borken Franz Kafkas "Der Prozess" aufgeführt. Ende September hatte das Stück beim Neusser Ensemble Premiere - jetzt verfolgen Oberstufenschüler das Geschehen auf der Bühne. Sie wird Kafka bei den kommenden Abiturprüfungen erneut beschäftigen. "Der Prozess" gehört zu den Prüfungsinhalten für den Deutsch-Leistungskurs. Grundkurs Schüler werden sich mit Kafkas "Die Verwandlung" auseinandersetzen müssen.

Die Schüler verfolgen die Handlung auf der Bühne. Die Geschihte über den Bankangestellten Josef K., der unerwartet verhaftet wird, ohne dass er weiß, wessen er sich schuldig gemacht haben könnte, ist ein schwerer Stoff für Vormittags-Theater. Beim Eintritt in den großen Saal erhalten die Remigianer eine kurze Inhaltsangabe zum Stück. Die kann eine Hilfe für das Verstehen der Bühnenfassung von Kafkas Roman aus den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs sein.

Josef K. steht unter Anklage, darf jedoch sein gewohntes Leben weiterführen. Dadurch verändert sich sein Leben dramatisch und sein sonst so "geordnetes Leben" gerät aus den Fugen. Er leidet unter dem Prozess, und sein Handeln, Denken und die Situationen, in die er hineingerät, werden immer absurder. Für das Publikum wird es nicht einfacher, der komplexen Handlung mit ihren schnell wechselnden Szenen zu folgen.

Auch Marie Benning (16) ist das Stück - wie für viele - schwer zu verstehen, da sie das Buch zuvor nicht gelesen hatte - und somit nicht genau weiß, worum es eigentlich in dem Stück geht. Aber: "Es war gut gespielt", gefällt der Schülerin die schauspielerische Leistung der Neusser. "Das Stück war sehr abwechslungsreich und spannend", urteilt Luisa Kemper (16). Das Ende der Theatervorstellung begeistert die beiden Schülerinnen, da es überraschend ist. Am Ende stirbt der Angeklagte durch einen gezielten Schuss.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 30.10.2015

 

Buch-Bestseller landet auf der Theaterbühne

Kulturgemeinde präsentiert Schauspielfassung von "Die Päpstin"

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Die Inszenierung des Bestsellers "Die Päsptin" von Donna W. Cross in der Bühnenfassung von Susanne F. Wolf half dem Theaterbesucher am vergangenen Dienstagabend, tief in die Welt des Mittelalters einzutauchen und atmosphärisch die Dominanz und Machenschaften des Klerus der damaligen Zeit nachzuempfinden.

Dies gelang dem Produzenten Thomas Luft anhand minimalistischer Ausstattung. Die Verwendung von schlichten Holzkisten in der Größe eines Sarges als Symbol und Gestaltungsinstrument, das überaus engagierte neunköpfige Ensemble (plus Musiker), Videoeinspielungen, Licht- und Toneffekte und dadurch sich ständig wechselnde Szenenbilder forderten hohe Konzentration vom Zuschauer. Der wiederum fand in diesem anspruchsvollen Stück keine Verschnaufspause. Dem gut aufeinanderabgestimmten Ensemble gelang es, das komplexe Stück für die Bühnenfassung schlüssig herunterzubrechen und den Betrachter gleichermaßen zu erschecken und zu fesseln.

Immer wieder Verlust, Gewalt und Tod sowie Machtmissbrauch und Willkür berrschen die Szenen von Anfang bis zum Ende. Es ist die Welt des neunten Jahrhunderts, in der Männer in viel höherem Ausmaß Bildung zuteil wird als den Frauen. Die Kirche stellt die Regeln auf und bestimmt, wer Bildung genießen darf.

In diese Welt wird Johanna in Ingelheim hineingeboren. Sie weicht jedoch von diesen Normen ab, indem sie den Drang verspürt, zu lernen und zu denken. Sie lässt sich von keinen noch so widrigen Umständen davon abbringen, lernt lesen und schreiben und landet schließlich als Bruder Johannes Angelicus im Kloster Fulda und zuletzt in Rom, wo sie erst Arzt des Papstes und dann vom Volk selber zum Papst gewählt wird - gegen den Widerstand von Klerus und Kaiser. Dann trifft sie ihren früheren Freund, den Markgrafen Gerold, wieder und wird schwanger.

Johannas Geschichte steht exemplarisch für Selbstbestimmung, dem Drang nach Freiheit und dem Kampf zwischen der Macht der Kirche und dem aufkommenden Gedankengut der Aufklärung - und ist gleichzeitig ein Streifzug durch die Geschichte des Mittelalters mit all seinen Schrecken und Widrigkeiten.

Wenn auch die Schauspieler in den Mehrfachrollen Höchstleistungen vollbringen, so kam doch der Eindruck auf, dass es der Dramatik hier und da ein wenig zu viel war und die Handlung noch konzentrierter auf den Punkt hätte gebracht werden können.

Anja Klawun in der Hauptrolle der Johanna sowie dem gesamten Ensemble wurde verdientermaßen durch lang anhalentenden Applaus für die gezeigten Leistungen auf der Bühne der Borkener Stadthalle gedankt.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 21.10.2015

 

"Der Prozess" und sein jähes Ende

Schüler der Oberstufe des Gymnasiums Remigianum schauen sich im Vennehof Kafka-Klassiker an

 

Von Laura Schlagheck und Edgar Rabe

 

Borken. Die Rollenverteilung ist klar: Auf der Bühne agieren Profischausieler des Rheinischen Landestheater Neuss und im Saal sitzen hunderte Gymnasiasten vom Borkener Remigianum. In der Stadthalle Vennehof wird als Präsentation der Kulturgemeinde Borken Franz Kafkas "Der Prozess" aufgeführt. Ende September hatte das Stück beim Neusser Ensemble Premiere - jetzt verfolgen Oberstufenschüler das Geschehen auf der Bühne. Sie wird Kafka bei den kommenden Abiturprüfungen erneut beschäftigen. "Der Prozess" gehört zu den Prüfungsinhalten für den Deutsch-Leistungskurs. Grundkurs-Schüler werden sich mit Kafkas "Die Verwandlung" auseinandersetzen müssen.

Die Schüler verfolgen die Handlung auf der Bühne. Die Geschichte über den Bankangestellten Josef K., der unerwartet verhaftet wird, ohne dass er weiß, wessen er sich schuldig gemacht haben könnte, ist ein schwerer Stoff für Vormittags-Theater. Beim Eintritt in den großen Saal erhalten die Remigianer eine kurze Inhaltsangabe zum Stück. Die kann eine Hilfe für das Verstehen der Bühnenfassung von Kafkas Roman aus den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs sein.

Josef K. steht unter Anklage, darf jedoch sein gewohntes Leben weiterführen. Dadurch verändert sich sein Leben dramatisch und sein sonst so "geordnetes Leben" gerät aus den Fugen. Er leidet unter dem Prozess, und sein Handeln, Denken und die Situation, in die er hineingerät, werden immer absurder. Für das Publikum wird es nicht einfacher, der komplexen Handlung mit ihren schnell wechselnden Szenen zu folgen.

Auch für Marie Benning (16) ist das Stück - wie für viele - schwer zu verstehen, da sie das Buch zuvor nicht gelesen hatte - und somit nicht genau weiß, worum es eigentlich in dem Stück geht. Aber: "Es war gut gespielt", gefällt der Schülerin die schauspielerische Leistung der Neusser.

"Das Stück war sehr abwechslungsreich und spannend", urteilt Luisa Kemper (16). Das Ende der Theatervorstellung begeistert die beiden Schülerinnen, da es überraschend ist. Am Ende stirbt der Angeklagte durch einen gezielten Schuss.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 01.10.2015

 

Gelungener Saisonauftakt
Kulturgemeinde startete mit "Der Ghetto Swinger" in die neue Theater-Spielzeit

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Eindeutig gelungen war am Montagabend der Auftakt der Theatersaison 2015/2016 der Kulturgemeinde im Borkener Vennehof.

Weder mit zurückhaltenden, leisen Tönen, noch schrill oder aufdringlich erwartete den Besucher ein Stück, das berührte und unter die Haut ging: "Der Ghetto Swinger" eine Erzählung aus dem Leben des Jazzmusikers Coco Schumann, der sich als Sohn einer großen jüdischen Familie schon als Teenager dem Swing und dem damals geächteten Jazz verschreibt. 1943 wird er unter anderem wegen des Spielens verbotener Musik verhaftet und kommt ins Ghetto Theresienstadt, wo er bei der Jazzformation "Ghetto-Swingers" spielt. Weiterhin wird er im KZ Auschwitz Teil der Lagerkapelle, später gibt er im KZ Dachau Konzerte. Coco Schumann hat großes Glück - Musik ist sein Leben, und er überlebt schließlich durch die Musik, denn sein Spiel im KZ rettet ihm das Leben.

Worte können den Wahnsinn der damaligen Zeit nicht beschreiben. Umso mehr nutzt die Inszenierung von Gil Mehmert die Musik - nicht zur Untermalung der Handlung, sie ist vielmehr Leitlinie und Inhalt des Stückes zugleich, um das Leben des Musikers Schumann lebendig vor Augen zu führen. Die grandiose Helen Schneider (als Erzählerin/Gesang, Rosa, Mutter, Chérie und Großmutter) stellte die hervorragenden Musiker nicht in den Schatten, sondern das gesamte Ensemble ergänzte sich in anspruchsvollem, authentischen Spiel und der Betrachter fühlte sich hineingezogen in die Zeit des Swing. Dieser bedeutete Lebendigkeit - und in diesem Fall für Coco Schumann einen existentiellen Sinn.

Neben dieser lebensbejahrenden Kultur, die das Ensemble so feinfühlich rüberbrachte, wurde der Betrachter gleichermaßen hineingesogen in die Atmosphäre der willkürlichen Naziherrschaft, deren Schrecken und Grausamkeit karikiert und angedeutet werden. Dies wird in dem Lied "An allem sind die Juden schuld" (1931) auf die Spitze getrieben, indem es in überzeichnender Darstellung seiner Argumentationsweise das antisemitsche Feindbild ad adsurdum führt.

Coco Schumann wird später einmal sagen: "Wer den Swing in sich hat, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren." Eben diese Botschat verstand Konstantin Moreth (Hauptdarsteller des Coco Schumann) in seinem dynamischen Spiel zu vermitteln und legte in die Schwere des Inhalts eine Leichtigkeit hinein, die zum Ausdruck brachte: Dieses Stück ist ein Symbol für den Sieg des Lebens über Schrecken und Tod.

Der minutenlange Applaus dankte dem hervorragend aufeinander abgestimmten Ensemble für einen wertvollen Theaterabend, der noch leise - nicht aufdringlich - nachklingen wird; der den Schrecken nicht vergessen lässt, aber die Bejahung des Lebens betont.
 

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 23.09.2015

 

Danel-Streichquartett eröffnet die neue Saison
Borkener Publikum erlebt gelungenen Auftakt

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Mit einem wundervollen Konzert des "Quatuor Danel" eröffnete am Sonntagabend in der Stadthalle die Kulturgemeinde der Stadt Borken die neue Saison.

Das belgische Streichquartett spielte Werke von Haydn, Debussy und Tschaikowsky, die allesamt den Beifall des Publikums fanden. Bereits nach den ersten paar Takten von Josef Haydns Quartett für zwei Violinen, Viola und Violoncello f-Moll op. 20/5 bestätigte sich die Äußerung im Programmheft, dass das Quartuor Danel zur "Spitze der internationalen Musikszene" gehört.

Die vier Musiker Marc Danel (Violone), Gilles Millet (Violine), Vlad Bogdanas (Viola) und Yovan Markovitch (Violoncello) bilden mit ihrem Quartett tatsächlich einen Klangkörper, der mit vier Stimmen die klassischen bis modernen Werke  berühmter Komponisten ganz hervorragend interpretiert. Bei Haydns Streichquartett f-Moll, das als typischen Vertreter der Tonart bezeichnet wird und dem eine ernste, schwermütige Grundhaltung nachgesagt wird, spielt das Danel-Quartett dem Publikum eher zarte frühlingshafte Melodien  vor. Der weiche, sinnliche Klang wird zum Ende des ersten Satzes kurz unterbrochen bis das Thema sich in einem fulminanten Schluss durchsetzt. Verhalten tänzerisch kommt darauf das Menuett und erinnert an einen ausgelassenen Sommer. Mit einer beinahe schmachtenden Melodie beginnt das Adagio, die sich im späteren Verlauf zu einem liedhaften Thema entwickelt. Im vierten Satz stehen in der Fuge alle vier Musiker unter dem Diktat der festen Regeln dieser Form, die sie zu so einem glänzenen Höhepunkt stilisieren, dass die Besucher spontan zu einem großen Beifall hinreißt.

Das zweite Quartett mit Claude Debussys g-Moll, op. 10 spricht mehr die Freunde des etwas moderneren Quartettklangs an. Selbst nach über 100 Jahren ist diesem Werk immer noch seine Modernität anzumerken. Der Komponist hat in seiner Zeit auf nur vier Instrumente solch eine üppige Klangfarbenpracht übertragen, wie man sie bis dahin nur von Orchesterstücken her kannte. Eingewoben in diesen Klangteppich sind sehr verschiedene Stile, vom Kirchenchoral über Folklore des Balkans bis hin zu exotischer Gamelan-Musik. Damit entspricht Debussy dem, was man in der Malerei der Epoche des Impressionismus zuordnet.

Nach der Konzertpause überraschte das Danel-Quartett mit Peter Tschaikowskys Streichquartett D-Dur, op. 11, das sie mit ihrer gekonnten Interpretation nicht so zuckersüß wie sonst häufig klingen ließen. Für reichlich Applaus gab es als Zugabe Mieczyslaw Weinbergs Scherzo aus dem 5. Streichquartett op. 27. Ein begeistertes Publikum bedankte sich mit stehen Ovationen.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 06.05.2015

 

"Deutschstunde" in doppeltem Sinn

Lenz-Klassiker auf der Bühne beeindruckt

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Sicher auch als Höhepunkt der zurückliegenden Theatersaison wurde das mit Spannung erwartete Stück "Deutschstunde" des Klassikers von Siegfried Lenz in Borken als Bühnenfassung erwartet. Wie würde die von Lenz persönlich freigegebene Inszenierung von Stefan Zimmermann die bedrohlich unheilvolle, dichte Atmosphäre der Nazi-Diktatur in dem kleinen Dorf bei Husum wiedergegeben werden, die Lenz aus der Sicht des Protagonisten Siggi Jepsen als Kind eindringlich und unnachahmlich beschreibt?

Erstaunlicherweise gelingt es der Produktion des a.gon-Theaters, Rahmenhandlung und vielschichtige Erzählstränge durch die weigeteilte Bühne gekonnt und unaufdringlich miteinander zu verbinden. Auf der einen Seite sitzt der nun 20-jährige Siggi, überzeugend gespielt von Florian Stohr, an seinem Aufsatz "Die Freuden der Pflicht", für den er sich Seite um Seite daran zurückerinnert, was er als Kind und Jugendlicher während des Krieges erleben musste. Auf der anderen Seite werden die Sequenzen, an die Siggi sich erinnert, in Szene gesetzt: Siggis Vater, Dorfpolizist Jens Ole Jepsen, dem Stefan Rehberg mehr menschliche Züge verlieh, als es der Roman hergab, überwacht seinen Jugendfreund, den Maler Max Ludwig Nansen, der mit einem Berufsverbot belegt wurde, indem er ihn bespitzelt und denunziert. Vorlage für die Figur des Malers Max ist der Expressionist Emil Nolde, der mit Berufsverbot belegt war und auch in der Gegend lebte. Lenz schafft eine Verbindung zwischen dunkler Vergangenheit, in der das Unvorstellbar vorstellbar wird, und demokratischer Gegenwart. Und das gelingt auch dieser Bühnenfassung: Es ist eine Deutschstunde im doppelten Sinne: Siggi schreibt den Afusatz, während der Leser oder Betrachter eine Lektion in Sachen deutscher Geschichte erhält: "Ich tue nur meine Pflicht", ist das Lebensmotto des Vaters, der sich keiner Verantwortung bewusst ist, seinen Freund und Lebensretter im Auftrag der Nationalsozialisten verrät und den der Sohn in der Absurdität seines Handelns (das Konfiszieren der weißen Blätter; der Bruch mit seinem Sohn Claas) entlarvt. Siggi schreibt sich seine Lebensgeschichte von der Seele ("Was ich weiß, das möchte ich auch gerne sagen...") so wie Lenz auch geschrieben hat, "um die Welt zu verstehen" und damit die deutsche Geschichte zu analysieren und zu dokumentieren.

Es wird deutlich: Dazu bedarf es keine Metropole als Handlungsschauplatz, sondern der Mikrokosmos eines kleinen, fiktiven Dorfes am Meer spiegelt die Menschen in ihren tiefsten Abgründen wider und hat an Aktualität nichts eingebüßt. Macht und ihre Wirkung lassen Mitgefühl, Freundschaft und Menschlichkeit bis in die Familie hinein ersticken und zeugen davon, dass der politische Konflikt und das unreflektierte Leben in dem Machtapparat auch die engsten, menschlichen Beziehungen zerstört. Das Publikum dankte der hervorragenden Leistung der Darsteller mit intensivem Applaus und Standing Ovations.

Konzert der Extraklasse zum Saisonende

Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Florian Merz überzeugten im Vennehof / Klavierkonzert mit Dinis Schemann

 

Borken (csp). Zum Abschluss der Borkener Konzertreihe hat es am Samstagabend in der Stadthalle ein Symphoniekonzert der Extraklasse gegeben.

Im nahezu bis auf den letzten Platz besetzten Vennehof wussten einige Fans, was sie erwartete: Ein Klavierkonzert mit Dinis Schemann und ein symphonisches Orchester mit langer Tradition  - die Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Florian Merz.

"Bei unserem Abschlusskonzert darf jeder Abonnent einen Gast umsonst mitbringen", verriet Stefanie Bußkönning, Organisatorin der Kulturgemeinde Borken. Das war ein Grund für die zahlreichen Besucher, ein anderer die Qualität der Interpreten. So machte das Bochumer Orchester den Anfang mit der Ouvertüre zur Oper "Oberon" von Carl Maria von Weber, ein Paradestück der fantastisch romantischen Musik. Webers Klänge sind und waren ein Vorbild für so manche märchenhafte Disneyfilmmusik. Und wenn seine Oper "Oberon" vor rund 200 jahren nicht den gewünschten Erfolg brachte, die Ouvertüre ist ein gern gehörtes Stück und wurde von den rund 40 Musikern des Orchesters hervorragend interpretiert.

In den verebbenden Applaus des ersten Stückes musste die Bühne schnell umgeräumt und der Steinway hereingeschoben werden. Auf den Auftritt von Dinis Schemann hatten einige fieberhaft gewartet. Der Pianist pärsentierte Felix Mendelssohns Klavierkonzert Nr. 1 g-Moll, op. 25, dabei integrierte sich das Klavier großartig in den warmen Orchesterklang, ohne dabei seine Eigenständigkeit zu verlieren. Besonderheit dieses Werkes ist das Weglassen "stimmungs-mordender Pausen", wie der Komponist selber bestimmte. Mit Bravorufen und stehenden Ovationen endete das Klavierkonzert. Als Dankeschön gab es von Dinis Schemann bereits vor der Pause eine Konzertouvertüre von Chopin als Zugabe.

Als einziger Programmpunkt stand danach die 4. Sinfonie e-Moll von Johannes Brahms auf dem Programm. Dabei glänzte das Orchester mit einer tadellosen Interpretation des Werks. Die vielfältige Sinfonie bietet dem Zuhörer die ganze Bandbreite des symphonischen Schaffens Johannes Brahms, Kirchentonarten und barocke Tänze, klassische Formen und ein Motiv, das sich in allerlei Verwandlungen in den Sätzen wiederfindet. Selten hörte man eine so sauber gezupfte Streichergruppe wie im zweiten Satz und einen so kraftvollen und wuchtigen dritten Satz der Sinfonie, den Dirgent und Musiker mit hohem Tempo durchführten und beiden alles abverlangte. Insgesamt ein seltener symphonischer Genuss, der am Ende mit langem, kräftigen Applaus quittiert wurde. Mit einer kleine Zugabe endete diese zufriedenstellende Saison.

 

Bildunterschrift:

Den symphonischen Genuss quittierten die Besucher am Ende mit einem langen und kräftigen Applaus.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 17.04.2015

"Blinde Rache"

Kriminalstück mit Knalleffekt begeistert die Kulturgemeinde

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Zu einem Lehrstück in die Abgründe menschlicher Psyche geriet das Theaterstück "Blinde Rache" des Amerikaners Michael McKeever am Mittwochabend in der Stadthalle.

Hierzu benötigt das Ensemble um den Regisseur Thomas Luft nur fünf Darsteller. In der Hauptrolle Ty Bosworth (Stefan Lehnen), der sich als Vater seiner gefolterten und ermordeteten Tochter rächen will. Seine blinde Rache richtet sich jedoch nicht gegen den damals im Prozess freigesprochenen und später durch einen Polizisten erschossenen Täter, sondern gegen den Rechtsanwalt Ellis Burke (Johannes Schön), der den Freispruch erwirkt hatte. Tys Bruder Terry soll ihm helfen, ist jedoch nur ein halbherziger Komplize. "Die ganze Sache stinkt", meinnt er, "ich habe gehofft, wenn ich nicht komme, ziehst du es nicht durch." Doch Ty hat den Rechtsanwalt in eine einsame Hütte verschleppt und will ihn erst 24 Stunden leiden lassen, so wie seine kleine Tochter gelitten hat. "Heute wird richtig zu falsch, und falsch zu richtig", ist Ty sich sicher, denn immer ist seine tote Tochter für ihn gegenwärtig, das mag am Alkohol liegen, mit dem er die ganze Familie zerstört hat oder am Schmerz über den Verlust.

So einsam wie sich Ty das gedacht hat, ist seine Hütte jedoch nicht und so treffen dort auch seine Stiefmutter und seine Exgattin ein, die mit in die Entführung involviert werden. "Wir haben keine Zeit, schreit Ty sein Racheglüst heraus. In der Handlung maximal 24 Stunden, auf der Bühne 80 Minuten. Doch die reichen, die Zuschauer in den Bann zu ziehen, zu begeistern und am Ende fast alle Fragen zu klären.

Wer vor der Vorstellung einen Blick in das Programmheft geworfen hat, weiß, dass es um Justiz und Selbstjustiz geht, um Versöhnung, Reue und Moral und zum Beispiel um die Frage, ob jemand gefoltert werden darf, um die Schuldfragen zu klären. Texte von Schirach oder aus der Presse sind hier abgedruckt, aber kein Wort zur Handlung des Stücks.

"Eine Handlung bedingt die andere", damit gibt sich Ty einen Freibrief für sein Tun. In seinen Rachegelüsten bemerkt er nicht den Widerspruch seiner Worte: "Laß uns auf das blicken was vor uns liegt", damit meint er den Folterplan, "und nicht was gerade war", dass sein Bruder ihm beider Entführung nicht geholfen hat. Dummerweise blickt er nicht weit genug zurück, da muss erst seine Stiefmutter nachhelfen: "Du bist wütend auf dich selber, weil du die neun Jahre mit deiner Tochter versoffen hast."

Der Anwalt scheint verloren zu sein, da hilft es ihm auch nicht, dass er darauf plädiert: "Ich habe nur meinen Job gemacht." "Was ich tue ist Dienst an der Öffentlichkeit, wenn ich einen Rechtsanwalt töte", will Ty weitere Justizirrtümer verhindern. "Das Rechtssystem ist so aufgebaut, dass lieber zehn Schuldige freikommen, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird", äußert sich Burke bevor er zusammenbricht und ins Krankenhaus gebracht wird. Ty wird nicht zum Mörder und lernt wie schwierig Versöhnung ist. Die Frage, ob es bei Recht und Gesetz eine Moral gibt, bleibt als Gesprächsstoff für das von der Vorstellung äußerst begeisterte Publikum.

 

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 20.03.2015

Von Leichtigkeit getragen
"Glück - Le Bonheur" mit Barbara Wussow und Peter Bongartz in den Hauptrollen

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. "Glück erscheint oft wie ein großer Berg. Man muss losgehen Schritt für Schritt." Dieser finale Gedanke in der Komödie "Glück - Le Bonheur" von Eric Assous, die jetzt in der Stadthalle aufgeführt wurde, erscheint zwar schlüssig, wenngleich auch recht schwer und melancholisch im Vergleich zu diesem wunderbaren, von Leichtigkeit getragenen Stück mit Traumbesetzung: Barbara Wussow und Peter Bongartz ergänzten sich wunderbar in dieser modernen Liebeskomödie.

Kinderbuchautorin Louise, nach zwei gescheiterten Ehen nun Single, trifft auf Restaurantbesitzer Alexandre. Beide haben schon ihrerseits Enttäuschungen erlebt, und nachdem man nun die Nacht miteinander verbracht hat, ist zunächst nicht ganz klar, ob man sich wiedersieht. Während er ausweicht, ist sie sich sicher, dass sie mehr will. Dabei spart sie auch nicht mit List und Tücke.

Das Stück nimmt Fahrt auf, indem ungeahnte Äußerungen, Wortwitz und verblüffende Wendungen ("Hast du dich in mich verlieb? Das war nicht abgemacht.") dem Stück einen unverwechselbaren Charme geben und Spannung erzeugen. So wird es dem Zuschauer ermöglicht, sich entspannt zurückzulehnen und einen rundum gelungenen Theaterabend zu genießen. Der Wechsel zwischen Wortspielereien, Louises treffsicheren Dialogen und Pointen, die sich mit Alexandres saloppen und unbeholfenen Äußerungen, gespickt mit Gags (in den unmöglichsten Situationen nimmt er die Reservierungen für sein Restaurant entgegen), abwechseln, machen das Stück so amüsant und kurzweilig.

Schon die Kulisse ist bezaubernd und großzügig angelegt mit den hellen Möbeln, den vielen großen Fenstern und dem warmen Licht. Sie spiegelt Freiheit und Geräumigkeit wider, die auch das Stück verkörpert: Louise und Alexandre lassen sich nicht in Schubladen einorden, und sie sortieren sich selbst dort auch nicht ein, ignorieren gängige Klischees zwischen Mann und Frau und reagieren oft erstaunlich anders, als man es erwartet. Obwohl deutlich wird, dass die Liebe zwar zerbrechlich ist, lässt man sich wieder auf das Experiment Liebe neu ein. Man lässt, obwohl man auch hier vor Überraschungen nicht sicher ist, demanderen und sich selber Frei- und Spielräume, macht sich verletzlich, verletzt und verzeiht. Auch der Hafen der Ehe, in den die beiden am Ende steuern, bietet keine Sicherheit; sondern auch hier gilt es, sich immer wieder neu und vorbehaltlos zu begegnen. So ergänzen sich Aussageabsicht und Inszenierung hervorragend und laden selbst ein zu einer Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die im Alltag so schnell verloren zu gehen scheint.

Das kurze Stück besaß genau die richtigen Zutaten zu einem gelungenen Theaterabend, bei dem man das Gefühl hatte, mit den Darstellern zu lachen - und nicht über sie. Herrlich erfrischend und beschwingt ging man nach Hause.
 

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 17.03.2015

"Geistertrio" und irische Klänge

Das norwegische Grieg Trio gastierte in der Kreisstadt

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Wundersame und wunderbare klassische Musik brachte das norwegische Grieg Trio am Sonntagabend auf die Bühne der Stadthalle.

Von Norwegern und Stadthalle zu sprechen, greift fast zu kurz, denn sie sind bekannte internationale "Klassikstars" und können nicht nur den Klang der Carnegie Hall mit dem der Stadthalle in Borken vergleichen. Die beiden Herren am Klavier und der Violine sind Vebjorn Anvik und Solve Sigerland, die erst durch Margrete Fesjo am Violoncello zu dem gefeierten Grieg Trio werden.

"Beim Grieg Trio hatte ich eigentlich Musik von Edvard Grieg erwartet", sagte eine Besucherin. "Mit Beethoven bin ich auch zufrieden, aber mit Martin kann ich nichts anfangen." So ging es nicht allen Besuchern, wenn man den kräftigen Applaus richtig interpretierte. Ludwig van Beethovens Trio für Violine, Violoncello und Klavier D-Dur, op. 70,1, das so genannte Geistertrio, war ein Genuss. Zum Eindruck des Geisterhaften trägt der Klang bei. Mit diesem ersten Stück stellt das Grieg Trio sein klassisches Können und die hervorragende Interpretation bereits unter Beweis.

Mit moderneren Klängen ging es bei Frank Martins Trio über irische Volkslieder weiter. In drei Sätzen erinnert das Werk des Schweizers häufig an Dvorak und gipfelt im dritten Satz, in dem Zweier-, Dreier-, Vierer- und Fünfermetrum einander in rascher Folge abwechseln. Im Höreindruck entsteht daraus ein mitreißend schwungvolles Finale.

Auch im zweiten Teil des Konzertes überzeugten die drei auf der Bühne ihr Publikum mit dem wenig populären, aber anspruchsvollen Trio von Felix Mendelssohn-Bartholdy Nr. 66. Großartig gestalteten die Musiker die hoch dramatischen Ecksätze. Brahms, Bach und der Sommernachtstraum - alles vereint sich in diesem Werk.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 05.03.2015

Das hätte Freddy Mercury gefallen
Die "Tanzhommage an Queen" zeigt spektakuläre Elemente und erfreut Queen-Fans in der Stadthalle

 

Borken (csp). Wer ab und zu seinen Queen-Scheiben herausholt, um "We are the Champions" oder "Another one bites the dust" zu hören, kam am Dienstagabend in der Stadthalle voll auf seine Kosten. Unter dem Titel "Tanzhommage an Queen" brachte das Györ-Ballett auf seiner Tournee die bekannten Queen-Titel als neoklassisches Ballett auf die Bühne der Stadthalle.

Läuft die Queenmusik aus der heimischen Anlage vielfach im Hintergrund, wurden an diesem Abend Auge und Ohr gleichzeitig angesprochen. Titel wie "We will rock you" und "A kind of magic" erfuhren durch die Choreografie und Videoshow im Hintergrund eine vollkommen neue Interpretation.

Tänzerinnen und Tänzer präsentierten ihre gewaltigen Sprünge und ihren Spitzentanz in prächtigen Kostümen, untstützt von spektkulären Lichteffekten und einer beeindrucken Choreografie, die zu keiner Zeit Langeweile aufkommen ließ. Im Gegenteil war das Ganze so anregend, das einige Besucher mit kleinen Tanzschritten in die Pause gingen, noch beseelt vom Klang der großartigen Band.

Auch im zweiten Teil der Tanzhommage an Queen wurde von Tänzern die Beherrschung der klassichen Tanztechnik ebenso wie die des modernen, expressiven Bewegungsvokalbulars gefordert. Eine Freude für alle Ballettfans, denn virtuose Soli und Pas de deux wechselten mti explosiven Ensemblenummern ab. Ein Crossover an Stilen und eine harmonische Verschmelzung von klassichem Ballett und Rockmusik, wie es dem viel zu früh verstorbenen Freddie Mercury sicher gefallen hätte.

Die Videoprojektionen, die Dmitrij Simkin, selbst Tänzer, für die Show entwickelt hat, stellten die Höhepunkte in Mercurys und Queens Karriere heraus. Und sie visualisierten Leben und Tod des legendären Sängers.

Die hunderte jungen und alten Queen-Fans, die diesen Abend erleben durften, waren begeistert; und manch einer saß vielleicht dazwischen, der es bereut hat, Queen nie live gesehen zu haben. So erreichte die "Tanzhommage an Queen" ihr Ziel, an große Künstler und herrliche Musik zu erinnern und sie zu ehren.

Unterm Strich eine außergewöhnliche Vorstellung, die mit stehenden Ovationen für das große und großartige Tanzensemble endete. Einziger Wermutstropfen dieses Abends. Obwohl zwei Stunden lang, war diese tolle Show dann doch wiederum zu kurz.

Bilder zur Veranstaltung auf www.borkenerzeitung.de

Video zur Veranstaltung www.borio.tv
 

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 26.02.2015

Authentische Einblicke in das Leben der Monarchen
"The King's speech" auf der Vennehofbühne

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Exzellente Schauspieler in einem exzellenten Stück eroberten die Herzen der zahlreichen Zuschauer im Vennehof. Mit verdienten Standing Ovations wurde dem beeindruckenden Spiel am Ende Respekt und Anerkennung gezollt: "The King's speech", ursprünglich als Theaterstück geschrieben, 2010 zunächst als Film realisiert, dann von den Kempf Theatergastspielen produziert, feierte im Dezember 2012 Tourneepremiere und sorgte am vergangenen Diestagabend für ein wertvolles Theatererlebnis.

Wer den mit vier Oscars ausgezeichneten, gleichnamigen Film kannte, zog natürlich Parallelen; jedoch steht die Bühnenversion dem Film in nichts nach. Das liegt nicht zuletzt am Verdienst der hervorragenden Darsteller: Götz Otto als Bertie, Herzog von York, spielte den unglücklichen, stotternden König George VI. sehr anrührend, menschlich und glaubwürdig.

Sich in diese sensible Rolle hineinzuversetzen erfordert angemessenen Ernst und Identifikation mit dem realen Vorbild. Das hat Otto in jeder Sekunde geschafft, ohne zu überzeichnen oder ins Kitschige, Überzogene abzurutschen. Der Figur des verschlossenen und geplagten Monarchen gegenüber steht der sympathische Sprachtherapeut Lionel Logue, den Steffen Wink wunderbar heiter und mit so viel Witz und Charme spiellte, dass man ihm die Leichtigkeit und Unbekümmertheit dieser Figur abnahm.

Logue, bei dem selber im Leben nicht alles glatt lief, nimmt den Gegenpart zur Schwere George VI. ein. Er stellt sich gegen die Konventionen und kann dem König helfen, das Stottern abzustellen, obwohl es dem Erzbischof von Canterbury missfällt, dass Bertie gerade bei ihm, Lionel, Hilfe sucht. In der Schlussszene umarmen sich beide - die einander eigentlich nicht näher kommen dürften als im Abstand von zwei Metern - als Freunde.

Otto und Wink ergänzen sich auf der Bühne hervorragend; sind eine Augenweide und sorgen für Leichtigkeit in der Schwere des Stoffs. Daniela Kiefer als Herzogin von York spielt beeindruckend auch ohne viele Worte versetzt sie den Betrachter in die damalige Zeit. Durch Eleganz, sorgsam ausgewählte, zeitgemäße Garderoben und klare Stimme überzeugt sie in professionellem Spiel.

Eine ausladende, wenn auch einfache und effektvolle Bühnendekoration und eingespielte akustische Sequenzen unterstreichen dezent das Agieren der Schauspieler und lassen diese in den Mittelpunkt treten.

Autor David Seidler, den die Queen Mum, Witwe des verstorbenen König George VI. bat, die Geschichte erst nach ihrem Ableben zu erzählen, hat es geschafft, einen authentischen Einblick in die inneren Abläufe der Monarchie, der Abhängigkeiten, Freiheiten und Unfreiheiten der Einzelnen zu geben.

Aussagen der Royals im Stück wie "Wir sind keine Familie - wir sind eine Firma" scheinen am Ende widerlegt zu werden: Durch Menschlichkeit und das offene Eingestehen von Schwäche und durch ein freundschaftliches und familiäres Band.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 28.01.2015

 

Fragen nach Wahrheit und Lüge, Liebe und Verlust

"Das Interview" auf der Vennehof-Bühne

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Nein, die Requisiten auf der Bühne - Pappherz, Hängematte und Fernseher - stellen keine Utensilien für einen Hochzeits-Sketch dar. Sie sollten am vergangenen Montagabend den Handlungsstrang unterstreichen, in den der Zuschauer im Theaterstück "Das Interview" unsanft hineinstolperte, sollten ihn eintauchen lassen in ein Wechselspiel aus Abgründen der Seele, das die großen universellen Fragen nach Wahrheit und Lüge, Liebe und Verlust, Schein und Sein aufgreift.

Jedoch verlor sich der Betrachter in dem Schauspiel nach einem Film von Theo van Gogh des Tournee-Theaters Thespiskarren im Nirgendwo auf der Suche nach Sinnhaftigkeit und Substanz des Stückes. Ein Hauch von Tiefgründigkeit hing über der dünnen Decke der Klischees und vorhersehbaren Wendungen. Die Schauspieler Gregory B. Waldis (Peter Peterson) und Julia Grimpe (Kajta Schuurmann) gaben sich viel Mühe, die Charaktere der beiden Protagonisten herauszustellen, doch der Funke auf das Publikum wollte nicht so richtig überspringen. Dabei ist die Story durchaus klug und vielschichtig: Peter, Politik-Journalist, der eigentlich gerade über die aktuelle Regierungskrise berichten will, soll TV-Sternchen Katja interviewen. Das empfindet er natürlich als unter seiner Würde und ist stocksauer, als er sie in ihrem Appartement antrifft. Er, der Gebrandmarkte, ehemals mitten im Leben stehende Kriegsberichterstatter mit einem traumatischen Hintergrund, trifft auf die Silikon- und Glamourwelt. Seine Fassade bröckelt, als er erzählt, dass er seine Frau umgebracht hat. Katja jedoch offenbart ihre Tiefgründigkeit: schließlich kommt heraus, dass sie Krebs hat. Oder gilt das doch eher ihrer Freundin? Wessen Tagebuch hat Peter jetzt eigentlich heimlich gelesen? Verletzungen, Verwundungen, offene Fragen und Sehnsüchte treten an die Oberfläche. Die Verstrickungen in- und miteinander nehmen ihren Lauf.

Leider versteht die Inszenierung es nicht, dem Zuschauer Zeit und Luft zu geben, in die Story einzutauchen und mitzukommen. Man hinkt dem Geschehen hinterher, und so fehlt es dem Stück an Glaubwürdigkeit und Intensität. Wenn Katja allzu plötzlich in Peters Armen liegt: die Intimitäten der beiden, die hier ausgetauscht werden, keine Zeit haben, sich anzubahnen; wenn die Vater-Tochter-Problematik im Schnelldurchgang angerissen wird, hat man das Gefühl, einen guten Film im Zeitraffer gesehen zu haben. Das ist schade, denn - abgesehen von den sich wiederholdenden Plattitüden und Dialogen sowie dem allzu vorhersehbaren, dünnen Plot, waren die Schauspieler durchaus sympathisch und gaben ihr Bestes. Das verdient Anerkennung.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 27.01.2015

 

Musikvergnügen mit ungezähmter Schlagzahl

"Elbtonal Percussion" in der Stadthalle

 

Von Thomas Hacker

 

Borken. Wer sich am Sonntagabend mit geschlossenen Augen einzig auf den Trommelzauber in der Stadthalle Vennehof konzentrierte, erlebte zwar ein unnachahmliches Klangvergnügen, doch dem entging gleichzeitig eine höchst ansprechende Show. Denn obschon allein die ganze Bandbreite der Percussion-Welt auf der Bühne in allen Größen eine Augenweide war - wie virtuos die vier Schlagzeuger daraus einen harmonischen Klangzauber hervorbrachten, war atemberaubend anzusehen.

Dabei war es allein schon beachtlich, dass die vier "Handwerker" der Formation "Elbtonal Percussion" es im Rahmen ihres Konzertes tatsächlich schafften, alle Instrumente mindestens einmal erklingen zu lassen. Wie viele Trommeln auf der Bühne versammelt waren? "Haben wir nie gezählt", sagte Andrej Kauffmann über die verwirrende Vielfalt vom kleinsten Glöckchen bis zur großen Marimba. Damit spielten sich Wolfgang Rummel, Andrej Kauffmann, Jan-Frederick Behrendt und Stephan Krause ebenso schnell wie ihre Trommelwirbel in die Herzen der weit über 200 Zuschauer.

Doch nur der Zufall, und weil sie sich als Studenten nicht genau einen Zettel über ein Musikprojekt durchlasen, fanden die vier vor 18 Jahren zusammen. Denn das fand in ihren Semesterferien statt, entsprechend gering war anfangs ihre Begeisterung. "Doch im Nachhinein war es eine glückliche Fügung", erinnert sich Kauffmann.

Knapp zwei Jahrzehnte später präsentieren sie in Borken ihr aktuelles Programm "Urban Drums". Kauffmann: "Wir haben uns dabei von der Klangkulisse des Hamburger Hafens inspirieren lassen, doch auch Töne aus aller Welt kommen vor". Was ihre Konzerte dabei so unverkennbar macht? "Uns hört man nicht einfach so im Radio oder Kaufhaus", beschrieb Kauffmann das Besondere ihrer Musik. "Deshalb sind unsere Konzerte für die Besucher ein wahres Live-Erlebnis".

Das bewiesen die vier Hamburger bereits mit ihrem ersten afrikanischen Stück "Ghanaia", dessen sanft, spärische Klänge im Gegensatz zum Trommelorkan von "Trio per uno" standen. Doch auch Johann Sebastian Bachs Werke erklangen allein schon weil diese "wesentlich ökonomischer" zu spielen seien als viele schweißtreibende Stücke. Trommelvirtuosen aber auch mit gesanglichen Künsten, so bei "Uneven souls", funktionierten sie Eimer und Regentonnen in "Stomping buckets" um, jazzten melodisch und rhythmisch in "Don't let the beg bugs bite" und gingen bei "Lift-Off!" zumindest gefühlt in die Luft.

Zurück ließen sie ein beeindrucktes Publikum und vielleicht auch bei dem einen oder anderen Zuhörer eine Ahnung fürs nächste Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk an die Enkel: Ein Schlagzeug, mit dem wird's nicht langweilig.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 23.01.2015

 

"Narnia" wird in Borken verwirklicht

Das Junge Theater Bonn zu Besuch in der Stadthalle

 

Von Theresa Breuer

 

Borken. Vor 400 Schülern präsentierte das Junge Theater Bonn auf seiner Tournee am Donnerstag in der Stadthalle das Musical "Die Chroniken von Narnia".  Dies handelt von den vier Geschwistern Peter, Susan, Edmund und Lucy, die im Zweiten Weltkrieg zum Schutz vor Luftangriffen in einem alten Landsitz in Sicherheit gebracht werden.

Dort entdeckt die jüngste Schwester Lucy ein Tor zu dem magischen Land Narnia. Zuerst glauben ihre drei älteren Geschwister ihr nicht, doch später landen sie durch einen Zufall alle vier im Zauberland. Nach einigen Komplikationen und Auseinandersetzungen retten sie Narnia vor dem Fluch einer bösen Hexe durch ihren Zusammenhalt und ihren Mut.

Schnell wurden die jungen Zuschauer von diesem spannenden Abenteuer mitgerissen, da die Schauspieler sehr überzeugend wirkten. Zwar war das Bühnenbild nicht sehr abwechslungsreich, doch durch unterschiedliche Beleutung der Bühne konnt der Zuschauer dennoch sofort erkennen, wo sich die Personen gerade befanden. Während der Vorstellung wurde wegen der lustigen Darstellung der Figuren viel gelacht, und die Stimmung im Saal war ausgelassen. Insgesamt war das Musical, zu dem die Kulturgemeinde eingeladen hatte, schön inszeniert. Der Roman wurde sehr beeindruckend umgesetzt.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 15.01.2015

Mit spitzen Zungen

"Storno - Die Abrechnung" / Kabarettistischer Rückblick auf ein bewegtes Jahr 2014

 

Von Thomas Hacker

 

Borken. 365. Tage voller Freude, Enttäuschungen, Hoffnungen, Überraschungen. Aus dem Jahr 2104 einen Jahresrückblick zu zimmern, fiel Harald Funke, Jochen Rüther und Thomas Philipzen bei dem Überangebot nicht schwer. So verfielen die Besucher in der ausverkauften Stadthalle knapp zweieinhalb Stunden lang zum zehnten Jubiläum der "Storno"-Tour in einen wahren Lachrausch: Zu unterhaltsam skizzierten die drei scharfzüngigen Kabarettisten ihren Jahresrückblick.  Und der gestaltete sich - nicht wie bei den üblichen TV-Rückblicken - bissig, witzig und gnadenlos, garniert mit einer Prise Gesang und vollem Körpereinsatz.

Themen wie I-Phone-Hype, Ice-Bucket-Challenges, Selfies, die NSA-Datensammelwut oder Liebesschlösser - sie alle zogen vorüber, (fast) nichts blieb aus. Dabei war doch gerade das politische Themenfeld im vergangenen Jahr überaus ambivalent. Innenpolitisch gestaltete es sich eher überschaubar, was Jochen Rüther statt eines langatmigen Referats zu einem knappen "Demokratie hat aus, fertig" zurückstutzte. Um zu demonstrieren, dass "jeder Kanzler kann", wurde kurzerhand Harald Funke zum Versuchsobjekt. Als Mischung aus Helmut Kohl und Helene Fischer, quasi als "Birne Helene", lief er gesanglich zur Höchstform auf und münzte das Lied "Atemlos" in die Zeilen "Standpunktlos an der Macht und kein Widerstand erwacht" um.

Außenpolitisch ging's dagegen hoch her. Nach dem Motto "Vladimir, so ich dir", entstand die Idee, dem russischen Expansionsdrang Dresden, Austragungsort der Pegida-Märsche, zu opfern. Dort könnten dann die "Rote Armee gegen Faschisten" ihre Rivalitäten austragen. Überhaupt die AfD! Das Programm der "Alte Naive für Deutschland" zauberte Funke kurzerhand aus seiner Nase. "Rechtspopelismus" nannte er das, was er anschließend erblickte.

Glücklich wähnte er sich, als er die Idee der Negativzinsen erster Banken weiterentwickelte. "Wenn ich mein Konto überziehe, muss sie mir Zinsen zahlen", frohlockte er - kurzzeitig. Mit einer anderen Währung dagegen könnte man ja heimkehrende Salafisten bekehren - Jungfrauen. "Wenn sie 72 Jungfrauen im Paradies erwarten, könnte der BND ja 73 bieten", lautete eine Idee.

Nach einem langen Pointen-Feuerwerk und einer "Macbeth"-Neuinszenierung mit Ursula von der Leyen, Angela Merkel und Sigmar Gabriel, die kein Auge trocken ließ, wollte das Publikum die drei Kabarettisten kaum von der Bühne lassen. Zu unterhaltsam war der Rückblick gegen das Vergessen, der schon jetzt Geschmack macht auf die Abrechnung 2015.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 12.12.2014

Pointierte Dialoge sorgen für beste Unterhaltung

Schauspiel "Wir lieben und wissen nichts" in der Stadthalle

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Heitere und gelöste Stimmung herrschte beim jüngsten und unterhaltsamen Theaterabend in der Stadthalle. "Wir lieben und wissen nichts" ist ein Stück von Moritz Rinke über Schlüsselmotive wie Autonomie, Partnerschaft, Bindung, Selbstverwirklichung und Narzissmus - ein tragikomisches Stück über die richtigen Lebenskonzepte und die Gier nach Erfolg, bei dem die Grenzen zwischen den Genres bewusst verschwimmen.

Vorweg sei gesagt, dass es Rinke gelingt, pointierte und witzige Dialoge zu schreiben, die die Fassaden und Heimlichkeiten, Sehnsüchte und Sackgassen entlarven und dem Betrachter ein Dauerschmunzeln ins Gesicht - zumindest während des langen, ersten Aktes - zauberten. Alle vier hervorragenden Schauspieler spielten professionell und verkörperten ihre unterschiedlichen Charaktere überzeugend. Sebastian, gescheiterter Kulturhistoriker, Träumer, Stubenhocker sitzt auf seinem Stuhl, umgeben von Umzugskartons und Bücherstapeln in einem beinahe leeren Raum. Seine Freundin Hannah wird für zwei Monate als Zen-Coach Seminare für gestresste Banker in Zürich geben. Während Sebastian verlauten lässt, dass er gar nicht weg will, empfangen sie ein Ehepaar, mit dem sie für diese Zeit die Wohnungen tauschen. Der Konflikt spitzt sich zu. Hannah will ein Kind von ihm, doch er scheint ganz und gar ungeeignet, Verantwortung zu übernehmen. Kontrollfreak Roman und die zunächst scheue Magdalena - beide Mittelschichtpaare prallen aufeinander. Roman verkörpert zunächst das Reale, Magdalena wirkt erst wenig eigenständig. Sie entwickelt sich immer mehr zu einer faszinierenden, kraftvollen Figur, die stehts behutsam ihrem Roman vermitteln will, dass seine Wirklichkeit gescheitert ist, was er bis zum Schluss nicht wahrhaben möchte.

Regisseur Rüdiger Hentzschel besetzt die Paare mit hervorragenden Darstellern: Helmut Zierl und Elisbeth Degen spielen Sebastian und Hannah, Uwe Neumann und Teresa Weißbach die Figuren Roman und Magdalena. Mit Charme und Witz, Treff- und Textsicherheit, rasantem Tempo und Situationskomik spielen sich die Darsteller die Bälle zu zwischen Schreckpistole, Entsafter, Bücherbergen, Altbewährtem und Zukünftigem. Dabei ist es Moritz Rinke wichtig herauszustellen, dass, obwohl alles immer mehr miteinander vernetzt ist, der Abstand zu den Menschen zueinander immer größer wird. die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke: "Unser Mitgefühl löst sich im Datenstrom auf", der Mensch wird beziehungsunfähig. In dem Spiel offenbart sich am Ende das allen Figuren innewohnende Zerbrechliche. Es bleiben Sehnsüchte, Sackgassen, Neuanfänge.

Auf die Frage, ob man zusammenbleiben kann, wenn man sich die Wahrheit zumutet, antwortet Rinke, dass er ja Theater-Stücke schreibe, weil er keine Antworten hat. Und so hat er am Ende auch keine andere Lösung als die parat, dass es um die "Bewahrung der Kompliziertheit eines Menschen" geht. Er meint, "dass die eventuell gelebten Sehnsüchte uns ergänzen, einfach zu uns gehören".

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 25.11.2014

Langer Applaus nach bravourösem Spiel

Shani Diluka präsentierte einen romantischen Konzertabend

 

Von Michael Stukowski

 

Borken. Die Besucher in der Stadthalle standen auf und klatschten lange. Doch die Pianistin Shani Diluka gab nicht nach - die gebürtige Sri Lankesin hatte mit Claude Debussys "Claire de lune" und einem Chopin-Walzer schon zwei Zugaben gespielt.

Wie hochklassig der romantische Klavierabend war, deuteten bereits Robert Schumanss "Papillons op. 2" an. Die zwölf verspielten Miniaturen, mit denen der Komponist das Treiben auf einem Maskenball vertont hat, setzte Diluka gefühlvoll gegeneineander ab und lotete deilkat die dynamischen Kontraste aus. So ergab sich ein dichter musikalischer Gesamteindruck, der bei allem tänzerischen Charme viele dramatische Höhepunkte und eine köstliche Spannung hatte. Als im Finale sechs (Ton-)Schläge das Ende des fieberhaften Balls ankündeten, kam die Musik wie bei einem "Zapfenstreich" zur Ruhe.

Die bestehchende Spieltechnik der Künstlerin und ihre Gabe, unterschiedliche musikalische Gestalten zu einer Einheit zu verdichten, kamen auch bei Ludwig von Beethovens "Sonate Nr. 1 f-Moll, op. 2/1" wunderschön zum Ausdruck. Doch schien die Pianistin anfangs noch zu sehr von Schummans Leidenschaft beeindruckt zu sein - sie spielte die ersten Takte fast wie eine Fantasie anstatt sie der eher "vornehmen2 Gesellschaftsfmusik des Rokoko anzupassen. Allein der Schluss des ersten Satzes deutete bereits den "heroischen Beethoven" an. Auf das Adagio ließ Diluka einen fein ausbalncierten dritten Satz folgen. Das Prestissimo wiederum bestach durch glänzende Pharasierungen un eine imposante Verdichtung.

Nach der Pause steigerte sich die Pianistin sogar noch: Beethovens ersten Satz aus der "Sonate Nr. 14 cis-Moll op. 27/2" akzentuierte sie so warmherzig, dass schnell deutlich wurde, warum dieses romantische Werk "Mondscheinsonate" heißt.

Auf das serh ausgewogene Allegretto folgte ein Ecksatz, der die Künstlerin indes an Grenzen führt. Denn das Furiose Tempo und die kunstvoll gesteigerte Dramatik der Wiederholungen forderten ihren Tribut - jetzt "mogelte" sich Diluka über manche Spannungshöhepunkte hinweg und "verschluckte" ganze Tonreihen.

Auch bei Frédérik Chopins "Abschiedswalzer" konnte man spüren, wie sehr sie noch unter der Anspannung von Beethovens Dramatik stand. Die Würde und tänzerische Anmut dieses beliebten Werks traf sie kaum - erst bei Chopins "Walzer h-Moll" brillierte die Pianistin wieder und lieferte slebst im forcierten Tempo ein musiklaisches Feuerwerk. Anschließend lotete sie sehr seelenvoll die "Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23" und gabe den Zuhörern einen hinreißenden Eindruck von Chopins eleganter Tonkunst.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 22.11.2014

"Jenseits von Eden"
Weltliteratur als Theaterstück im Vennehof

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Oben und unten, arm und reich, gottesfürchtig und gottlos - all diese Facetten und viele mehr brachte die Theateradaption von Steinbecks Roman "Jenseits von Eden" in der Theaterfassung von Ulrike Syha am Donnerstagabend auf die Bühne der Stadthalle.

Acht Schauspieler in 21 Rollen versetzten die Zuschauer in das Amerika zwischen Bürgerkrieg und Erstem Weltkrieg. Vor dieser historischen Kulisse und in einem gewaltigen Bühnenbild spielt die verzweigte Familiensaga um die Familien Trask und Hamilton.

Die Gegensätze der amerikanischen Gesellschaft spiegeln sich in den Figuren wider: Der US-amerikanische Traum ist für die einen Realität geworden, denn sie haben es geschafft und für die anderen bleibt er Utopie.

Die Familiengeschichte wiederholt sich, Adam Trask, der in Rivalität um die Liebe der Eltern zu seinem Bruder Charles steht, erlebt mit seinen beiden Söhnen ähnliches, was ihm wiederfahren ist. Adams Söhne Caleb und Aron schlagen sehr unterschiedliche Wege ein, buhlen um die Gunst des Vaters, der sie alleine aufzieht. Ihre Mutter, die Prostituierte Cathy hat Adam unmittelbar nach der Geburt der ungleichen Zwillinge verlassen.

Durch zwei aufeinanderfolgende Generationen thematisiert Steinbeck in seinem Roman den Kain-Abel-, Vater-Sohn- und Hass-Liebe-Konflikt.

Im Gegensatz zu der Romanverfilmung mit James Dean mutet die Autorin des Theaterstücks Syha dem Zuschauer den ganzen Roman in komprimierter Form zu. Das fordert große Aufmerksamkeit vom Publikum, wird doch teilweise ein Ereignis in ein, zwei Sätzen kurz eingeschoben. Viel Zeit für große Gefühle bleibt hier nicht und auch witzige Einstreuungen - bsonders durch den chinesischen Erzähler und Diener Lee - bedürfen genauen Hinhörens. Ständiger Szenenwechsel macht das Schauspiel sehr dynamisch, mehrere Erzähler, die zudem verschiedene Rolen spielen, verkürzen die Zeitabläufe der Handlung.

Die alttestamentliche Geschichte Kain und Abel versetzt in das Amerika des 19. Jahrhundertes und ist auch heut noch aktuell, denn an den menschlichen Gefühlen und Regungen hat sich nichts verändert. So wird Lees Bemerkung zu einer zentralen Aussage: "Die meisten Menschen sehen nur, was sie erwarten."

Das grandiose Bühnenbild von Stephan Mannteufel visualisiert die unterschiedlichen Ebenen der Geschichte. Ein amerikanisches Blockhaus auf Pfählen symbolisiert den Traum vom Glück, darunter befindet sich die Unterwelt mit dem Bordellbett. Schockierend die Szene, in der Caleb die Bretter aus dem Boden des Hauses reißt, um seinem Bruder die Mutter in ihrem Bett zu zeigen.

Der lang anhaltende Applaus der rund 500 Besucher zeugte davon, dass das großartige Theaterstück mit seinen hervorragenden Schauspielern großen Anklang gefunden hat. Das Original, den Roman des Literaturnobelpreisträgers (1962) John Steinbeck, wird vielleicht der eine oder andere zum Vergleich wieder einmal zur Hand nehmen.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 14.11.2014

Schonungslos und rasant

"Anders als du glaubst" thematisiert Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. "Wenn das Haus brennt, stellen die Bewohner am besten ihre Meinungsverschiedenheiten zurück und konzentrieren alle ihre Kräfte auf das Löschen des Feuers. Wahrscheinlich kommen sie sich dadurch näher als durch unverbindliche Gespräche im Treppenhaus." Diese Gedanken zum Stück "Anders als du glaubst"  des Berliner Compagnie-Theaters, das jetzt in der Montessoir-Gesamtschule gezeigt wurde, verdeutlichen die Intention des Ensembles: Es gibt viel zu verändern in einer Welt, in der der Kaptialismus zur Religion geworden ist und in der es sich lohnt, für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung zu kämpfen.

Es handelt von der Auseinandersetzung zwischen den drei großen Weltreligionen und ihren Hauptideologien, die jeweils durch eine Person vertreten sind. Eine Muslima, eine Christin, ein Rabbi, ein linker Atheist und ein eingeflieschter Skeptiker wurden bei einem Anschlag während einer Diskussion  zum interreligiösen Gespräch getötet und erwachen gerade gemeinsam im Jenseit. Wie schon vorher, streiten sie auch hier: Ist es Himmel? Vorhölle? Fegefeuer? Blendwerk? Gott - eine Kinderstimme - ertönt und schickt alle wieder zurück: Als Friedensstifter steigen sie in die Krisengebiete der Welt hinab. Das von Anfang an mit einfachsten Mitteln fesselnde und beeindruckende Spiel des Ensembles, ernsthaft und mit Humor gespickt zugleich, nimmt eine rasante und bzarre Achterbahnfahrt vorbei an den Schreckensszenarien der Geschichte, den unahltbaren beziehungswiese sündigen Ausbeutungs- und Gewaltverhältnissen und den Krisengebieten dieser Welt (Burkina Faso, Mali, Somalia, Israel...) auf.

Die Schauspieler entfachen ein Kaleidoskop an Empfindungen - sie lachen, weinen, greifen ein, verschlimmern die Situationion, streiten und scheitern.

Das rasante Spiel führt dem Betrachter die Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse (etwa in der Handels- oder Agrarpolitik) schonungslos vor Augen. Der schwindelrregende Tanz auf den schwarzen Kisten- die einzigen Requisiten- der in Leichenkleider angezogenen fünf Darstellenden verdeutlicht ihre Angst, zu stürzen, während sie diskutieren, fragen, verzweifeln, taumeln.

Das in höchstem Maße anspruchsvolle, dem Schauspieler alles abverlangende Stück ist eindrucksvoll und - jeder einzelne Satz von Bedeutung - in seinem Umfang so gewaltig, dass in anschließendem Nachgespräch nur wenig Austausch möglich war, weil jeder einzelne Zuhörer die Fülle des Gehörten für sich erst einmal verarbeiten musste.

Dem Zuschauer hätten ein paar humorvolle Pointen wie die Parodie auf Ilse Aigner als Schlachterzeugnis und Elektroschortt exportierende Verbraucherministerin zum Durchatmen gut geant, doch gerade diese schonunglos, die Wirklichkeit entlavenden Szenen ließen das Lachen im Halse ersticken.

Alle Aktuere spielten herausragend in diesem anspruchsvollen Stück, das der Kulturraum³ in Kooperation mit der Kulturgemeinde Borken veranstaltet hat. Die Stimme aus dem Off irgendwie amüsant; nie morlisierend; mit einer Leichtigkeit, wie sie nur Kinder haben - unterstreicht: Nur, wenn alle Parteien nicht gegen, sondern miteinander arbeiten, kann man auf dem Weg zu einer gerechteren, friedvollen Welt erste Schritte gehen. Dies gilt gerade bei der Fülle der Brandherde in dieser Welt.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 25.10.2014

Schwere Kost
Die Brüder Karamasow: Dostojewskij-Klassiker auf der Bühne

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Dostojewskijs rund 1200 Seiten starken Klassiker der Weltliteratur von 1880 auf die Bühne zu bringen, lässt den Betrachter schwanken zwischen dem Eindruck einer gut komprimierten Fassung und dem Gefühl, dass dieser komplexe Stoff nicht auf die Bühne gehöre.

Die Brüder Karamasow ist ein Roman, in dem der Autor die Geschichte des verschlagenen Fjodor Karamasow  und seinen vier Söhnen erzählt. Diese Brüder bilden einen Kosmos vielseitiger Menschlichkeit, des Nachdenkens über das Leben. Das christlich-existenzialistische Glaubensdrama behandelt die Themen, die auch den Autor ein Leben lang beschäftigten: Schuld, Unschuld, Wahrheit, Verantwortung. Gibt es einen Gott? Wenn ja, wozu?

Das kann nur in einem Gewaltakt auf die Bühne zu bringen sein. Um diesen zu verdeutlichen, ist es klug, sich eines spartanischen Bühnenbildes zu bedienen. Auf kargen Stühlen nehmen die Protagonisten Platz (Tom Keidel als Smerdjakow beeindruckt durch verdrehten Ausdruck und Bühnenpräsenz) und führen die Figuren in die Geschichte einer unauflöslichen Schicksalsgemeinschaft ein. Nach verheißungsvollem "Also fangen wir an" steigt beim Betrachter die Erwartung. Schließlich handelt es sich auch um einen Kriminalfall. Der Vater der ungleichen Brüder wird umgebracht, und es gilt, den Mörder zu finden. Ab der zweiten Sequenz jedoch wird deutlich, dass sich die Schauspieler durch ungeheuer lange Textpassagen graben und in eintönigen Monologen ergehen, die dem Zuschauer auch aufgrund der schweren Kost das Höchste an Aufmerksamkeit abverlangen.

Der Abend verliert sich in sprachlastigen Auftritten, Wiederholungen und Details. Aufgrund der Romanverknappung werden philosophische Exkurse komprimiert, doch die Handlung trägt das Stück nicht und nimmt den Zuschauer emotional nicht mit. Auch wenn die Schauspieler um die Sichtbarmachung der seelischen Struktur der Figur kämpften, so entstand der Eindruck, dass das Stück der psychologisierenden Ebene Dostojewskijs nicht gerecht wird.

Das Stück, für das die Kulturgemeinde das Theater Greve in die Stadthalle geholt hat, forderte die Zuschauer heraus. Nach der Pause blieb der eine oder andere Platz leer.
 

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 04.10.2014

Langes Warten auf die Hits

"Queen of Rock" erzählt das Leben der Tina Turner und endet mit Konzert

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Ein Hauch von Glamour und Showbiz schwappte am vergangenen Mittwochabend über in die Borkener Stadthalle, in der das erste Stück der neuen Theatersaison mit dem Tina-Turner-Double Peti van der Velde (bekannt unter anderem aus "König der Löwen" und "Jesus Christ Superstar") dargeboten wurde.

Nachdem man der beiliegenden Ankündigung im Programmheft entnommen hatte, dass man sich im Anschluss an das Musical "Queen of Rock" bei einem Live-Konzert "A Tribute to Tina Turner" auf ihre großen Hits freuen könne, war man schon darauf vorbereitet, dass die bekannten Songs - von manchem Besucher sicher heiß herbeigesehnt - während des 140 Minuten langen Stückes noch auf sich warten ließen. Die Biografie berichtete von vielen Begegnungen, Bewunderern und Helfern, den unzähligen Aufs und Abs bis zur Trennung von Ike Turner und schließlich von dem Glück, es dennoch geschafft und einen Kindheitstraum wahr gemacht zu haben: Zu singen und ein Weltstar zu sein.

Auf Musik musste aber nicht verzichtet werden. Die musikalischen Einlagen der Band und der stimmgewaltigen Darsteller waren ein Genuss und boten gute Unterhaltung. Selten tritt ein professionelles achtköpfiges Ensemble mit herausragenden Sängern neben einer exquisiten Live-Band, der man die Freude und Leidenschaft Musik zu machen, ansieht, im Rahmen einer Theaterreihe auf. So ist in dieser Hinsicht ein fulminanter Auftakt zur neuen Theatersaison gelungen.

Dem Komponisten Christian Auer (musikalische Leitung/Keyboard) war die Begeisterung darüber, die Energie und Freude der "early black music" (der "frühen 'schwarzen' Musik") aufzunehmen und in eigenständige Songs zu komponieren, anzusehen. Die Musik war dann auch die Stärke dieses Stücks. Trotz aller künstlerischen Verdichtung, mit deren Hilfe das Leben der Tina Turner im Zeitraffer vorüberzog, waren manche Dialoge langatmig und akustisch zum Teil schlecht zu verstehen, was wohl an den sensiblen Mikrofonen lag, die wiederum auf den Gesang abgestimmt waren. Zeitweise hatte man den Eindruck, als sei der Ton nicht richtig abgemischt. Das war auch ein Grund dafür, dass der Funke während der Story nicht so richtig überspringen wollte.

Lemuel Pitt' (Ike Turner) überzogen gespielte Gewaltausbrüche und manche musikalischen Unterbrechungen stoppten den Fluss der Handlung ließen echtes Musical-Flair nicht aufkommen. Irgendwie wartete man doch die ganze Zeit auf Lieder wie "I can't stand the rain" oder "Simply the best". Spätestens in der finalen Szene, als "Tina" ihren großen Auftritt hatte, wäre eines ihrer bekannten Lieder nicht fehl am Platz gewesen. Dass es an diesem Abend nicht ohne ging, war der Theaterproduktion a.gon aus München sicherlich bewusst, denn nach kurzer Umbaupause kamen sie endlich - die ersehnten Hits. Das Publikum dankte mit reichlich Applaus.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 24.09.2014

Orchesterfarben der Kammermusik
Das Tschechische Nonett im Vennehof

 

Von Kurt-Ludwig Forg

 

Borken. Eigentlich sind alle orchestralen Klangfarben in einem Nonett vertreten: Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass sorgen für das streichertypische Flair, Oboe, Klarinette und Fagott für das Holzbläser-Timbre, und das Horn bringt einen Touch Blechbläserklang mit ins instrumentale Spiel. Der Tonunamfang deckt das gebräuchliche Spektrum ab. In dieser Besetzung kann man sehr wohl auf Schlagwerk verzichten, da die Zuhöhrer wohl selbst den Puls der Musik wahrzunehmen vermögen, ohne damit in überlauter Weise konfrontiert zu werden. Sich im Grenzland zwischen Kammermusikensemble und Kammerorchester bewegend, kann ein Nonett somit einerseits auf die Delikatesse des einen und auf den Klangfarbenreichtum des anderen zurückgreifen.

Das Tschechische Nonett - mittlerweile auf eine 90-jährige Geschichte zurückblickend - gastierte am Sonntag im Vennehof und machte seinem Namen als eines der führenden Ensembles in dieser Besetzung alle Ehre. Als Widmungsträger zahlreicher Werke bedeutender Komponisten brachte es auch in diesem Konzert zwei dieser Kompositionen zu Gehör: Bohuslav Martinus Nonett und Sergej Prokofjews Quintett op. 39, beides deutlich der Tonsprache des 20. Jahrhunderts verpflichtete Werke. Umrahmt wurden diese beiden Werke durch zwei von Bedrich Smetanas Tschechischen Tänzen und einer Bearbeitung von Antonin Dvorak bekannte Bläserserenade d-moll op. 44. Dass dabei vier Werke böhmischer Provenienz waren, kann gewiss auch nicht als Zufall verstanden werden, hat doch dieses Gebiet viele außerordentliche Komponisten und Instrumentalisten hervorgebracht, die beispielswiese in der Habsburger Monarchie. Darüber hinaus bildete es das Rückgrat vieler Orchester.

Von diesen instrumentalen Tugenden profitiert das Tschechische Nonett noch heute. Spieltechnische Präzision und Perfektion sowie intonatorische Akkuratesse befinden sich heute weltweit wohl auf einem niemals zuvor erreichten Standard. Ein völlig homogener und zugleich die instrumentalen Charakteristiken nicht egalisierender Klang mag wohl das herausragende Element eines Spitzenensembles sein. Dennoch bleiben immer noch Spielfreude, Vitalität und Intelligenz des Musizierens die entscheidenden Momente, welche ein Publikum bewegen. Gerade die Musik des 20. Jahrhunderts wird von Zuhörern in der (ungewohnten) Tonsprache oftmals als sperrig und eher unzugänglich empfunden. Hier erwies sich das Tschechische Nonett als genialer Musikvermittler, der gerade in Prokofjews Werk die so widersprüchlich erscheinenden Tempoangaben plausibel machte und die damit verbundenen Stimmungen in vorbildlicher Weise darstellte.

Doch auch scheinbar Profanes wie Smetanas "Henne" mit ihrem köstlichen instrumentalen Gackern wurde gewissermaßen veredelt und gab am Schluss nach Dvoraks rustikal anmutender Serenade Anlass zu langanhaltendem Beifall, der einen ringsum anspruchsvollen und zugleich harmonischen Abend beschloss.
 

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 12.05.2014

Kenner und Könner am Werk
Kammerorchester "do.gma" beendet Konzertreihe der Kulturgemeinde glanzvoll

 

Von Kurt-Ludwig Forg

 

Borken. Drei verschiedene Facetten nationaler Romantik haben die Zuhörer am Samstag im Borkener Vennehof erlebt. Auf Einladung der Kulturgemeinde präsentierte das do.gma chamber orchestra mit Edward Elgars Serenade e-moll, Frédéric Chopins zweitem Klavierkonzert e-moll und Pjotr Iljitsch Tschaikowskis "Souvenir de Florence" zwar bekannte Werke unterschiedlicher Provenienz, diese aber in einer höchst eigenständigen und teilweise auch ungewohnten Interpretation.

Das dirigentenlose Spiel während einer Aufführung als Qualitätsmerkmal vieler Kammerorchester birgt stets erhebliche Chancen und Risiken: Die Musiker müssen mehr solistische Fähigkeiten entwickeln und gleichzeitig  miteinander kommunizieren, andererseits ist die Koordination von Einsätzen und die sofortige Einheitlichkeit in der Tempofrage ein Problem, dessen Lösung so manchem Orchester und auch Dirigenten nicht gelingt. Umso höher ist die Leistung des do.gma-Leiters Mikhail Gurewitschs einzuschätzen, der "sein" Orchester so vorbereitete, dass all dieses mit einer Selbstverständlichkeit vonstatten ging, die absolut bewunderungswürdig war. So geriet Elgars 1892 komponierte Serenade zu einem Musterbeispiel für kammerorchestral angelegtes Spiel: die blitzblanke Intonation. Die Homogenität des Gesamtklanges und das hochexpressive Spiel ließ erkennen, dass hier ein Kammerorchesterklangkörper von sehr hoher Qualität auf der Bühne stand.

Mit tradierten Hörgewohnheiten brach das Orchester jedoch bei Chopin zweitem Klavierkonzert: Die Reduktion der Besetzung auf den Klangkörper der Streicher (ohne die gewohnten Holz- und Blechbläser sowie Pauken) entsprach ungefähr den Gegebenheiten einer Privataufführung vor der offiziellen Uraufführung. Sie nahm dem Orchester die entscheidende Durchschlagskraft gegenüber dem hochvirtuosen Klavierpart an den entsprechenden Stellen. So erhielt das Spiel des Chopin-Spezialisten Kevin Kenners eine deutlichere klanglich Präsenz, als man dies bei anderen Aufführungen gewohnt ist. Kenner brillierte geradezu, allerdings nicht bloß durch seine Virtuosität, sondern durch eine Fähigkeit zu vielen Klangschattierungen und Klangfarbenpaletten in den unteren und mittleren dynamischen Bereichen. Mit einer Mazurka in a-moll stellte Kenner ebendiese Qualitäten solistisch erneut unter Beweis.

Konkrete italienische Einflüsse sind in Tschaikowskis "Souvenir de Florence" nicht nachzuweisen, dennoch atmet dieses Werk eine gewisse Leichtigkeit, verbunden mit der Melancholie des dritten Satzes und der russischen Folklore des Finales. Durch die Zeichnung großer musikalischer Linien behielt das in manchen Bereichen etwas heterogene wirkende Werk dennoch seinen inhalten Zusammenhang und bot so einen faszinierenden Abschluss des Programms.

Mit zwei jazzinspirierten Zugaben aus der Feder Gurewitschs verabschiedete sich das do.gma orchestra von den zu Recht lang applaudierenden Zuhörern im großen Saal. Im September setzt die Kulturgemeinde ihre Konzertveranstaltungen mit dem "Tschechischen Nonett" fort.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 10.05.2014

Zum Abschluss noch ein Lottogewinner
Die "Münchener Tournee" beendet mit "Loriots dramatische Werke" die Theatersaison der Kulturgemeinde

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Vicco von Bülow alias Loriot ist eine Legende. Mit dessen "dramatischen Werken" hat die "Münchener Tournee" nun für den Abschluss der Theaterreihe in dieser Saison gesorgt. Hinter den "dramatischen Werken" verbergen sich Klassiker wie "Herren im Bad", "Jodelschule", "Der Lottogewinner" und "Frühstücksei", die das achtköpfige  Ensemble um Hans Peter Korff ("Die Drombuschs") kurzweilig präsentierte. Publikumsliebling Korff und Christiane Leuchtmann garantierten einen unterhaltsamen Theaterabend rund um Geschichten menschlicher Schwächen und Unzulänglichkeiten, bei denen besonders Kommunikationsstörungen zwischen Mann und Frau - Geschichten, die Loriot in seiner unnachahmlichen Weise dem Leben abgeguckt hat - im Mittelpunkt standen.

Zu lachen gab es für die Theater-Abonnenten der Kulturgemeinde somit reichlich: Ironie, Komik und Albernheiten sind ein schöner Ausklang für die abwechslungsreiche Reihe.

Loriot selbst jedoch soll gesagt haben, dass infolge vieler Belastungen durch Beruf, Familie und Freizeit der moderne Mensch kaum noch imstande ist, sich auf ein mehrstündiges Bühnenwerk zu konzentrieren. Deshalb überschreite keines seiner Dramen eine Länge von fünf Minuten. Da darf die Frage erlaubt sein, warum die Stücke dann - so aneinandergereiht - als sogenannte Komödie auf die Bühne müssen. Ob Loriot das gewollt hätte? Auch wenn es lustig war, konnte diese Abfolge den Witz der Originale nicht immer erreichen. Es fiel schwer, diese Darbietungen nicht mit den bekannten Versionen zu vergleichen. Und gegen Loriot und Evelyn Hamann haben auch Korff und Leuchtmann keine Chance, auch wenn sie ihre Sache gut machten.

Nichtsdestotrotz: Der lang anhaltende und zum Teil durch stehende Ovationen bekräftigte Applaus des Publikums zeigte, dass der Funke von der Bühne übergesprungen ist. Und er zeigt auch, dass Loriots Meisterwerke auch nach Jahrzehnten noch funktionieren.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 12.04.2014

Eine charmante Reise

Die romantische Komödie "Verzauberter April" war in der Stadthalle Vennehof zu sehen

 

Von Dorothea Koschmieder

 

BORKEN. Die Nebelmaschine pustet den bläulichen Dampf der rollenden Lokomotive auf die Bühne. Die Szenerie stellt London im Jahre 1922 dar und versinnbildlicht den Wechsel, den Lotty und Rose vollziehen, um dem trüben London zu entfliehen und einzutauchen in das lichtdurchflutete Italien. Dazu brauchen sie Geld und suchen sich zwei ebenfalls fliehende Damen der englischen Gesellschaft. Alle brechen auf, um an der Riviera ohne Männer und Sorgen zu leben.

In der romantischen Komödie "Verzauberter April", die am Donnerstagabend im Vennehof zu sehen war, durchlaufen auch die Figuren - die impulsive Lotty (Diana Gantner) und die sich jeder Freude entsagenden Rose (Stefanie Stroebele) - eine innere Entwicklung. Das Stück, geschrieben von Matthew Barber nach einer Erzählung von Elisabeth von Arnim, endet voller Hoffnung, indem sich persönliche Muster lösen und Menschen von Altlasten befreit leben können.

Häufen sich zu Beginn die stark überzogenen, ausgereizten Rollenklischees, so nimmt das Spiel ab dem zweiten Akt (Beifall beim Anblick des mediterranen Flairs) an Fahrt auf entwickelt Witz und Charme. Dies ist nicht zuletzt Christiane Hammacher zu verdanken, die Mrs. Graves, eine ältere Damen, liebenswert und herrlich schrullig spielt.

Die Komik des Stückes entwickelt sich. Da ist zum Beispiel Mellersh Wilton, Lottys Mann, der in seinem gesellschaftlichen Kontext so gefangen ist, dass sie daran fast erstickt. Oder Mrs. Graves als strenge Gouvernante, die selbst die italienische Haushälterin terrorisiert. Wenn schließlich Mellersh fast nackt aus dem explodierenden Badezimmer stürzt, sind die Lacher vorprogrammiert.

Daneben bietet das Stück eine angenehme Mischung aus Wortwitz, Wiederholungen, Parallelität von Szenen und einer Rahmenhandlung, die beweist, dass es nicht nach dem Muster gängiger Boulevard-Komödien gebaut, sondern gehaltvoll und klug angelegt ist. Kleine Effekte wie der Donner werden treffsicher eingebaut als wiederkehrendes Zeichen, dass beide Frauen Verschwörerisches planen und sich manchmal selbst nicht sicher sind, das Richtige zu tun. Die sanften Glockentöne, die den Donner ersetzen, bekräftigen ihr Verhalten. Der Regen in der Eingangsszene und das Regnen der Blüten im letzten Bild bilden die Rahmenhandlung; die Blüten unterstreichen den Ausblick: So wie Mrs. Graves ihren Stock nicht mehr braucht, der irgendwo in die Erde gesteckt wurde, so sind auch die mit Sicherheit und Halt verbundenen Konventionen und Gewohnheiten begraben worden. Die positive Botschaft kommt an: Zuversicht und Hoffnung auf die eigene Kraft zur Veränderung. Das persönliche Glück ist ein Lebensgefühl, das hier und heute beginnen kann. Das Pulbikum dankte für einen unterhaltenden Theaterabend.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 28.03.2014

Der weise Dorfrichter schlichtet den Streit um das Kind
"Kaukasischer Kreidekreis" im Vennehof

 

BORKEN. Dass die Zuschauer am Mittwochabend eine Gerichtsverhandlung auf offener Bühne erwartete, wussten alle, die sich nur ein wenig mit Theaterstücken auskennen. "Der Kaukasische Kreidekreis" von Bertolt Brecht stand auf dem Programm, das Paradestück um ein salomonisches Urteil.

Das 1944 /45 in den USA entstandene Stück schildert eine Geschichte aus den Kriegswirren in Georgien. Ein Sänger erzählt die Geschichte einer jungen Frau (Grusche), die mit einem Kind zu ihrem Bruder in die Berge flieht. Das Kind ist nicht das ihre. Grusche hat es auf der Straße gefunden, zurückgelassen von der leiblichen Mutter, der Frau des bei einem Staatsstreich geöteten Gouverneurs Abaschwili. Sie zog es vor, ihre teuren Kleider in Sicherheit zu bringen, und dabei vergaß sie ihr Kind.

Auch wenn das Stück dramatisch ist, enthält es doch viele witzige Anteile, nicht nur sprachlicher Art, sondern auch durch die Darstellung der Charaktere. Gefreiter und Holzkopf verfolgen Grusche und treiben sie und das Kind schließlich auf. Wer Holzkopf heißt, hat die Lacher schon auf seiner Seite.

Das Borkener Publikum verfolgte in der beihnahe ausverkauften Stadthalle das Schauspiel gebannt und amüsierte sich über die hervorragende Inszenierung. Einen Wermutstropfen gab der Sänger (Peter Bause) gleich zu Beginn hinein: "Wenn ein Schauspieler vor dem Stück vors Publikum tritt, verheißt das nichts Gutes. Unsere Musikerin ist uns abhanden gekommen, durch Krankheit."

Dennoch brauchten die Zuhörer nicht ganz auf die Musik von Paul Dessau zu verzichten, denn die Lieder im Theaterstück wurden einfach a cappella gesungen, und das hatte durchaus seinen Reiz.

Mit Ausnahme der Zentralfiguren trugen, wie von Brecht vorgesehen, die einzelnen Darsteller eine charakteristische Maske. Die Stoffmasken verdeckten nicht nur die Gesichter, sondern schränkten die Verständlichkeit des Textes ein wenig ein. Nach der Pause folgte "Die Geschichte des Richters", des einfachen, aber schlauen Dorfschreibers Azdak, der als Armeleuterichter, ohne Rechtsgelehrter zu sein, den Streit zwischen Grusche und der Gouverneursfrau um das Kind mit einem "Kreidekreis" entscheidet. Habgierig reißt Natella Abaschwili ihr Kind aus den Kreis, während Grusche zu seinem Schutz loslässt.

Die Geschichte endet glücklich: Azdak spricht Grusche das Kind zu und scheidet ihre Schutzehe, damit sie ihren Verlobten heiraten kann. Die Begeisterung des Publikums ist groß. Besonderen Applaus erhalten Peter Bause und Shantia Ullmann als Grusche, aber auch die elf anderen Schauspieler des großartigen Ensembles werden gefeiert.

Claudia Peppenhorst

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 18.03.2014

Bekanntes in neuem klanglichen Gewand

Enrique Ugarte und Koryun Asatryan gaben ein tolles Konzerte

 

Von Kurt-Ludwig Forg

 

BORKEN. Der baskische Dirigent, Komponist und Akkordeonist Enrique Ugarte und der armenische Saxophonist Koryun Asatryan standen im Mittelpunkt eines Konzertes der Borkener Kulturgemeinde im Vennehof, das zunächst einmal durch seine ungewöhnliche Instrumentenkombination auffiel. Akkordeon und Saxofon - beides eher "junge" Instrumente - sind sicherlich in einem besten Sinn populäre Instrumente, allerdings kompositorisch vielfach stiefmütterlich bedacht. Damit lag es wohl für die beiden Künstler nahe, bekannte Werke so zu arrangieren, dass die stiltypischen instrumentalen Effekte bestmögich zur Geltung kommen. Als hochdekorierte Meister ihres jeweiligen Instruments stellten Ugarte und Asatryan ein Programm zusammen, das vornehmlich aus Bearbeitungen bestand, diese allerdings so kunstvoll dargeboten, dass sich der Vergleich zum Original erst gar nicht ergab.

Doch woran lag das? Zum einen sicherlich an der technisch wie musikalisch absolut souveränen Darbietung, zum anderen an der Spielfreude, der Spielintelligenz und dem Spielwitz der Interpreten. Bereits mit der Adaption von Darius Milhauds "Scaramouche" wurde dem Publikum diese Visitenkarten überreicht und im weiteren Verlauf von Werk zu Werk weitergegeben. Einen deutlichen Schwerpunkt setzten die beiden Musiker mit fünf Werken des argentinischen (Tango-)Komponisten Astor Piazolla. Die klangliche Nähe des Bandoneons in der argentinischen Tango-Musik zu dem bei uns gebräuchlichen Akkordeon war sicherlich ein Motiv für diese Auswahl. Zwei an der jüdischen Klezmer-Musik orientierte Werke Giora Feidmans brachten hingegen die virtuosen Komponenten mit ins musikalische Spiel. Als hochinteressantes Originalwerk erwies sich die Konzertetüde "Jungle" von Chrsitan Lauba für Saxophon-Solo. die gewissermaßen ein Dickicht enormer spieltechnischer Ansprüche bereit hielt, und die das Publikum sichtlich goutierte.

Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel in der Behanldung ihrer Instrumente boten die beiden Musiker mit einer Bearbeitung von Maurice Ravels für ein großes symphonisches Orchester komponiertem Bolero.

Die subtilen Klangfarbenvariationen und die sich ständig steigernde Dynamik bis zur finalen Klimax sind für jeden Orchester eine Herausforderung und natürlich erst recht für jede andere instrumentale Besetzung. Hinzu kommt der perkussive Part dieses Werkes, der in seiner Stringenz wesentlich zur Wirkung beiträgt. Den Künstlern gelang ein Spagat zwischen der Originalvorlage und den eigenen instrumentalen Ansprüchen, der als Kunstwerk für sich selbst stand und zu Recht vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.

Den Schlusspunkt des Programms setzte ein weiteres Paradestück des klassischen Repertoires: Aram Chatschaturjans "Säbeltanz" geriet zu einem fulminanten Finale. Mit einer argentinischen Milonga als Zugabe entließen Ugarte und Asatryan ihr begeistertes Publikum.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 17.03.2014

Entertainer mit Witz und Esprit

Tom Gabel begeistert sein Publikum

 

BORKEN (bus). "Welcome the one und only" - mit diesen Worten begrüßte Kurt-Henning Wiethoff, Aufsichtsratsvorsitzender der 3M Deutschland GmbH, am Freitagabend den Sänger, Bandleader und Entertainer Tom Gaebel und seine Big Band. Der Lions Club Borken und die Kulturgemeinde hatten Freunde guter Swing- und Jazz-Musik zum Benefiz-Konzert unter dem Motto "Musik hören, Jugend fördern" in den Vennehof geladen. Der Erlös des Abends geht an drei verschiedene Projekte für Kinder und Jugendliche in Borken und Umgebung.

Die Gäste wurden von Deutschlands angesagtestem Big-Band-Entertainer und mehrfachem Jazz-Award-Gewinner mit seinem zwölfköpfigen Orchester bestens bedient: Erstklassige Stimme, erstklassige Musik und nicht zuletzt erstklassiges Entertainment.

Der Sänger und Musiker Tom Gaebel unterhält sein Publikum, sucht den Dialog mit Fans und Musikern, ist schlagfertig, spontan und hat seinen ganz eigenen Witz und Esprit. "Mr. Swing" wie in seine Fans nennen, schlendert - eine Hand lässig in der Smoking-Hosentasche - über die Bühne, stimmt "Quando, quando, quando" an und animiert die Zuhörer: "Wenn Sie wollen, können Sie tanzen, oder Sie singen einfach mit."

Getanzt wird zwar nicht, gesungen umso lieber. Einen Vorgeschmack aus seinem neuen, fast fertigen Album - wie "How I love you", das auf einem James-Last-Song basiert, und den Klassiker "Don't know much about" - gibt es für das Borkener Publikum bereits live.

Das 39-jährige Multitalent am Schlagwerk und die Elitemusiker der Big Band rocken unter anderem beim "Cumbanchero" den Saal".

Begeisterung entsteht bereits bei den ersten Tönen von "Moon River". Tom Gaebel hat ohne Frage das Charisma des Mannes, dessen Sound er im Blut hat: Frank Sinatra. Da ist es ein Leichtes für die sympathische Größe im deutschen Showbusiness, den besonderen Wunsch des Mädchens zu erfüllen, das Tom Gaebel auffordert "My Way" zu singen. Tom Gaebel live - eine Klasse für sich. Das bewies der Entertainer auch in Borken.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 14.03.2014

Ausdruckslose Dialoge und gekünstelte Dramatik
Inszenierung von "Ohne Gesicht" zeigte Schwächen

 

Von Dorothea Koschmieder

 

BORKEN. Die Story ist genial. In einer Produktion des a.gon Theaters München standen Max Volkert Martens und Diana Körner in dem Zwei-Personen-Stück "Ohne Gesicht" von Irene Ibsen Bille auf der Theaterbühne der Stadthalle Vennehof. Die Autorin stellt in dem Schauspiel in drei Akten die Frage nach der Identität des Einzelnen und theamtisiert Existenzielles: Wer bin ich? Wie viele Personen bin ich? Was macht mich, meinen Namen, meine Einmaligkeit aus?

Der erfolgreiche Fabrikant Vincent möchte seinen runden Geburtstag mit seiner Frau Louise lieber in einem ruhigen Nobelhotel feiern als umgeben von zahlreichen Gästen.

Gesellschaftlich erfolgreich und materiell gesegnet blicken beide auf ein gelungenes Leben zurück. Doch es gibt einen Riss in seiner Biografie - ein dunkles Geheimnis, das er nun seiner Frau offenbaren will. Er hat sich entschieden, ihr die Wahrheit über seine Identität zu enthüllen, welche mit seinem Zwillingsbruder und einem tragischen Autounfall zu tun hat.

Er stößt auf Widerstand und wird das Opfer seines eigenen Spiels. Gefangen in seiner Gier nach Leben, nach Doppel-Leben, will er sich befreien und endlich wieder er selbst sein.

Doch die Kraft der Wahrheit hat eine solch ungeheure Sogwirkung, dass die brüchige Fassade der eigenen Identität und gesellschaftlichen Akzeptanz einstürzt. Soviel zur zeitlosen Thematik des Stückes: Unausgesprochenes, Verborgenes, das jahrelang unter der Oberfläche brodelte, kommt zum Vorschein; muss geklärt werden.

Dabei leisteten beide Schauspieler in diesem zweistündigen Dialog inkusive Pause eine enorme Textleistung, die sie anscheinend spielerisch bewältigten. Jedoch sprang der Funke aus Zerrissenheit, Verzweiflung, Liebe und Enttäuschung nicht richtig über. Die Dialoge wirkten mitunter ausdruckslos und die Dramatik gekünstelt. Dabei wiederholten sich die Inhalte der Aussagen, so dass das als mitreißend angekündigte Stück seinen Spannungsbogen nicht aufrecht erhalten konnte. Der immer gleiche Ausdruck in Körners Stimme, die Problematik, die von Anfang an klar war und nur um Nuancen erweitert wurde, brachten bis zum Schluss nichts Neues bis auf den Schluss aus der Pistole, mit dem Vincent sich in scheinbar hoffnungsloser Situation das Leben nahm.

Die dreigeteilte, schiefe Ebene der Bühne, die mal das Foyer, mal die Suite des Nobelhotels darstellte, symbolisierte hervorragend Nähe und Distanz der Protagonisten, die zuweilen wie durch einen Graben voneinander getrennt waren, was auch die inneren Gräben zum Ausdruck kommen ließ und Vincents Frage untermauerte: Was wissen Menschen überhaupt voneinander?

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 31.01.2014

 

Zuschauer erleben ein Wechselbad der Emotionen
Aufführung des Theaterstücks "Der Vorname" im Vennehof

 

Von Dorothea Koschmieder

 

BORKEN. Der Titel ist unscheinbar, fast nichts sagend - es ist quasi ein Stück ohne Titel. Man hat keine Ahnung, wovon die Gesellschaftskomödie handelt: Das Stück "Der Vorname", das jetzt im Vennehof aufgeführt wurde, lässt den Zuschauer wenig Vermutungen über Inhalt und Verlauf anstellen. Ebensowenig verspricht es im Vorfeld, spannend oder witzig zu sein. Umso mehr, und das ist sein Reichtum, überrascht es mit Intelligenz, Kurzweiligkeit, den charmanten und hervorragenden Darstellern, den sicher eingebauten Pointen und enormen Witz.

Die Grundkonstellation ist einfach: In einer Pariser Wohnung treffen sich Freunde und Familienmitglieder zum Abendessen. Pierre, der eloquente Uni-Professor (Christian Kaiser), der sich seinen Pflichten entzieht, seine Frau Elisabeth (Anne Weinknecht), ständig in der Küche mit dem marokkanischen Buffet beschäftigt, Anna (Julia Hansen), schwanger und in der Modebranche arbeitend und ihr Mann Vincent (Martin Lindow) - stinkreicher Immobilienmakler, der als Pointenjäger die Geschichte lenkt und virtuos entfaltet. Außerdem ist da noch Claude (Benjamin Kernen) - Musiker, Zuhörer, Mensch der leisen Töne.

Das Spiel kommt in Fahrt, als Vincent den anderen erzählt, er woll sein Kind Adolf nennen. Was sich später als Scherz entpuppt, ruft zunächst Ungläubigkeit und Entrüstung hervor und entfacht eine Welle von nie zuvor ausgesprochenen Vorwürfen, Anklagen und Gefühlsausbrüchen.

Vincent und Pierre gehen wie Kampfhähne aufeinander los und plötzlich kommt alles auf den Tisch. Jeder wirft jedem vor, was schon lange unter den Nägeln brennt. Die Grenzen der Toleranz und elementaren Überzeugungen werden sichtbar.

Die Frage, ob man sein Kind so nennen darf, ist nur einer der hitzigen Dispute des Abends, der vollends aus dem Ruder läuft. Als klar wird, dass es auch in der eigenen Familie Brisantes gibt - Elisabeths und Vincents Mutter kommt in einer Weise ins Spiel, die niemand vermutet hätte - verlieren alle ihre Haltung.

Die dynamischen Wortgefechte, die nun ausgetragen werden, gelingen mit absoluter Sicherheit. Das von der Konzertdirektion Landgraf inszenierte Stück mit seinem professionellen Ensemble ist ein Fest für den Zuschauer. Es lässt ihn in den Genuss kommen, ein Wechselbad der Emotionen zu erleben, die das Stück vielschichtiger, intelligenter machen als das Genre Komödie erwarten lässt.

Komik und Abgründe der Charaktere liegen hier so dicht beieinander; ständig wechseln in diesem Theaterstück die Fronten, so dass das Friede-Freude-Eierkuchen-Ende am Schluss der Inszenierung nicht ganz in das Gesamtgefüge passt. Das Publikum dankte mit anhaltendem Applaus.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 20.01.2014

 

"Die Winterreise" als musikalischer Leckerbissen

Liederzyklus aus dem 19. Jahrhundert im Vennehof

 

Von Claudia Peppenhorst

 

Borken. Blühen in diesem zu warmen Winter draußen bereits Mitte Januar die ersten Frühlingsboten, brachte die Kulturgemeinde  der Stadt Borken am Samstagabend Franz Schuberts "Winterreise" auf die Bühne der Stadthalle Vennehof.

Der romantische Liederzyklus aus dem 19. Jahrhundert erzählt in 24 Liedern die zerrissenen Gefühle eines fahrenden Gesellen, eines durch die Liebe tödlich enttäuschten Mannes, der ziellos durch eine karge, eisige Winterlandschaft wandert. Zu den Versen Wilhelm Müllers fand Franz Schubert  nicht nur die passenden Melodien, sondern setzt das begleitende Klavier als eigenständige Stimme ein, die weit über eine harmonische Begleitung hinaus die Texte und Stimmungen der einzelnen Stücke interpretiert und untermalt. Das kennzeichnet auch die Schwierigkeit  bei der Aufführung des Liederzyklus, dass weder Sänger noch Klavier dominieren dürfen.

Diese Schwierigkeit wurde hervorragend von den beiden Interpreten bewältigt. Bariton Henryk Böhm vermittelte mit seiner warmen, kraftvollen Stimme in ausgezeichneter Weise die viellfältige Gefühlspalette der unterschiedlichen Texte, egal ob stürmisch verzweifelt oder romantisch träumerisch. Immer fand er die feinsten Nuancen ohne zu übertreiben. Seine Interpretation erinnerte an die von Dietrich Fischer-Dieskau. Dass der Sänger gesundheitlich angeschlagen war, merkte man zu keinem Moment des Konzertes. Ohne das harmonische Zusammenspiel mit dem erfahrenen, hochkarätigen Pianisten Jan Philip Schulze wäre der Liederzyklus nicht komplett gewesen.

Begeistert über die Aufführung zeigten sich die Sänger des MGV Concordia Heiden, die nach ihrer Generalversammlung in die Stadthalle eilten. "Da kann man vieles von Ihnen lernen", urteilten sie. Obwohl der häufig von Männerchören gesungene "Lindenbaum" ("Am Brunen vor dem Tore") Teil des Liederzyklus ist, haben die meisten Besucher wenige der weiteren Stücke zuvor gehört. Die düster melancholischen Texte sind in unserer "Vergnügungsgesellschaft" nicht gerne gesehen. So gab es von den etwa 250 Zuhörern sehr guten, aber braven Applaus, der dennoch für die Zugabe "Wanderers Nachtlied" reichte.

Bilder zum Thema in den Fotogalerien auf www.borkenerzeitung.de

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 11. November 2013

 

Eine kluge Inszenierung
"Licht im Dunkel" ergreift dank exzellenten Schauspiels

 

BORKEN. Selten hat ein Bühnenstück den Zuschauer derart gefesselt wie die großartige Inszenierung "Licht im Dunkel", durch das der Zuschauer am Montag in der Stadthalle ergriffen und mitgerissen wurde.

Behutsam, zurückhaltend, jedoch ausdrucksstark zugleich bringt der Broadway-Autor William Gibson eine biographische Episode aus dem Leben der berühmten Helen Keller auf die Bühne. Im emotional bewegenden Stück, das noch lange beim Zuschauer nachwirken wird, steht Helen im Mittelpunkt.

Als Kleinkind verlor sie mit 19 Monaten durch eine Krankheit Augenlicht und Gehör und lebt seitdem in ihrer in sich abgeschlossenen, hoffnungslosen eigenen Welt. Genauso entscheidend ist Annie Sullivan, ihre Lehrerin, der es schließlich gelingt, ihr einen Weg aus dem Dunkel heraus zu zeigen.

Das Stück zeigt meisterhaft auf, dass gerade dieser Weg kein einfacher, kein vorhersehbarer ist, sondern dass alle Beteiligten, Helens Eltern und ihr Bruder, die Lehrerin sowie Helen selbst, darum ringen, sich zu begegnen und schließlich zu helfen.

Das macht das Stück aus: Nichts wird ausgedehnt, künstlich in die Länge gezogen, vorweggenommen, beschönigt, eine vorschnelle Lösung oder Abkürzung gewählt. Das Ringen miteinander wird schmerzhaft dargestellt, stellt niemanden bloß, berührt nicht peinlich, sondern ist schonungslos realistisch und ehrlich.

Dabei wird der Zuschauer umfassend und intensiv in Helen Kellers Biographie mit hineingenommen.

Beide Schauspielerinnen - Laia Sanmartin als Helen und Birge Schade als ihre Erzieherin Annie - spielen so intensiv und überzeugend, dass es dem Zuschauer möglich ist, ganz in die Geschichte einzutauchen. Als konsequente Erzieherin durchbricht Annie die Mauer aus Ablehnung, Trotz und Widerspenstigkeit.

Sie schafft es, einen Zugang zur hochbegabten und durch die Gebärdensprache die Isolation zu durchbrechn. Es ist ein Theaterelrbnis, das unter die Haut geht und das ohne viele Dialoge oder Pointen Beachtung findet, sondern durch professionellen Ausdruck und Körpersprache, durch faszinierenden Einsatz von stummen Szenen.

Dabei hat Laia Sanmartin eine überaus schwierige Rolle zu meistern: Tobsuchtsanfälle mit Händen und Füßen, die Augen starr geradeaus gerichtet, die Not des Kindes hinausschreiend; grenzenlose Freude zeigt sie beim Ertasten von Menschen und Dingen, beim Begreifen von Wörtern.

Die Gefühle der Nebenrollen werden vom Publikum wahrgenommen oder erahnt, auch hier sind die Darsteller gut besetzt und der Zuschauer merkt, dass jede auch noch so kleine Geste, jede Szene perfekt durchgeplant und umgesetzt wurde.

Ein eindrucksvolles, beeindruckendes Bühnenbild aus flexiblen Türelementen, die passend zu den Szenen wie selbstverständlich unterstützend wirken, unterstreicht die kluge Inszenierung. Nach einem außergewöhnlichen Theaterabend dankt das Publikum stehend mit anhaltendem Applaus.

Dorothea Koschmieder

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 30.11.2013

 

Gegen den Optimierungswahn
Thomas Freitag packt als entlassener Bibliothekar Schüttlöffel die kalte Wut: "Nichts ist alternativlos"

 

Borken (tha). Eine kleine Stadtteilbibliothek in einem sozialen Brennpunkt einer Stadt, umlagert von SEK-Beamten. Vor dieser ungewöhnlichen Kulisse nahm Bibliothekar Sebastian Schüttlöffel 5800 Bücher als Geisel - und das im Land der Dichter und Denker. Für alternativlos hielt die Verwaltung das Schließen der kleinen Bibliothek. Ein Grund, für die Institution, die keinen Gewinn abwirft, zu kämpfen.

Mit den scharfen Augen eines Kabarettisten warf Thomas Freitag am Donnerstagabend vor nur mäßig besetzten Reihen in der Stadthalle Vennehof einen kritischen Blick auf die deutsche Kulturnation. Der Kabarettist, bekannt geworden durch Parodien von Willy Brandt, Helmut Kohl und dem Marcel Reich-Ranicki, verstand es dabei, mit schauspielerischen Glanz die Zuschauer zum Lachen und Nachdenken zu bewegen.

In seinem eineinhalbständigen Programm schlüpfte Freitag immer wieder in andere Rollen und rechnete so mit kulturellen Sparzwängen, politischen Irrungen, Schnäppchenjägern, Kapitalismus und Gleichmacherei ab. Auf der kleinen Bühne der Bibliothek protestierte er gegen die Bildungsmisere und die politischen Tippelschritte von Bundeskalzerin Angela Merkel ("Nette Frau, was macht sie eigentlich beruflich?").

"Ich habe damals gefordert, Proletarier aller Länder vereinigt euch. Aber nicht, um für 30 Euro pro Person in den Kegelurlaub nach Mallorca zu fliegen", ließ er mit Rauschebart als Karl Marx verkleidet den Vordenker am "Tiger Kapitalismus" verzweifeln. Auch Frittenbudenbetreiber Siggi, der sich durch die zunehmend gesunde Lebensweise der "Salatisten" bedroht fühlte, kam zu Wort, war er doch ein Leidensgenosse Schüttlöffels.

Der Bibliothekar, der auch eine anschließende Tätigkeit im Kulturbereich lautstark mit einem Megafon ablehnte ("Ich will einen Beruf, kein Projekt"), bot an diesem Abend der zunehmenden geistigen Verflachung sowie dem ständigen Optimierungswahn die Stirn. "Wenige machen sich die Taschen immer voller, notfalls unter Aufgabe der Kultur", war sein trauriges Fazit. Doch gleichzeitig gab er sich auch optimistisch: Nichts ist alternativlos widersprach er dem ständig wiederholten Mantra der Bundeskanzlerin.

Mit seinem großartigen Programm erntete Freitag am Ende minutenlangen Applaus. Erst recht für die kleine Zugabe; das Tagebuch eines rastlosen Rentners, der seine Erfüllung erst wieder in der Arbeit finden kann. Da blieb kein Auge trocken.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 26. November 2013

 

Vierhändige Spitzenklasse

Schemann-Duo begeistert im Vennehof

 

BORKEN. Der Name Schemann ist nicht nur in Borken ein Begriff. Durch die künstlerische Leitung der Borkener Konzertreihe der Kulturgemeinde hat sich das deutsch-portugiesische Pianistenehepaar wegen seines sehr hohen Niveaus enorme Verdienste für die Stadt und die Region erworben. Doch auch in seiner eigenen künstlerischen Tätigkeit ist das Ehepaar höchst erfolgreich, da es zur Spitzenklasse der Klavierduos gehört.

Vierhändiges Klavierspiel und auch das Spiel an zwei Klavieren war im 19. Jahrhundert bis in das 20. sehr beliebt. Eine Vielzahl von Originalkompositionen und Bearbeitungen trug diesem Phänomen Rechnung und bildet heute mit den besten Werden die Substanz für höchst interessante Konzertprogramme. Aus dem reichhaltigen Schatz präsentierte das Duo am Sonntag im Vennehof musikalisch Delikatessen, die die sehr sympathische Moderation der Künstler zudem beleuchtete.

Mit einer Art von italienischen Antipasti und der Leichtigkeit des Seins begann das Konzert: Gaetano Donizettis köstliche Sonate D-Dur kann in vielen Bereichen die Opernkarriere des Komponisten nicht verleugenen, aber was macht dies schon? Eine höchst vergnügliche Musik, vor allem perfekt nuanciert und mit sichtlicher Spielfreude geboten.

Als Hauptgericht gab es die deutsche Version einer österreichischen Süßspeise. Im Original für Orchester geschrieben, existieren die Haydn-Variationen op. 56 von Johannes Brahms, welche auf einem burgenländischen Wallfahrtslied basieren, auch in einer vom Komponisten erstellten Fassung für zwei Klaviere. Der als Leihinstrument aufgestellte große D-Steinwayflügel gab dem in quasi orchestralen Klangfarben angelegtem Spiel enormen Grund und würde sich sicher auch permanent vortrefflich im Vennehof machen. Bewundernswert war wieder die Kommunikation des Duos, das bei aller technischen Herausforderung subtil agierte.

Der zweite Teil begann mit einer Überleitung zu französischen Desserts: Gabriel Faurés Dolly-Suite, eine Abfolge eher kurzer Einzelsätze, wurde delikat und mit ausgeprägtem Sinn für die Klangschönheit dieser spätromantischen Pretiosen interpretiert. Würde man Faurés Werk als Sorbet betrachten, dann reichte das Duo mit Darius Milhauds "Scaramouche", einem dreisätzigen, von Jazz-, Blues- und Sambaelementen geprägten Werk, einen feurigen Degistif. Mit Spieltemperament und perfekter Abstimmung brachten die Künstler verdientermaßen das Publikum zu stehenden Ovationen.

Als Zugabe hörte es einen Ungarischen Tanz von Brahms und eine versonnene Jazz-Komposition von Manfred Schmitz als wohltönendes Konfekt.

Kammermusik auf hohem Niveau: Dank des Schemann-Duos eine feste kulturelle Größe in Borken.

Kurt-Ludwig Forg

Kritik der Borkener Zeitung vom 09.11.2013

 

Über den Traum vom Frieden

Authentisches Bühnenstück "Mr. & Mrs. Nobel" in der Stadthalle

 

"Die Männer verwalten unsere Welt nur. Beherrscht wird sie von den Frauen." Vielleicht beschreibt dieses Zitat der Besellerautorin Esther Vilars ("Der dressierte Mann") die Intention des Schauspiels "Mr. & Mrs. Nobel", das aus ihrer Feder stammt. Am Donnerstag wurde es in der Borkener Stadthalle aufgeführt. Bertha von Suttner inspiriert darin Alfred Nobel zum Preis.

Paris 1876. Alfred Nobel, Chemiker, Dynamit-Erfinder und Industrieller, sucht mit einer in fünf Sprachen verfassten Anzeige eine Privatsekretärin. Es bewirbt sich die junge Bertha Gräfin von Kinsky. Eine lebenslange Freundschaft beginnt. 1905 erhält Bertha von Suttner, engagierte Kämpferin gegen Krieg und Gewalt, als erste Frau den Friedensnobelpreis.

Im Vordergrund steht die Beziehung zwischen von Suttner und Alfred Nobel. Die Handlung des Stückes ist einerseits historisch, zum anderen fiktiv, da die große Liebe der beiden nicht nachweisbar ist. Die Inszenierung von Werner Haindl lässt den Zuschauer in diesem konventionell gebauten Stück eintauchen in die Welt um 1876. Neben sparsamer, doch passender Bühnendekoration, authentischen Kostümen und Frisuren, die zum historischen Ambiente ebenso passen wie die angemessenen Musik- und Lichteffekte, ist es vor allem die Sprache, die durch kurzweilige Dialoge und Natürlichkeit fesselt. Von Suttner tritt in zwei Gestalten auf. Christiane Hammacher spielt sie als ehrwürdige Dame. So beginnt das Stück: Die Aktivistin verfasst die Dankesrede für den Friedensnobelpreis. Sie blickt zurück auf die lebensentscheidende Begegnung. Da erscheint Katharina Haindl als Gräfin Kinsky auf der Bühne, die bei Nobel eine Anstellung sucht. Sie findet ihn (souverän und sicher gespielt von Michael Roll) in einem Sarg.
Roll und Haindl ergänzen sich hervorragend im unterhaltsamen und überhaupt nicht steifen oder konstruierten Zusammenspiel. Effektvoll inszenierte Rückblenden, in denen die reife Bertha im Dialog mit der jungen steht, werden nicht überstrapaziert, sondern geschickt eingebaut.

Das Stück ist eine spannende, heitere und bildende Geschichte über den Traum vom Frieden, politisches Engagement und die Entstehung des Nobelpreises. Es ist leichte Kost, eine gelungene Darstellung, bei der Freundschaft und Liebe im Mittelpunkt stehen - eine Hommage für Bertha von Suttner (1889, "Die Waffen nieder!") und den Frieden.

Die dahinterstehende Dramatik mit all ihren Facetten (Tragik des Verlustes des bei Sprengstoffexperimenten ums Leben gekommenen Bruders Nobels oder Dynamit als abschreckende Wirkung zur Beendigung von Kriegen einzusetzen) und deren Aktualitätsbezug erahnt der Betracht nur - zum Thema gemacht wird sie nicht.

Dorothea Koschmieder


Kritik aus der Borkener Zeitung vom 19.10.2013

 

Liebenswerte Komödie
"Der dressierte Mann" mit emanzipatorischen Anspielungen

 

Dass ihre Streitschrift "Der dressierte Mann" eines Tages als Bühnenversion erscheint, hätte Esther Villar Anfang der 1970er Jahre nicht zu träumen gewagt. Mit dem Buch verstand sie sich als Gegenspielerin der Frauenbewegung  und brachte nicht nur Alice Schwarzer gegen sich auf.

Vier Jahrzehnte später hat das auf diesen Thesen basierende Bühnenstück von John von Düffel etwas von seinem provokativen Potenzial eingebüßt. Dafür allerdings drehte es am Donnerstagabend in der beinahe ausverkauften Stadthalle leichtfüßig den Emanzipationsspieß um. Herr im Hause war hier plötzlich die Karrierefrau Helen (Martina Dähne), der Bastian (Stephan Schleberger) an diesem Abend den Verlobungsring an den Finger stecken wollte. Sein Weltbild brach zusammen, als sie ihn bei ihrem Karrieresprung weit hinter sich ließ. Der Sohn einer emanzipierten Mutter kam sich nun nicht nur beruflich untergeordnet vor. So grauste es ihm etwa vor steuerrechtlichen Problemen ("Ich komme in Lohnsteuerklasse fünf"). Er, der sich auf der Karriereleiter überholt sah, wünschte sich plötzlich  eine normale Frau und kniff vor der Verlobung.

Auch die beiden Mütter waren von der neuen Situation nicht erfreut. Doch plötzlich entdeckten die emanzipierte Feministin (Marianne Rogée) sowie die Zahnarztgattin (Karin Dor) gemeinsame Ansichten. "Männer werden zum Arbeiten dressiert, wer das nicht beherrscht, gilt als Versager", so das gemeinsame Credo. Der folgende Umerziehungs-Crashkursus von Helen zur braven Hausfrau, die ihn anhimmelt, damit er das Geld nach Hause bringt, war wenig hilfreich. Am Ende stand jedoch ein positiver Schwangerschaftstest, und die Zukunftsvision, in der er sich um Haushalt und Kinder kümmert und sie das Geld nach Hause bringt.

Emanzipatorische Anspielungen gab  es genügend in dem Theaterstück des Tournee-Theaters Thespiskarren, das die Kulturgemeinde auf die Bühne brachte. Doch was damals vor allem die Frauen erzürnte, erfreute nun beide Geschlechter. Den stärksten Auftritt hatte ausgerechnet der Loser Bastian, alias Stephan Schleberger. Ob bei der Vorbereitung des Candle-Light-Dinners, in Unterhose oder als Betrunkener, er blieb trotz starker Selbstzweifel ein liebenswerter Mann. Liebenswert genau wie die ganze Komödie, die zumindest einen Teil des damals Provokanten in das Jetzt hinüberrettet.

Thomas Hacker

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 30. September 2013

 

Weltklasse im Vennehof

Auryn Quartett und Dinis Schemann begeistern

 

BORKEN (csp). Mit Schubert, Mozart und Dvorak haben das Auryn Quartett und Dinis Schemann am Samstagabend die Kulturgemeinde in der Stadthalle begeistert.

Das Auryn Quartett zählt zu den weltweit führenden Streichquartetten. Matthias Lingenfelder und Jens Oppermann (Violine), Stewart Eaton (Viola) und Andreas Arndt (Cello) spielen seit fast 30 Jahren zusammen. 2009 erhielt das Quartett den Echo, 2011 den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Sie fühlen sich in der New Yorker Carnegie Hall genauso zu Hause wie in der Borkener Stadthalle. Auffällig im ersten Teil des Konzerts war, wie sehr jedes Instrument seine individuelle, gleichberechtigte Stimme im harmonischen Zusammenklang ausspielte. Absolut perfekt, dabei warm und weich vom Klang harmonisieren die vier Musiker.

Schwungvoll und doch träumerisch ging es mit Franz Schuberts Streichquartettsatz in c-Moll D 703 (Allegro assai) los. Bedauerlicherweise hat Schubert dieses Streichquartett mit 23 Jahren nicht zu Ende komponiert.

Etwas "schräg" folgte Wolfgang Amadeus Mozarts Streichquartett C-Dur KV 465, das so genannte "Dissonanzenquartett". Da türmten sich in der langsamen Einleitung "regelwidrige" Dissonanzen auf, eine eindeutige Tonart ist nicht auszumachen. Das harmonische Schlingern, die beißende Chromatik war auch für die Konzertbesucher ungewohnt, aber keiner musste sich die Ohren zuhalten. Im Gegenteil, das fachkundige Publikum lauschte gebannt.

Nach der Pause ergänzte der Pianist Dinis Schemann das Quartett. Romantische Musik aus Böhmen stand mit Antonin Dvoraks Quintett für Klavier und Streicher A-Dur op. 81 auf dem Programm. Das viersätzige Werk fand großen Anklang beim Publikum. Überwältigender Melodienreichtum, abwechslungsreich in Tempo und Dynamik ließen vergessen, dass nur fünf Musiker auf der Bühne saßen und die große Stadthalle zum Klingen brachten.

Nicht nur der bekannte zweite Satz "Dumka" begeisterte die Kulturgemeinde, auch der dritte, das Scherzo, hatte es allen angetan. Der Furiant des dritten Satzes ist ein tschechischer Volkstanz im schnellen Dreiertakt, der im Trio auf wundersame Weise in ein "Lyrisches Stück" im Stil Griegs verwandelt wird.

Das Finale gibt sich als schwungvolle Polka mit kunstvoller Fugato-Durchführung. Ideal, um so ein gelungenes Konzert zu beenden.

Das Publikum freute sich, als es nach stehenden Ovationen den dritten Satz noch einmal als Zugabe hörte.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 28.09.2013

 

Die Leichtigkeit fehlte
Enttäuschende Eröffnung der Theatersaison

 

Um im Dialog mit der Welt, die uns umgibt zu stehen, braucht das Theater zeitgmäße Stoffe und eine geleungene Fassung für die Bühne, um zu unterhalten. Dass dabei zeitgenössische Romane als Vorlage dienen, ist nichts Ungewöhnliches. Liegt es nahe, dass sich ein Roman auf der Bühne nicht Seite für Seite nachspielen lässt, so braucht man jedoch "interessante Figuren und wunderbare Schauspieler, hervorragende Dialoge mit guten Pointen und Situationswitz, ein Theaterstück mit Ernst und Tiefe", sagt Regisseur Stefan Zimmermann über seine Inszenierung zum gleichnamigen Roman "Zusammen ist man weniger allein" von Anna Gavalda.

Die Liebeskomödie in drei Akten bildete am Donnerstagabend den Auftakt zur Borkener Theatersaison 2013/2014: Vier grundverschiedene Menschen in einer verrückten Wohngemeinschaft treffen aufeinander, beginnen sich einander anzunähern, zu lieben, streiten, scheitern und versuchen, irgendwie zurechtzukommen - jeder mit seiner eigenen mehr oder weniger tragischen Geschichte. Sie schaffen es, ihre Alltagsprobleme zusammen zu meistern - die ernsthaften Aspekte des Lebens wie Älterwerden, Einsamkeit, Liebeskummer, Verschlossenheit werden hier nicht ohne Augenzwinkern behandelt.

Die thematische Dichte und die gesellschaftsreflektierende Absicht der Erzählung, insbesondere durch die Entwicklung der Figuren in diesem Stück, berührt. Insofern ist der Stoff als Bühnenstück gut gewählt. Jedoch treffen teilweise akustisch nicht zu verstehende Dialoge und vorhersagbare Pointen nicht ganz die an dieses Stück zu stellenden Erwartungen, was dazu führt, dass das vorhersehbare Ende herbeigesehnt wird. Dabei liegt dies nicht an den liebenswerten Darstellern (allen voran Ursula Dirichs, die die Großmutter Paulette bezaubernd spielte), sondern an der Umsetzung der Romanvorlage, die zum Beispiel in der ersten halben Stunde die Szenen langatmig gestaltete und durch viele Unterbrechungen den Spielfluss oft unnötig störte. Wenn man dann noch die ständig gleichen Chansons sowie die eher karge Bühnendekoration des Pflegeheims einbezieht, so können leise Zweifel an der Kreativität des Regisseurs aufkommen; vom falschen Knopfdruck der Technik ganz abgesehen.

Das Stück schaffte es nicht, die Zuschauer emotional mit in die Geschichte hineinzunehmen. Kognitiv gesehen erfasst der Betrachter die Aktualtiät der Thematik und mancher setzt sich sicher auch nachhaltig damit auseinander: Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Das Stück selbst bleibt nur der Schatten einer Romanvorlage, deren Autorin den Anspruch hat, trotz der Schwere und Tiefe des Stoffes eine Leichtigkeit zu erzeugen. Dies hat das Bühnenstück aufgrund mittelmäßiger Pointen, überzogener Dialoge - trotz markanter, engagierter Darsteller (Lutz Bembenneck als Philibert überzeugte), nicht uneingeschränkt geschafft.

Dorothea Koschmieder

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 25. April 2013

 

Bühnenstück mit roher Dynamik

"Verrücktes Blut" polarisierte

 

BORKEN. "Ordinär", hört man beim Rausgehen aus dem Theater jemanden sagen. Zugegeben manch eingefleischten Theaterfan dürfte die rohe Dynamik, die "Verrücktes But" ausstrahlt, ziemlich erschrocken haben; verlangt doch die permanent derbe Sprache des Stücks dem Publikum einiges ab. Mit dem, was man an Theaterstücken oft sonst geboten bekommt, hatte diese Inszenierung nämlich nichts zu tun.

Das letzte Schauspiel der aktuellen Saison von Nurkan Erpulat und Jens Hillje nach Motiven aus JeanPaul  Lilienfelds Film "La Jorunee de la Jupe" behandelt die Klischees um Integration und das Zusammenleben der Kulturen: Lehrerin Sonia Kelich, die in einem sozialen Brennpunkt unterrichtet, führt einen zermürbenden Kleinkrieg gegen die Null-Bock-Mentalität ihrer Schüler. Während eines Projekttages versucht sie, sieben Jugendlichen die Dichtung des Sturm und Drang nahezubringen und mit ihnen Schillers "Die Räuber" sowie "Kabale und Liebe" zu erarbeiten. Als nach einigen Pöbeleien einem der Schüler eine Pistole aus dem Rucksack fällt, ergreift sie ihre Chance und nimmt kurzerhand die Waffe. Es entwickelt sich ein skurriles Spiel, indem sie ihren Schülern fatalerweise immer ähnlicher wird und diese nicht nur zwingt, die Texte zu lesen, sondern einzelne Passagen auch zu spielen. Indem sie mit der Pistole in der einen und dem Reclam-Heft in der anderen Hand Respekt und Disziplin einfordert, erfahren die Schüler, dass Schillers Dramen sozialen Sprengstoff enthalten und Themen behandeln, die einen wichtigen Bezug zu ihrer eigenen Lebenswirklichkeit haben.

Die im Stück enthaltenen Brüche und Bedeutungsebenen unterbrechen immer wieder das realistische Spiel; plötzlich wird kein Slang, sondern Hochdeutsch gesprochen, alte Volkslieder werden angestimmt, da reißt die Schülerin Mariam die Waffengewalt an sich, die Lehrerin entpuppt sich als Türkin und Hasan erzählt auf einmal aus seinem realen Leben und wie satt er es hat, als Quotenmigrant den nächsten Tatort-Kommissar zu spielen.

Das Stück begeisterte vielleicht nicht jeden. Ist es eines, das unter die Haut geht? Der Betrachter bleibt distanziert beobachtend, amüsiert auf jeden Fall aber von der ersten Minute mit hineingenommen. Da fiel die Textlastigkeit des Stücks durch das intensive Spiel des jungen Ensembles nicht so ins Gewicht. Aufwühlend ist das Stück nicht und will es aufgrund der überzogenen Inszenierung auch gar nicht sein. Die Distanz des Beobachters bleibt gewahrt - bis zum unverhofften Schluss: "Die Schulstunde ist zu Ende". Wenn der Theaterbesucher den schalldichten Raum des Theaters verlässt, liegt es an ihm, wie er das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft mitgestaltet. Somit bietet die kluge Story keine Antworten, sondern will das gesellschaftliche Zusammenwachsen in den Fokus rücken.

Es ist mutig von der Kulturgemeinde, dieses knallharte, unkonventionelle Stück in den Spielplan mit aufgenommen zu haben, dem am Ende mit viel Applaus und Standing Ovations Respekt gezollt wurde.

Dorothea Koschmieder

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 23.04.2013

 

Ein krönender Saisonabschluss

Die Deutsche Kammerakademie bot einen bravourösen Mozart-Abend in der Stadthalle

 

Von Kurt-Ludwig Forg

 

BORKEN. Zum Abschluss der Konzertsaison der Borkener Kulturgemeinde gab sich am vergangenen Samstag die Deutsche Kammerakadamie Neuss am Rhein mit einem reinen Mozart-Programm unter dem Dirigenten Florian Merz im Vennehof die Ehre. Ein solches Programm ist natürlich ein Magnet, und so war dementsprechend auch der Vennehof gefüllt.

Mozarts Musik kann natürlich - wie jede andere Musik auch - vielfältig interpretiert werden. Aufführungen in einer spätromantischen Orchestertradition finden immer noch aufgrund der Qualität der Musizierenden ihr Publikum, daneben gewinnt seit vielen Jahren immer mehr eine historisch informierte Aufführungspraxis, die den Klang-Idealen der Entstehungszeit eines Werkes nachspürt, an Bedeutung.

Merz als Vertreter einer solch historisch informierten Aufführungspraxis bewies mit seinem Dirigat, dass solches Nachspüren nach einem "Originalklang" kein bloßes akademisches Anliegen ist, sondern höchst vital und expressiv erfolgen kann. Ihm stand dabei mit der Deutschen Kammerakademie ein renommierter Klangkörper mit großer Spielfreude zur Verfügung. Mozarts Divertimento D-Dur - wie der italienische Titel sagt ein Werk zum Vergnügen - war schon zu seiner Zeit Ausdruck der typisch Mozartschen Verbindung von Kunst und Populärem beziehungsweise Volkstümlichen. Eine perfekte Formsprache, überraschende Wendungen, aber auch eine leichte Eingängkeit sowie Witz und Humor wurden an diesem Abend von Dirigent und Orchester auf den Punkt gebracht und begeisterten direkt das Publikum.

Mit dem 2. Flötenkonzert Mozarts brillierte Michael Hasel, Flötist bei den Berliner Philharmonikern: Gerade die expressiv musizierten Kadenzen zeigten einen vollendeten Musiker, der zudem mit einem absolut durch alle Lagen tragfähigen und ausgeglichenen Instrument aufwarten konnte. Für den heftigen Beifall bedankten sich Hasel und das Orchester mit dem Andante in C-Dur, einem Lieblingsstück für Querflöte vieler Kenner und Liebhaber.

Zu den bekanntesten Werken Mozarts gehört unter anderm seine Symphonie Nr. 40 in g-moll, die in der selten gespielten Urfassung aufgeführt wurde. Die dynamische Ausarbeitung des Werkes geriet vorbildlich transparent und tänzerisch, und gerade im vierten und abschließenden Satz hochvirtuos und rhythmisch brillant.

Ein krönender Saisonabschluss also im Hinblick auf die Werkauswahl, Solisten, Dirigenten und Orchester. Das Schöne ist, dass die nächste Konzertsaison bereits organisiert ist und am 28. September mit dem "Auryn Streichquartett" und Dinis Schemann am Klavier beginnt.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 16. März 2013

 

"Verbrennungen" wühlen auf

Wajdi Mouawads Drama war alles andere als leichte Kost

 

Dorothea Koschmieder

 

BOKEN. Es gibt Theaterstücke, "die man als Zuschauer selber erfahren muss und soll: Man kann sie nicht erzählen, darf ihr Ende, das kommt wie ein 'einstürzender Himmel', nicht verraten", so ein Kommentar zu dem am Donnerstagabend aufgeführten Stück. "Verbrennungen" ist von dieser Art. Wer sich auf einen unterhaltsamen Theaterabend eingestellt hatte, fand sich inmitten eines aufwühlenden Dramas, das große Anforderungen an Betrachter und Ensemble stellte, wieder. Der Zuschauer konnte sich inmitten hochemotionaler Dialoge des Autors Wajdi Mouawad und reifer schauspielerischer Leistungen dem Geschehen nicht entziehen. Das Stück verwirrt, wühlt grenzenlos auf und berührt Fragen von existentieller Tragweite: Um Verbrennungen der Seele geht es, denen Menschen ohnmächtig ausgeliefert sind.

Grenzen zwischen Schuld und Unschuld, Opfer und Täter verschwimmen. Diese abgeschlossene Tetralogie über Heimat, Exil und Krieg spielt auf unterschiedlichen Zeitebenen. Mouawad verankert den Schauplatz bewusst nie konkret, doch macht er anhand des Einzelschicksals der Nawal, die inmitten der Brutalität des Bürgerkrieges ihr Kind hergeben musste, sich aufgrund ihrer von Tod und Leid beherrschenden Lebensumstände später von ihren beiden Zwillingen Jeanne und Simon entfernt, den Irrsin von Terror, Krieg und Gewalt deutlich. "Im Schweigen unserer Mutter ist etwas, das ich verstehen will", beschließt Jeanne. Wie ein Lebenspuzzle setzt sich ein Teil nach dem anderen zusammen. Am Ende gibt es aber eine kleine Chance: Kann der Faden des Zorns endgültig zerrissen werden?

Es ist trotzdem kein schönes Stück. Man fährt aufgewühlt nach Hause in dem Wissen, in der gewaltigen Bildsprache brutale Realität vermittelt bekommen zu haben - zum Beispiel in der grausamen Erzählung Sawdas, die davon berichtet, wie eine Mutter sich entscheiden musste, welches ihrer Kinder getötet werden soll.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 13.03.2013

 

Fotountertitel: Dynamik pur - dafür steht das "Amaryllis Quartett". Am Sonntag haben die Musiker das Borkener Publikum begeistert.

 

Streichquartett von Weltformat

"Amaryllis-Quartett" präsentierte Werke von Haydn, Beethoven und Dvorak

 

Von Kurt-Ludwig Forg

 

BORKEN. Das Streichquartett gilt als Königsdisziplin sowohl für die Komponisten als auch für die Ausführenden: Eine höchste Transparenz des Klanges, eine ausgefeilte Balance zwischen den einzelnen Instrumenten, und eine lupenreine Intonation sind nur einige der Kriterien, die ein Streichquartett von Weltformat ohnehin beherrschen muss. Kommen noch selbstzweckfreie Virtuosität, ein ausgesprochenes Spieltemperament und ein nahezu blindes Verständnis zwischen den Spielern hinzu, ist das Amaryllis-Quartett beschrieben, das am Sonntagabend im Borkener Vennehof mit Werken von Joseph Haydn, Ludwig von Beethoven und Antonin Dvorak gastierte.

Längst durch zahlreiche Preise bei internationalen Kammermusikwettbewerben und Rundfunkaufnahmen dekoriert, gilt das Amaryllis-Quartett als eines der führenden Streichquartette der Gegenwart. Gewissermaßen als Erfinder der Gattung Streichquarett darf Joseph Haydn gelten, dessen Streichquartett G-Dur op. 64, 4 mit sichtlichem Vergnügen dargeboten wurde. Mit zwei Violinen, einer Viola und einem Violoncello kreierte er so eine Art "Miniatursinfonie", die in Form und Ausdehnung durchaus seinen größeren Sinfonien entsprach. Beiden ist der köstliche Musikalische Humor Haydns gemeinsam, den das Amaryllis-Quartett subtil zu vermitteln wusste.

Eine bedeutende Rolle in Beethovens Schaffen nehmen seine Streichquartette ein, die als weitere Meilensteine in der Entwicklung der Streichquartettliteratur gelten. Das generell vom Grundton der Leidenschaft durchdrungene Streichquartett c-moll op. 18, 4 erhielt in seinem zweiten Satz mit seiner Kombination von zahlreichen Fugati und permanenten Tanzrhythmen eine besonders delikate Interpretation durch das Amaryllis-Quartett, das diese Form von Gelehrsamkeit und Volkstümlichkeit auf geschickte Art paarte.

Die Verwandschaft von Antonin Dvoraks sogenanntem "Amerikanischen" Streichquartett F-Dur op. 96 zu seiner berühmten Symphonie aus der "Neuen Welt" war duch die Parallelen in der Verwendung des tonalen Materials und seiner harmonischen Behandlung unüberhörbar. Dvorak schrieb dieses Quartett 1893 und vermerkte unter dem letzten Satz der Skizze: "Gott sei's gedankt. Es ist schnell gegangen. Ich bin zufrieden." So bedankte sich denn auch ein zufriedenes Publikum für ein umfangreiches aber (zu) schnell vorübergehendes Konzert mit frenetischen Beifall, dem das Amaryllis-Quartett seinerseits mit dem Finalsatz aus Haydns "Reiter-Quartett" op. 74, 3 eine rasante Zugabe schenkte.

Schade war eigentlich nur, dass sich die Werkauswahl des Konzertes nur auf Meisterwerke des 18. und 19. Jahrhunderts beschränkte: Schon längst ist das Borkener Konzertpublikum an Werke des 20. und 21. Jahrhunderts herangeführt worden. Aber vielleicht (und hoffentlich) gibt es ein nächstes Mal.

Kammerweltmusik erweitert den Horizont

Borkener Publikum feiert das Orlowsky-Trio

 

Eine Festlegung einer musikalischen Stilrichtung des Konzertes des renommierten Orlowsky-Trios in der Besetzung Klarinette, Gitarre und Kontrabass am vergangenen Samstag im Vennehof fällt schwer: Für eine traditionelle Klezmer-Musik (aus dessen Fundus das Ensemble reichlich schöpft) oder eines mehr klassisch orientierten Kammermusikprogramms gab es zu viele Elemente aus der iberischen und südamerikanischen Musik, der des Balkans oder des Pop- und Jazz-Bereichs. Vielmehr entwickelte das Ensemble mit dem dargebotenen Programm "Chronos" mit eigenen Kompositionen und Bearbeitungen von Klezmer-Stücken einen durchaus eigenen und hochinteressanten Stil, der diese Vielfalt auf musikalisch-intelligente Weise miteinander verband und so für diese instrumentale Formation einen vollkommen neuen Musikstil kreierte, der sowohl überzeugend wirkte als auch überzeugend dargeboten wurde.
Für sich selbst hat das Trio diesen Musikstil als "Kammerweltmusik" bezeichnet. Vielfach war wirklich beim Musizieren eine kammermusikalische Intimität zu vernehmen, die mit einer enormen Klangfarbenpalette und zahlreichen rhythmischen Raffinessen versehen aus dem Steinbruch weltweiter Folklore und der Tradition westlicher  klassischer Kammermusik schöpfte. Gleichzeitig gab es auch Passagen von geradezu orchestraler Fülle. Seinen instrumentalen Voraussetzungen entsprechend übernahm jeder einen durchaus gleichwertigen Part: Orlowsky an seiner Klarinette mit einem fabelhaft weichen Ton, der durchaus auch zugreifend sein konnte, stand für die melodische Komponente des Trios. Der engagiert agierende Gitarrist Jens-Uwe Popp erzeugte auch perkussive Effekte auf seinem Instrument und übernahm gewissermaßen die Rolle eines Begleitorchesters, dem ebenfalls vielfach melodische Einwürfe zu verdanken waren. Der Bassist Florian Dohrmann hingegen deckte naturgemäß den tonalen tiefen Breich ab und sorgte verlässlich für einen rhythmisch klaren Groove.

Zwar nahm das Borkener Publikum nicht das anfängliche Angebot Orlowskys an, während des Programms zu tanzen. Die westfälische Reserviertheit nahm jedoch im Verlauf des Programms ab. Bei einer Zugabe, in der es ein verstecktes musikalisches James-Bond-Thema vom Publium zu entdecken galt, füllte sich der Vennehof mit heftigem Applaus und johlender Entdeckerfreude. Standing Ovations für das Orlowsky Trio, das mit seiner Kammerweltmusik sicherlich für eine musikalische Horizonterweiterung gesorgt hat.

Kurt-Ludwig Forg

Bühnenstück mit eigenem Profil

"Rain Man": Hervorragende Darsteller bei Spielfilm-Adaption

 

Von Dorothea Koschmieder

 

BORKEN. Basierend auf dem preisgekrönten Spielfilm "Rain Man" (in den Hauptrollen besetzt mit Dustin Hoffman und Tom Cruise) von 1988 konnte der Betrachter des gleichnamigen Theaterstückes, das das Ensemble Altes Schauspielhaus Stuttgart nun im Vennehof in neun Szenen auf die Bühne brachte, sich einem Vergleich mit den filmischen Szenen nicht gänzlich entziehen.

Dennoch gelang es den hervorragenden Darstellern Rufus Beck als karrieregeilem Geschäftsmann Charlie Babbitt und insbesondere Karl Walter Sprungala, der Charlies Bruder Raymond beeindruckend spielte, einzelne Filmszenen zwar aufblitzen, jedoch in den Hintergrund treten zu lassen. Sprungala schaffte es, durch intensives und eindrucksvolles Spiel, das Bild des scheinbar übermächtigen Dustin Hoffman erfolgreich aus den Köpfen der Zuschauer zu verdrängen und der Figur des autistischen Bruders Raymond ein eigenes Profil zu geben. Die Schauspieler ermöglichten es dem Betrachter, die Aufmerksamkeit ganz auf die Dialoge und Handlungen des Theatergeschehens zu fokussieren und bewiesen, dass das Stück auch auf der Bühne funktioniert.

Neben Rufus Beck als souveränem Profi eroberte Sprungala mit Leichtigkeit die Herzen der Zuschauer von Anfang an und stand als Raymond im Mittelpunkt des Geschehens. Faszinierend war es, ihm beim Vortragen seiner unendlichen Stakkatosätze und mürrischen Kommentare, im rechten Maße unterstützt durch Gestik und Mimik, zuzusehen. Dabei ist zu beachten, dass er in der Rolle des hochbegabten Sonderlings zu keiner Zeit eine psychische Erkrankung zur Schau stellt, sondern anrührend aufzeigt, welches Potenzial und was für eine Tiefe der Empfindungen in autitstischen Menschen steckt. Die kurzweilige Inszenierung zeigte die besondere Begegnung zweier ungleicher Brüder. Auch, wenn es sich um eine Entführung handelt, weil Charlie an das ihm vermeintlich zustehende Erbe gelangen will, so haben beide die Lacher auf ihrer Seite, wenn ihre grundverschiedenen Welten aufeinanderprallen. Lediglich die Wandlung des geldgierigen Entführers Charlie hin zum liebenden, verstehenden und sich nach Nähe sehnenden Bruders erfolgte zu schnell und zu kurz.

Das minimalistische, schnell umzubauende, jedoch teilweise schäbige Bühnenbild ermöglichte es, zwischen unterschiedlichen Schauplätzen hin und her zu wechseln und die gesamte Inszenierung mit Leben und Überraschungen zu füllen. Neben vieler lustiger Elemente verflogen die zwei Stunden wie im Flug. Was beim Betrachter bleibt, ist am Ende eine leise Ahnung, dass eine Annäherung der ungleichen Brüder innerhalb ihrer eigenen Grenzen möglich ist.

Das Publikum dankte mit lang anhaltenden stehenden Ovationen.

"Les Bleus" bringen "Paris" nach Borken

Götz Alsmann und Band begeistern ihr Publikum in der Stadthalle

 

Von Claudia Peppenhorst

 

BORKEN. In babyblauen Sakkos traten Götz Alsmann und seine vier Musiker am Samstagabend vor ausverkaufter Stadthalle auf und paradierten zwischendurch als Models über die Bühne. Alsmann bezeichnete die Farbe des neuen Outfits als "Borken Blue". Sein Programm hatte er "Paris" genannt. Seinen Gästen spielte er viele unbekannte und bekannte französische Chansons und deutsche Schlager mit französischem Flair vor. Dazwischen erzählte er auf seine witzige Art, wie er zur Musik gekommen war, welche Vorbilder und Idole er hatte. Er wollte werden wie Eddi Constantine, wollte Mädchen so erobern wie dieser und scheiterte kläglich. Er besuchte Paris, traf in einer Kneipe auf alle Chansongrößen (auch verstorbene) und fühlte sich als "Gott von Paris", dabei ist er schon der König des deutschen Jazzschlagers.

Jazzig, tänzerisch spielte er Melodien von Gilbert Becaud, Serge Grainsbough, Charles Trenet, Dalida und vielen anderen am Flügel. Musikalisch wanderte er durch die Zeit zwischen den 1930er Jahren bis zu den 1960ern. Nicht fehlen durfte ein so bekanntes Stück wie "La Mer" oder "Wenn es Nacht wird in Paris", aber auch das selten gehörte "Der Wolf tanzt Cha-Cha-Cha".

Begleitet wurde der Fernsehmoderator, von seiner Band: Altfrid M. Sicking (Vibraphon, Xylophon, Trompete), Michael Ottomar Müller (Bass), Rudi Marhold (Schlagzeug) und für viele akustische Effekte sorgte Markus Paßlick (Perkussion). Alsmann sang die Songs nicht nur am Klavier, er unterstützte das französische Ambiente auch mit Akkordeonklängen.

"Unfassbar", fanden Götz Alsmann und etliche Besucher die Störung des Konzerts durch ein klingelndes Handy. Nachdem sich Alsmann beruhigt hatt, nahm er es witzig: "In Borken wird viel telefoniert."

Am Ende des Konzerts trat er alleine mit seiner geliebten Ukulele auf. "Ich hoffe, dass es nicht wieder so lange dauert, bis ich nach Borken zurückkehre." Damit verabschiedete er sich von seinem rundum zufriedenen und begeiserten Publikum in der Stadthalle.

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Wie uns warm ums Herz wird

"Blütenträume" in der Theater-Reihe

 

Von Dorothea Koschmieder

 

BORKEN. Der frühlingshaft blumige, eher unscheinbare Titel des Schauspiels, das am Donnerstag im Vennehof in fünf Szenen gespielt wurde, lässt nicht erahnen, um welch hervorragendes Generationsporträt es sich handelt.

"Blütenträume" entfaltet ein Beziehungsgeflecht von Personen, die miteinander wie Blütenblätter in Beziehung stehen und deren unterschiedlichste Charaktere in Verbindung zueinander treten. Dennoch geht es hier nicht um jugendliche Frühlingsgefühle, sondern mehr oder weniger fortgeschrittene Semester, die in einem Volkshochschulkursus das Flirten und Sich-Verlieben neu lernen wollen. Erstaunlich ist, wie jeder Einzelne des professionellen Ensembles durch die unverwechselbare Verkörperung seines Charakters die Zuschauer von der ersten bis zur letzten Sekunde in den Bann zog. Szenen wie "Wir üben Begrüßung", "Steckbrief-Vorstellung" oder "Fünf-Minuten-Flirt mit Auswertung" sind ein Brüller.

Da war nicht nur die Einstiegsszene ein Hochgenuss: Gegenseitiges Kennenlernen per Stuhlkreis und hochmoderne Coaching-Methoden eines überaktiven Kursleiters, der allen vermitteln wollte, sich "zielorientiert" positiv zu präsentieren. Da ist Heinz, pragmatischer Automechaniker, dem bei der Speed-Dating-Theorie der Kopf qualmt (gut gespielt von Michael Derda), Frieda (Claudia Rieschel), die ihren an Alzheimer erkrankten Mann bis zum Tod gepflegt hat und Antje Cornelissen als Zynismus in Person.

Kursleiter Jan (Ben Zimmermann) und Saskia Valencia als die nach Liebe schreiende Julia verkörpern ihre Rolle perfekt und verdeutlichen den Kampf aller, eigene Begrenzungen und Hemmungen zu überwinden. Bei dem Wagnis, das alle eingehen, fehlen - neben Handgreiflichkeiten, Rebellion und pointierten Wortwitz - auch nicht die leisen Töne in diesem warmherzigen Stück, in dem jeder der Akteure seine Rolle zutiefst menschlich und lebensbejahend untermauert.

Nach einer geplatzten Idee, sich zu einer WG zusammenzutun, zeigt das Stück ein realistisches, komplexes Miteinander über Versagen, Aufbruch, neue Träume, Zerfall und natürlich über die Liebe, die niemals einfach, aber auch niemals unmöglich ist. Indem am Ende kleine Zweierschaften angedeutet werden, gibt Lutz Hübners Komödie einen optimistischen Ausblick und drückt aus, dass Beziehungen das Leben ausmachen: "Hauptsache, es sind Menschen da", hört man Julia mehrmals sagen.

Bei "Matilda" gab's kein Halten mehr

Harry Belafonte-Show: Rasantes Musiktheater mit Ron Williams / Publikum im Calypso-Fieber

 

Von Claudia Peppenhorst

 

BORKEN. Die Songs von Harry Belafonte waren dem Publikum bekannt, und manch einer summte die Melodien leise mit. In dem Schauspiel mit Musik wurde aber auch Hip-Hop präsentiert und etliche Folksongs, Schlager und Protestlieder.

Was dank der Kulturgemeinde da am Donnerstagabend in der Stadthalle geboten wurde, traf auf große Begeisterung. "Die Harry-Belafonte-Story" war ein mitreißendes Theaterstück, das für viele zum Lehrstück US-amerkanischer Geschichte wurde.

In eine Rahmenhandlung aus dem Jahr 2006 eingebunden, gab es Rückblenden auf verschiedene gesellschaftliche und politische Ereignisse der vergangenen 60 Jahre, die elemantar mit Belafontes Leben zusammenhingen, unerstützt durch auf die Bühne projizierte Bilder und Filmausschnitte der Ereignisse. So lernten die Zuschauer beispielsweise Neues über die Freiheitsstatue, über Rassentrennung, Rosa Louise Parks oder die McCarthy-Ära, aber auch Persönliches aus Belafontes Leben.

Szenenapplaus und viele Lacher erzeugte das Kinderlied "There's A Hole in The Bucket". Auch wer des Englischen nicht mächtig war, erkannte sofort das Lied "Ein Loch ist im Eimer". Die hervorragende komödiantische Darstellung tat ihr Übriges dazu.

Sechs Schauspieler und Schauspielerinnen wirbelten über die Bühne, spielten, sangen, schlüpften in verschiedene Rollen und bauten die Szenen blitzschnell um. Und alle sechs begeisterten bei allen Songs mit wundervollen Gesangsdarbietungen. Ron Williams, der in Borken bereits als Martin Luther King und Nelson Mandela auf der Bühne stand, verkörperte Harry Belafonte, Maaike Schuurmans dessen Frau Julie Robinson-Belafonte, Dominique Siassia die Kellnerin Angel, Gerhard Haase-Hindenberg war der Barbesitzer Charly Duke, Karten Kenzel provozierte als der aufmüpfige Jugendliche Steve und Thomas E. Killinger spielte nicht nur den Barpianisten Jeff, sondern spielte während des gesamten Stücks Klavier und sorgte für den passenden Sound bei allen Liedern. Das ganz Ensemble verdient ausnahmslos größte Bewunderung für diese tolle Leistung.

Mit dem Schlusssong "Mathilda" war dann auch noch das Calypso-Fieber auf die Borkener übergesprungen. Die Schauspieler wurden vom Publikum dadurch belohnt, indem sich alle in der fast ausverkauften Stadthalle erhoben, den Song mitklatschten, mitsangen und dazu tanzten.

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Meisterhafte Musikgeister

Familienkonzert im Fourm Mariengarden mit dem Quartett Pindakaas

 

Burlo (tha). Seltsames tat sich am ersten Advent im Forum Mariengarden. Während um die St.-Marien-Kirche der Weihnachtsmarkt stattfand, war auf der Bühne des Forums einem Mann die Anspannung im Gesicht anzusehen. Der Meisterdieb Pablo Passepartout schlich sich in das wunderbare Museum für Musik. Für seinen Chef war er auf der Suche nach der wertvollsten Musik. Doch die vier Musikgeister des Museums brachten ihn von seinem Plan ab. Nachdem sie ihm einen Riesenschreck versetzten, wanderten sie mit ihm durch verschiedene Musikepochen, von der Klassik, über die Moderne, vom Jazz bis zur Popmusik. Am Ende musste der Dieb erkennen, dass man Musik nicht stehlen kann. Musik muss man selbst erleben und selbst machen - war die Moral dieser fantasievollen Darbietung.

"Der Meisterdieb und das Geisterquartett" hieß das sehr gut besuchte Familienkonzert des Saxophon-Quartetts Pindakaas. Dazu eingeladen hatte die Kulturgemeinde der Stadt Borken. Während die Eltern vor Beginn der Aufführung einen Winterpunsch genossen, waren die Kleinen schon ganz aufgeregt. Mit Spannung verfolgten sie das Musiktheater und erfreuten sich an bereits bekannten Musikstücken, wie etwa der "Kleinen Nachtmusik" von Wolfgang Amadeus Mozart.

Die Erwachsenen erkannten dabei auch Melodien von "Big in Japan" (Alphaville) oder "Thank you vor the music" (Abba). Der Meisterdieb verstand es dabei geschickt, die Kinder in den Bann des Stückes zu ziehen und ihnen so verschiedene Musikepochen näher zu bringen.

Alle Zuschauer, Kinder, Jugendliche sowie Erwachsene gleichermaßen anzusprechen, ist das Ziel des Quartetts. Zu diesem gehören die Musiker Marcin Langer, Guido Grospietsch, Matthias Schröder und Anja Heix sowie der Schauspieler Martin Heim. Mit diesem Anspruch treten sie in ganz Nordrhein-Westfalen auf, mal auf Theaterbühnen, gerne auch in Schulen. So wollen sie die Begeisterung der Kinder für Musik oder das Spielen von Musikinstrumenten wecken.

Mit diesem Auftritt dürfte ihnen dieses sehr gut gelungen sein. Und wer weiß, vielleicht bringt Sankt Nikolaus dem einen oder anderen musikbegeisterten Kind diese Woche ein Instrument mit.

Alter als Vergrößerungsglas

Geschwister Schwiers überzeugten mit "Gin Rommé"

 

Von Dorothea Koschmieder

 

BORKEN. Schäbig und heruntergekommen sieht sie aus - die Veranda des Altenheims in Bentley. Weller Martin (Holger Schwiers) lebt dort, wo er sich hartnäckig der "Bespaßung" durch das Personal verweigert. Er trifft auf eine Mitbewohnerin, die seit drei Wochen enbenfalls im Heim lebt: Fonsia Dorsey (Ellen Schwiers).

Durch das Erscheinen Fonsias scheint sich dieser triste, unwirtliche Ort zu verwandeln: durch ihre liebevolle, bedächtige Art ändert sich die Atmosphäre. Alles erscheint in anderem Licht, obwohl dem Betrachter von Anfang an klar ist, dass jeder der beiden die Altlasten seines Lebens  mitgenommen hat. Von nun an verbindet sie das gemeinsame Kartenspiel: "Gin Rommé", nach dem das am Diestagabend aufgeführte und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Schauspiel von Donald L. Coburn benannt worden ist.

Die beiden werden zunehmend vertrauter, manchen sich lustig über den Alltag im Heim ("Wir nehmen jetzt unsere Medizin") und zum Entsetzen Wellers, des "weltbesten" Gin Rommé-Spielers, der ihr doch gerade noch das Spiel erklärt hatte, gewinnt Fonsia zunächst jede Partie.

Das Kartenspiel als Rahmenhandlung der gemeinsamen Konversation verdeutlicht durch immer aggressiver werdende Untertöne die zwar nicht dramatischen, jedoch bedrohlichen, gescheiterten Momente zweier Leben und ihrer jeweils eigenen Konflikte. Fast beiläufig scheint Wesentliches angesprochen und aufgedeckt zu werden ("...ist Ihnen da nicht in den Sinn gekommen, Sie könnten ihr Leben verplempern? Wieso sollte das jetzt anders sein?"), ohne dass die Gespräche eine Tiefendimension erreichen.

Das Stück nimmt an Fahrt auf, indem Weller wie besessen spielen will: als er doch einmal gewinnt, erliegt er dem Wahn, Fonsia habe ihn extra gewinnen lassen. Sie weicht vor seiner Verbissenheit erschrocken zurück, doch schließlich entlädt sich alles Aufgestaute auch bei ihr. Bewundernswert, wie Ellen Schwiers und ihr jüngerer Bruder Authenzität und großartige Schauspielkunst verbanden, um die auf zwei Personen reduzierte und immer gleiche Handlung in Szene zu setzen. Damit zogen sie das Publikum in ihren Bann. Ellen Schwiers war einfach eine Augenweide, während Holger Schwiers die Lacher stets auf seiner Seite hatte, obwohl dieses Zwei-Personen-Stück den traurigen Umgang der Gesellschaft mit alten Menschen aufzeigt, ohne dabei deren eigenes Versagen zu verschweigen.

Coburn benutzt das Alter wie ein Vergrößerungsglas, um dadurch jene Lebensabschnitte und Charakterzüge darzustellen, die beide Charaktere nie genauer untersucht haben. Somit steht das Bentley-Altenheim für Hunderte von Heimen und regt an, das eigenen Verhältnis zum Altern und die Auswirkung solcher Heime auf unser Leben nicht beiseite zu lassen. Bei dem gehaltvollen, nachdenkswerten Stück - wenngleich auch manche Pointe vorhersehbar war, und die intensive Konzentration auf zwei Personen zum Ende hin an Energie verlor - wurde den Schauspielern auch vereinzelt durch Standing Ovation für ihr intensives Spiel gedankt.

Musikalisch und technisch auf höchstem Niveau

Mirijam Contzen und Florian Uhlig

 

Wiederum präsentierte die Kulturgemeinde Borken im Rahmen ihrer Konzertreihe am vergangenen Sonntag ein Highlight: Mit der Violinistin Mirijam Contzen und dem Pianisten Florian Uhlig konzertierten zwei hochkarätige junge Künstler im Borkener Vennehof, die bereits eine weltweite Karriere vorzuweisen haben und ihr hochprofessionelles Niveau deutlich unter Beweis stellten.

 

Mit drei Sonaten für Violine und Klavier von Robert Schumann, Claude Debussy und César Franck bot dieses Programm für die Künstler sowohl die Möglichkeit technisch als auch musikalisch zu brillieren. Robert Schumanns 2. Violinsonate in d-moll op. 121 entstand in nur sieben Tagen im Jahr 1851 und bot in der Interpretation von Contzen und Uhlig die Plattform für alle Qualitäten, die letztlich auch das Programm bestimmten.

 

Technische Leichtigkeit auch in den virtuosesten Stellen, ein absolut aufeinander eingespieltes Musizieren und eine enorme dynamische Bandbreit ohne die diesbezüglich exzessive Überreiztheit mancher Interpreten. Die makellose Intonation von Mirijam Contzen und die atemberaubende Fähigkeit zur Spannungshaltung in Pianissimo-Passagen zeugen von einer ausgeglichenen Balance von musikalischen und technischen Fähigkeiten auf allerhöchstem Niveau.

 

Während Schumanns und Francks Sonaten eindeutig der Romantik zuzuweisen sind, steht Debussys Sonate in einem Spannungsfeld von spätromantischer Sprache und impressionistischem Kolorit, das diesem Werk eine eigentümlich exotische Note gibt, welches die Künstler auch hervorragend mit viel Sinn für Details in großen Zusammenhängen herausarbeiteten. Francks Sonate A-Dur schließlich in ihrer Kombination von klassischer Formgebung, seiner eigenen romantischen Klangsprache und Klangfinesse konnte getrost als musikalischer Höhepunkt des Abends betrachtet werden.

 

Lange Phrasierungsbögen zur Kenntlichmachung von musikalischen Sinnzusammenhängen bei aller Detailtreue, eine fesselnde Rhythmik und nicht zuletzt eine enorme Spielfreude führten zu einer faszinierenden Interpretation, an der in diesem Werk Uhlig einen besonderen Anteil hatte. Seine besondere Begabung als Klavierbegleiter war deutlich insgesamt daran auszumachen, dass er sich einerseits mit unauffälliger Präsenz in seinem Part zubewegen verstand, andererseits - wie in Francks Sonate deutlich zu vernehmen - auch als solistisch gleichwertiger Partner agieren konnte. Die dynamische Spannbreite seines Spiels und die Klangfarbennuancierung gerade im Piano- und Mezzofortebereich ergaben so ein auf seine Partnerin ideal abgestimmtes und ausbalanciertes Klangbild.

 

Ein lebhafter und langanhaltender Beifall war mehr als gerechtfertigt für die beiden Künstler, die sich mit einer kurzen Zugabe von Gabriel Fauré beim sehr aufmerksamen Publikum bedankten.

Kurt-Ludwig Forg

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 1. November 2012

 

Die Faszination zweier Leben

"Halpern & Johnson" im Vennehof

 

Von Dorothea Koschmieder

 

B O R K E N. Dass man keine aufwendigen Bühnenaufbauten, teure Dekorationen, rasante Szenenwechsel, schrille Outfits benötigt, um großartiges Theater zu zeigen, das bewiesen am Dienstagabend im Vennehof Klaus Mikoleit in der Rolle des Joseph Halpern und Friedhelm Ptok als Dennis Johnson.

Verstärkt durch das karge Bühnenbild stand in dem Stück "Halpern & Johnson", in Szene gesetzt von der Konzertdiretkion Landgraf, ausnahmslos die Begegnung dieser beiden Männer im Vordergrund. Das Schauspiel des Autors Lionel Goldstein handelt von der Faszination zweier Leben, zweier Männer, die sich im Laufe der Handlung aneinander annähern.

Eine Friedhofsszene leitet in die Handlung ein: Am Anfang steht eine jüdische Beerdigung. Joseph Halpern hat nach über 50 Jahren Ehe seine Frau Flo zu Grabe getragen. Traurig begegnet er an ihrem Grab einem Fremden. Es ist Dennis Johnson, der Halpern über seine jahrzehntelange Liaison mit dessen Frau aufklären will. Die Konfrontation mit der Tatsache, dass seine Frau einen anderen Mann in ihrem Leben hatte (wenn auch nur platonisch) erschüttert ihn zunächst zutiefst. Es ist wunderbar, Mikoleit hier beim ausdrucksstarkem Spiel zu erleben, der mal seinen sich in Kraftausdrücken entladenden Emotionen Raum lässt, mal zerbrechlich, verwirrt wirkt, dann selbst davon berichtet, wie er Flo mit einer anderen Frau betrog.

Nie jedoch wirkt die Unterhaltung für einen der beiden existenziell bedrohlich; es gibt keinen Hinterhalt und selbst das koschere, gutdurchdachte Picknick, das Johnson für Halpern organisiert, ist nicht Mittel zum Zweck. Es geht einzig und allein um die Frage, "Wer sind Sie?", also um die Verbindung zweier Leben, die voneinander erfahren und deren Erkenntnisse sie immer mehr aneinander binden.

Gipfelnd in der Versöhnung der beiden, zeigt  somit auch die Schlusszene am Grab kein fulminantes Feuerwerk, sondern eine leise Umarmung: Ausdruck ehrlicher Freundschaft. In diesem Bild erschließt sich die Intention des fast zweistündig meisterhaft gespielten Stückes: Hier schaffen es zwei Menschen, dem Sog ihrer Geheimnisse zu entfliehen.

Die pointierten Dialoge und deren feinen Nuancen, die gekonnt die Balance zwischen Komödie und Drama hielten, fesselten die Zuschauer von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 6. Oktober 2012

 

Zwei Paare kreisen umeinander

Viel Applaus für Walser-Stück

 

BORKEN. Es ist ein anspruchsvolles Unterfangen, einen literairischen Text in den Raum einer Schaukastenbühne zu übersetzen. Besonders dann, wenn zwei Schlüsselszenen (Das fliehende Pferd und der Segeltörn) auf der Bühne nicht gezeigt werden können. Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd" ist so ein Stück. In der dramturgischen Bearbeitung zusammen mit Ulrich Khuon versucht der Autor das schier Unmögliche.

Das zweistündige Stück handelt von zwei Männern, die mit ihren Ehefrauen den Urlaub im selben Ort am Bodensee verbringen. Das Lehrerehepaar Halm aus Tradition, der Journalist Klaus Buch und seine künstlerisch ambitionierte Frau erst zum dritten mal. Die Paare treffen zufällig aufeinander. Das Spiel ist eröffnet.

Es geht um peinliche Enthüllungen, Erinnerungen zum Selbstzweck und erotische wie auch moralisch-ethische Herausforderungen. Die erste Szene reicht aus, um das komplizierte Geflecht und Manipulationen zu entfalten. Vorwürfe, Vorbehalte und Fußangeln sind gelegt. Der vorgeblich zufriedene Halm weiß, was er verliert, wenn er mitspielt. Der vordergründig vitale Buch weiß, was ihn erwartet, wenn er nachlässt. Verbissen, vital überzeugt er das Publikum sofort, dass sich hinter der Farce des Junggebliebenen noch etwas anderes verbirgt: Panik. Klaus wittert psychische Erneuerung durch Erinnerung. Zu diesem Ansinnen braucht er den verschreckten Jugendfreund Halm zwingend. Die beiden Frauen arrangieren sich.

Walser schrieb die Novelle bereits 1978 und landete einen unverhofften Bestseller. Die schwelenden Konfklikte einer Ehe und das psychologisierende Lavieren zweier Paare um Partnertausch und Midlifecrisis ist trotzdem aktuell wie nie.

Mit einem dramaturgischen Trick verlegen die Autoren den Dialog der Schlüsselszene fast wortwörtlich vom Boot in das Wohnzimmer der Ferienwohnung. Das Bühnenbild greift diesen Kniff subtil auf. Der Bühnenraum ist ausgekleidet mit grobem Nesseltuch, über dem Boden ein kniehoher Rand in Preußischblau. Ob als Horizont- oder Wasserlinie gedacht, bleibt abstrakt. Drei zierliche Jollensegel sind gleichzeitig Raumteiler und geben den Kontext vor: Boot oder Wohnzimmer.

Bisweilen ist die Diktion der vier Akteure nicht ausreichend für die Stadthalle. Allzu verschliffene Wortendungen sind kaum zu verstehen. Die Charaktere sind darstellerisch vielleicht allzu gegensätzlich angelegt. Das Ehepaar Halm überrascht, mit sonnenverwöhnter Attraktivität statt unerotisch blass zu sein. Zwei Stunden bestes Schauspiel honoriert das Publikum gern mit einem langanhaltenden Applaus.

Inge-Marie Drachter

Video zu diesem Theater unter

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Kritik aus der Borkener Zeitung vom 24. September 2012

 

Homogenes Klangbild elegant choreografiert

"Carion Bläserquintett" gastierte in der Stadthalle Vennehof

 

Von Kurt-Ludiwg Forg

 

Borken. Das Zusammenspiel eines Bläserquintetts ist eine höchst diffizile Angelegenheit: Zwar entstammen alle Instrumente der Bläserfamilie, die Unterschiede ihrer Klangcharakteristiken vom Horn über Klarinette, die Doppelrohrblattinstrumente Oboe und Fagott bis hin zur Querflöte verlangen jeodch sowohl höchste solistische  Souveränität als auch eine außergewöhnliche Bereitschaft zur Zurücknahme des eigenen Klangpotenzials zugunsten der Homogenität und Balance des Ensembleklangs. Zusätzlich zu diesen in internationalen Wettbewerben - und auch in Borken dargebotenen - preisgekrönten Qualitäten hat das dänische Bläserquintett "Carion" zur Visualisierung der inneren Architetkur der dargebotenen Musikwerke eine entsprechende Choreografie entwickelt, die wohltuend zurückgenommen und ganz im Sinne der Musik stehend das Musikerlebnis geradezu elegant dahinschwebend unterstützt. Auch der - bei aller inneren Dynamik - Verzicht auf exzessive Klangausbrüche charakterisiert dieses Ensemble, das so eine fast traumhaft wirkende Atmosphäre zu kreieren wusste.

Künstlerisch hat sich das Ensemble auf die Musik des 19. und 20 Jahrhunderts spezialisiert, die denn auch mit einem Schwerpunkt auf französische Kompositionen den Mittelpunkt des dargebotenen Programms bildete. Bis auf die das Konzert beendenden und original für Bläserquintett komponierten "Trois pièces brèves" von Jacques Ibert, die deutlich jazz-inspiriert die ausgesprochene Spielfreude des Ensembles eindrucksvoll demonstrierten, war es vor allem der Wiedererkennungswert der Übertragungen bekannter Werke wie Maurice Ravels "Pavane", seines "Tombeau de Couperine" oder Gabriel Faurés "Pavane" und "Pie Jesu", der das Publikum mit neuen Facetten ebendieser Werke konfrontierte. Ob die ein oder andere Übertragung letztlich im Vergleich zum "Klangteppich" der Streicher der Originalfassung vollends gelungen war, mag diskutabel erscheinen, viele Details erhielten jedenfalls eine neue Ausleuchtung.

Als besonders eindrucksvoll erwies sich in diesem Zusammenhang die Atemtechnik des Ensembles, das scheinbar ohne jede Zäsur viele sonst nur einem Streicherkorpus mögliche Phrasierungen gewissermaßen imitierte. Edward Elgars "Nimrod" aus den "Enigma-Variationen" jedenfalls bot gerade für diese Demonstration bläserischer Kunstfertigkeit ein hervorragendes Beispiel.

"Carion" nimmt sich auch zeitgenössischer Musik an. Der Zugang zu den "Sechs Bagatellen" des avantgardistisch geltendem György Ligeti wurde dem Publikum gerade durch die funktionale Choreografie erleichtert, und auch Stephen Montagues "Thule Ultima" mag mit seiner einem Urwald entstanden Geräuschhaftigkeit für ein konservatives Publikum ansonsten eher irritierend wirken. Frei nach dem Motto "Alles was ein Mundstück an Tönen und Geräuschen hervorbringen kann" bildete dieses kurze Werk mit der Demonstration moderner Spieltechniken einen zum eigentlichen zweiten Programmteil führenden Auftakt.

Mit dem ersten Konzert der Konzertreihe wurde ein wunderschöner Anfang für diese Saison geboten.

 

Video zu diesem Konzert
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Kritik aus der Borkener Zeitung vom 15. September 2012

 

Vom Mut, seine Träume zu leben

Theatersaison der Kulturgemeinde eröffnet

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Weder turbulent-fulminant noch spritzig-fröhlich  - sondern vielschichtig tiefgründig: Der Auftakt der Theatersaison 2012/2013 war keine leichte Kost und kam am vergangenen Mittwochabend in Gestalt eines anspruchsvollen Stückes daher, das dem Zuschauer nur wenige Verschnaufspausen gönnte.

Obwohl das gesamte Ensemble des a.gon Theaters München zu schauspielerischen Höchstleistungen auflief, traf das Stück trotz starkem Applauses am Schluss sicherlich nicht den Geschmack des Publikums zu 100 Prozent.

Schon der Titel lässt den roten Faden erahnen, der sich durch die drei Akte von Hakon Hirzenberger nach dem Bestseller von Paulo Coelho zieht: "Veronika beschließt zu sterben". Veronika (Jenny-Joy Kreindl) ist lebensmüde und landet nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie. Dort sagt man ihr, dass sie schwer herzkrank sei und nur noch fünf Tage zu leben habe. Sie ahnt jedoch nicht, dass Dr. Igor (Werner Haindl) mit dieser bewusst falschen Diagnose ihre Lust auf das Leben wieder entfachen möchte.

Eine bunte Mixtur aus lauter Verrücktheiten entfaltet sich nun, die die Schauspieler gut rüberzubringen vermochten: Da ist die sich in Illusionen flüchtende Zedka (Birgit Salkin) oder die unter Panikattacken leidende Mari (Ursula Berlinghof), die freiweillig in der Anstalt verweilt, weil  das Leben draußen ihr zu verrückt erscheint. Eduard, ein unterdrückter Künstler, der sich seine Welt schafft, wird überzeugend gespielt in der fast stummen Rolle von Philipp Moschitz. Inmitten der Begegnungen mit den übrigen "Verrückten", die ein Leben in absoluter Narrenfreiheit führen, hielt Jenny-Joy Kreindl (Veronika) alles zusammen und verkörperte eine junge Frau, die in nur kurzer Zeit das breite emotionale Spektrum von Selbshass, Verzweiflung, Wut, Sehnsucht - und endlich Liebe - durchlebt.

Im Wechsel zwischen leisen Tönen, zaghaften Momenten und entscheidenden Augenblicken durchbrechen Wutausbrüche und Irrealitäten das intensive Geschehen. Eine Parallele zu "Einer flog übers Kuckucksnest" trat deutlich hervor.

Schonungslos wurden Intimitäten dargestellt, das Stück bedeutete insgesamt ein hohes Maß an körperlicher Anforderung für die Schauspieler - nicht nur in der Nacktszene.

Das eigene Leben als lebens- und liebenswert zu betrachten, den Mut zur Verrücktheit und Aufrichtigkeit zuzulassen und das Vermögen, die Bitterkeit im eigenen Herzen zu besiegen: Diese Aufforderung fasst der Regisseur Peter Bernhardt über seine Inszenierung zusammen: "Ich möchte Lust machen, Träume zu leben und sie nicht zu verleugnen, weil man glaubt, sie sowieso nicht verwirklichen zu können." Das ist ihm gelungen.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 15. Mai 2012

 

Spielfreude vom ersten Takt an

Konzertreihe der Kulturgemeinde mit der Kammerphilharmonie Amadé

 

Von Kurt-Ludwig Forg

 

B O R K E N. Es müssen nicht immer die Großwerke bekannter Komponisten sein, die ein Publikum faszinieren können. Den Beweis erbrachte die Kammerphilharmonie Amadé, die am Samstagabend im Vennehof einem begeisterten Publikum nahezu Unbekanntes präsentierte.

Gewiss, mit den Namen Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy und im Walzer-Genre Johann Strauss (Sohn) sind viele bekannte Musikwerke verknüpft. Doch auch die kleineren, manchmal eher als Gebrauchs- oder Gelegenheitskompositionen entstandenen Werke tragen viel Charmantes und vor allem die Genialität der Urheber in sich. Mozart stand gleich zweimal auf dem Programm: Die zwei Divertimineti in B-Dur KV 137 und F-Dur KV 247, geschrieben im Alter von 16 bzw. 20 Jahren, sollen unterhalten, das Publikum vergnügen. Doch es war auch der Kammerphilharmonie deutlich anzumerken, dass sie bei diesen Divertimenti auch selbst viel Vergnügen hatte. Spielfreude machte sich direkt in den ersten Takten breit, immer sorgsam auf einen äußerst homogenen und transparenten Klang des kleinen Streicherensembles abgestimmt und von blitzblanker Intonation. Selbst im Zusammenspiel mit den Hörnern, die sich beim Divertimento F-Dur den Streichern hinzugesellten, machte sich dies bemerkbar. Höchst kultiviert leisteten diese ihre musikalischen Beiträge, samtweich und keinesfalls in einer oft wahrzunehmenden Aufdringlichkeit.

Die vom Dirigenten Frieder Obstfeld 1997 selbst gegründete Kammerphilharmonie erwies sich so im Lauf des Konzertes immer mehr als ein Ensemble der Spitzenklasse, das von sich aus als einziger Klangkörper agierte. Höchst päzise Einsätze und vor allem die Klangbalance zwischen thematisch wichtigem Material und Begleitfiguren, die Impulssetzung einzelner Instrumentengruppen sind sicherlich gemeinsamer Verdienst von Orchester und Dirigent, der sich somit in seiner Tätigkeit wirklich auf die musikalische Gestaltung konzentrieren konnte. Mit dem Violinkonzert d-moll, einem Frühwerk des 13-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy, konnte die Konzertmeisterin der Philharmonie Phoebe Rosochacki in brillanter Weise ein eher unbekanntes Werk präsentieren. Wenngleich dieses Werk qualitativ nicht an das bekannte e-moll-Konzert heran reicht, so zeigen sich schon viele Zeichen des sich entwickelnden Personalstils des großen Meisters.

Das bekannteste Werk des Abends waren wohl die "Rosen aus dem Süden" des aus der Walzer-Dynastie stammenden Johann Strauss (Sohn). Fernab jeder Sentimentalität standen hier Spielwitz und Charme im Vordergrund der Interpretation dieses mehrteiligen Konzertwalzers, reichlich vom Publikum mit Applaus belohnt. Mit einem Schmankerl bedankten sich Obstfeld und die Kammerphilharmonie Amadé mit einem weiteren Werk eines Komponisten mit dem Namen Strauss: Ein Marsch des österreichischen Operettenkomponisten Oscar Strauss ließ ein äußerst angenehm konzipiertes Konzert enden, dem man ganz gerne doch noch die eine oder andere weitere Zugabe folgen lassen können.

Eine vollendete Klangvielfalt

Trio Wiek bietet in der Stadthalle hohe Kunst

 

BORKEN. Das international erfolgreiche Trio Wiek in der Besetzung Querflöte, Violoncello und Klavier gastierte am Sonntagabend in der Stadthalle. Mit einem Programm zweier auf diese Besetzung eingerichteter Jugendwerke großer Komponisten präsentierten die Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs 2001 ein hochinteressantes Programm abseits ausgetretener Pfade, dargeboten in und mit Vollendung. Noch nicht ganz in Wien angekommen war Ludwig van Beethovens in Bonn geschaffenes Trio G-Dur für Flöte, Fagott (hier mit Violoncello besetzt) und Klavier. Entgegen dem im Konzertprogramm enthaltenen Begleittext war das Klavier keineswegs der Hauptakteur, sondern Partner für die beiden emanzipierten Blasinstrumente. Die Korrespondenz von motivisch-thematischem Material im Wechsel der Instrumente, die Übernahme solistischer oder begleitender Aufgaben innheralb des musikalischen Textes waren Anforderungen, denen das Trio mühelos gewachsen war. Technisch sowieso absolut souverän dargeboten, war dieses Jugendwerk das Eintrittsbillet für einen Abend musikalischen Hochgenusses, der von höchster Klangqualität im Piano, einem niemlas überbordenden Forte und Klangsubtillität geprägt war.

Claude Debussy musikalisches Schaffen wird mit dem Impressionismus in Verbindung gebracht, sein mit 18 Jahren komponiertes Trio für Klavier, Violine (hier mit Querflöte besetzt) und Violoncello zählt noch nicht zu dieser Stilrichtung. Die musikalische Phrasenbildung und erstrebte Expressivität erinnert noch eher an César Franck und auch gewisse Schwächen in der Melodiebildung lassen noch nicht ganz den späteren großen Meister erkennen. Dass dieses Werk dennoch zu einem überzeugenden Klangerlebnis wurde, ist Christina Fassbenders großartigem Flötenspiel zu verdanken, die mit einem nahezu orchestral-farbigem Ton zusammen mit Julius Grimm in gemeinsamer blitzsauberer Intonation die pianistisch anspruchsvollen Aktivitäten Florian Wieks geradezu umrankte.

Mit dem Trio g-moll op. 3 Carl Maria von Webers schloss das Konzertprogramm, kompositorisch auch den Höhepunkt für diese Trio-Besetzung liefernd. Diese Paradestück zeigte nochmals alle Qualitäten höchst kultivierter kammermusikalischer Spielart auf: Feinheit bei gleichzeitiger Fülle des Tons, sorgsame Ausbalanzierung der Klangverhältnisse und vor allem ein souveränes gemeinsames Agieren und Reagieren. Interessanterweise weckte dieses Werk auch Assoziationen an den zeitgleich entstandenen Freischütz und wurde mit einem langen Applaus belohnt, für den sich das Trio Wiek mit zwei Zugaben bedankte, die das Publikum musikalisch-geographisch in das Alpenland und einem Tango Astor Piazollas nach Argentinien führte.

Kurt Ludwig Forg

Hummelflug im Turbogang

Jubiläumskonzert der Kulturgemeinde: Neue Philharmonie Westfalen lässt musikalisch die Korken knallen

 

Von Karin Printing

 

BORKEN. Sie sind unverzichtbarer Bestandteil des Orchesters, stehen aber selten im Rampenlicht: die Posaunen.
Wenn sie zum Einsatz kommen, dann vor allem in den großen, erhabenen Momenten einer symphonischen Komposition. "Die Posaune hat einen sehr herrschaftlichen, sakralen Duktus", sagt Frederic Belli, Soloposaunist beim SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, nur um dann fast bedauernd zu ergänzen: "Und darauf ist sie im symphonischen Orchester leider etwas festgelegt. Doch die Posaune hat noch ganz viele andere Facetten." Welche genau, demonstrierte Belli am Sonntag während des Jubiläumskonzerts zum 60-jährigen Bestehen der Kulturgemeinde Borken in der Stadthalle Vennehof. Unter der Leitung von Kevin Griffiths zeigte der Musiker in Nino Rotas "Konzert für Posaune und Orchester" als auch in dem bekanntesten Stück des Abends, Nikolai Rimsky-Korsakows "Hummelflug" Facetten seines Könnens und seines Instruments.

Bellis Spiel glänzte bei Rotas Werk durch fein abgestufte Dynamik, einen weichen, aber auch kraftvollen Ton und rhythmischen Exaktheit. Die ausdifferenzierte Dramaturgie, mit der er im Lento souverän den großen Tonumfang und die dynamische Bandbreite seines Instruments nutzte, war beeindruckend. Frisch und beweglich wurde der Finalsatz gespielt und die rhythmische Spannung zwischen Soloinstrument und Orchester deutlich herausgearbeitet. Beim Hummelflug dann, eine musikalische Petitesse, die Rimsky-Korsakow als Zwischenspiel für das "Märchen vom Zaren Saltan" komponiert und dem Cello zugedacht hatte, reckten die Zuschauer ihre Hälse und trauten ihren Augen nicht, mit welcher äußerlichen Ruhe Frederic Belli dem rasanten Insekt ihren Turbogang verpasste.

Ebenfalls im Konzertprogramm: Ottorino Respighis "Antiche Danze ed Arie, Suite Nr. 2" und die in Konzerten selten zu hörende sinfonische Fantasie "Aus Itlaien" von Richard Strauss. Vor allem diese mit ihrem letzten Stz, in dem Strauss den neapolitanischen Gassenhauer "Funiculi-Funicula" von Denza verarbeitete, verzückte die Zuschauer und bewegte dieses zum minutenlangen Schlussapplaus.

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Vergnügliches Verwirrspiel

"Die Wahrheit": Publikum genoss amüsantes Aneinander-Vorbeireden

 

Von Dorothea Koschmieder

 

BORKEN. Der unscheinbare Titel "Die Wahrheit" ließ nicht erahnen, dass es sich bei dem am Montagabend im Vennehof aufgeführten Theaterstück um ein exzellent erzähltes, vergnügliches Verwirrspiel handelte, in dem zwei Ehepaare immer mehr in Verstrickungen geraten.
Die Komödie von Florian Zeller hatte es in sich, Indem die methodischen Schlussfolgerungen zwischen Lüge und Wahrheit grandios von den Schauspielern dargestellt wurden, ging es natürlich nicht um Wahrheit: "Auch das ist Lüge und oft die kläglichste von allen: Sich anzustellen, als wenn man einem Lügner seine Lüge glaubte." Das Zitat von Arthur Schnitzlers beschreibt die Komplexität des Stückes, in dem auch nicht wirklich der Konflikt eines Ehepaares im Vordergrund stand, sondern bei dem es um die Konstruktion komplizierter Lügengebäude ging, die, je weiter man vordringt, die Wahrheit umso weniger erscheinen lassen. Die Schauspieler brachten das großartig auf den Punkt. Es war ein Genuss, diesem amüsanten Spektakel des Aneinander-Vorbeiredens zu folgen.

Allen voran Helmut Zierl, der den sympathischen Michel spielte. Dieser betrügt seine Frau mit der Ehefrau des besten Freundes, verstrickt sich in immer mehr Lügen und ist am Ende derjenige, der als Volltrottel dasteht, weil er gar nichts mehr begreift. Zierl schafft es, der Figur eine gewisse Wärme und seriöse Schelmenhaftigkeit zu verleihen, der der Betrachter stets Empathie entgegenbringt, auch wenn Michel selbst doch derjenige ist, der alle betrügt. Die vielen "Mmhs", "Was?", "Wie?", kennzeichnend für den Versuch, einer Antwort auszuweichen oder sie hinauszuzögern, spielt Zierl glaubwürdig und gut.

Die Faszination des Stückes besteht  gerade darin, dass niemand sicher sein kann, die Wahrheit zu kennen. Dies wird unterstützt durch Peter Lotschaks Inszenierung mit kargem, aber effektvollem Bühnenbild.

Karin Boyd als Michels Ehefrau Laurence ("Nelson Mandela Story", "Zweifel") ist eine Augenweide. Mit Ausdruck und Eleganz in Stimme und Gestik verkörpert sie Michels Ehefrau glaubhaft. Diese lässt den roten Faden des Zweifels bis zum Ende bestehen, so dass für die Zuschauer die Frage offen bleibt, ob sie ihrerseits nun Michel betrogen haben könnte. Damit gelingt Zeller, was er sich selbst für dieses Stück gewünscht hat: "Ich möchte, dass der Zuschauer es schwer hat, sich für eine Wahrheit zu entscheiden." Somit hielt das Stück der Ankündigung stand, eine blendend  unterhaltsame Zeigeistkomödie zu sein. Dass dabei viele Pointen offensichtlich waren, darüber sah man gelassen hinweg.

Der lange Applaus galt ebenso verdient Uwe Neumann, der Michels Freund Paul spielt, als auch Susanne Berckhemer als Alice.

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Kritik aus der Borkener Zeitung vom 14. Februar 2012

 

In Reih und Lied

Publikum feiert 6-Zylinder in der Stadthalle Vennehof

 

BORKEN. Grandioser Auftritt der "Fabulous Five" in Borken: "alle fünfe!"  - so haben die Sänger der wohlbekannten A-Capella-Band 6-Zylinder ihr Programm betitelt. Im Vennehof war das Quintett aus Münster am Sonntagnachmittag zu Gast. Und das Publikum sah und hörte eine Darbietung, die mitreißender, komischer, schöner nicht hätte sein konnte.

Das Erfolgsrezept der Bühnenshow? Seit vielen Jahren ist die Band auf zahlreichen Bühnen zu Hause und liefert einem begeisterten Publikum einen hinreißenden Mix aus musikalischem, beschwingtem Konzert und lustigen Moderationen. Ein perfektes, harmonisches Zusammenspiel erlebten die Zuschauer auch in der Kreisstadt. Anspruchsvoll war nicht nur ihre Vokalkunst. Mit hochklassigem Entertainment verbanden die Sänger eine amüsante Bühnenperformance. Skurril etwa anzuhören war, wie die fünf Musiker den Text eines klassischen Volksliedes nicht vorsangen, sondern mit witziger Betonung vorlasen. Vor Lachen bogen sich die Zuhörer angesichts der witzigen Zeilen wie "Ein, zwei, drei, zitata, fiderallala." Die Shanty-Chöre, hörte das erstaunte Publikum weiter, "kommen als Gospelchöre getarnt daher".

Ja, schön doofe Lieder intonierten die Sänger. Ganz so, wie sie es selbst angekündigt hatten. Songs, von denen manche aus der Feder der 6-Zylinder stammen. Eine köstliche Kostprobe: "Pauschalreisen sind toll". Als echte Münsterländer outeten sich die Gäste. Klasse, wie da Schweine- und Kartoffelbauer Karl-Heinz bei der Wahrung des westfälischen Liedguts aushalf. Den Westfalen mit "ihrem überschäumenden Temperament" widmeten die Männer lustige Songs. "Die Münsterländer gelten ja als Sizilianer unter den Westfalen". Grandios auch, wie das Quintett dem münsterländischen Pferdesport mit der "Symphonie der Hengste" ein Denkmal setzte. "I've been through the desert on a horse with no name": Diesen Musikklassiker interpretierten die Münsteraner mit viel Humor und Selbstironie.

Überhaupt: Keine Genregrenzen kennen die fünf Sänger. Ob Coversongs, deutsche Schlager, Popsongs, Volkslieder oder klassische Melodien - das gut gelaunte Ensemble arrangierte seinen eigenen zylindrischen Sound. Ein fröhliches Konzert mit ihrem unverwechselbaren Stil präsentierten die Mannen aus Münster. Mit einer großen Portion Humor und Skurrilität überzeugte das Quintett. Das flotte 6-Zylinder-Repertoire, bei dem lachen ausdrücklich erlaubt ist, kam an. Klar, dass es ganz viel begeisterten Applaus gab.
Beifall gab es auch noch an einer anderen Stelle. Bürgermeister Rolf Lührmann würdigte in einer kurzen Ansprache die Arbeit der langjährigen Kulturgemeinde-Geschäftsführerin Ursula Großkopff, die Anfang Januar gestorben war. Statt einer Gedenkminute gab es einen langen Applaus für Ursula Großkopff.                                                                                                Irmgard Jünck

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Kritik aus der Borkener Zeitung vom 8. Februar 2012

 

Kein Relikt aus wilhelminischer Zeit

"Der blaue Engel" / Gerd Silberbauer überzeugte dieses Mal als Professor Unrat

 

Von Dorothea Koschmieder

 

BORKEN. Das Borkener Publikum erlebte in Peter Turrinis Stück "Der blaue Engel" am Montag allen voran wieder einen brillanten Gerd Silberbauer, der schon in der vergangenen Theatersaison ("Schachnovelle") seinem Ruf als Ausnahmeschauspieler gerecht wurde.

Hier schöpfte er die vielschichtige Figur des Professor Rath in Sprache, Mimik und Gestik hervorragend in all ihren Facetten aus. Und er interpretierte sie auf seine unverwechselbare Weise, so dass die Zuschauer ihm und dem Ensemble der Konzertdirektion Landgraf zu Recht in langem Applaus Respekt zollten.

Die nach Manns Roman "Professor Unrat" inszenierte Theaterfassung schuf von Anfang an eine bedrohlich-tragische Atmosphäre, die trotz des scheinbar klamaukigen Auftaktes und der vereinzelt komödiantischen Einlagen stets dominierte. Die Inszenierung von Frank Matthus orientiert sich an der Filmfassung und lässt viele Einzelszenen vorüberziehen. Dies gelingt durch imposante Bühnenaufbauten und drehbarem Bühnenbild sowie durch passend in Szene gesetzte Licht- und Audioeffekte. Alles dient dem Zweck, den von Mann als Unmenschlichen gezeichneten Gymnasiallehrer Rath, der die Schüler mit lebensfremden Aufgaben, Drohungen und absurden Strafen quält, in den Mittelpunkt zu rücken. Silberbauer spielt den Professor, der stets bedrohliche Stimmen hört und mit zerstörerischem Hass reagiert, hundertprozentig authentisch. Er versteht es grandios, die Wandlung vom herrschsüchtigen Tyrannen zum sich nach Liebe sehnenden und den Reizen der Lebedame Lola verfallenen Ehemann, die er mit wunder Zärtlichkeit überhäuft und bei dem sich allmählich menschliche Züge offenbaren, umzusetzen. In jeder Sekunde glaubhaft spielt er den studierten älteren Herrn, der sich in die Welt des Varietés verirrt und den Reizen des Nachtclub-Stars verfällt, daran zerbricht und als Spottfigur, gesellschaftlich geächtet, zugrunde geht.

Stefanie Mendoni überzeugte dagegen mehr durch ihre ausdrucksstarke Stimme. Man nahm ihr die Figur der Lola ab, die kess mit den Gefühlen der Männer spielt.

Treffend besetzt waren die Rollen der Schüler Lohmann und von Ertum mit Hans Machowiak als arrogantem Provokateur und Roland Schreglmann, dem schüchteren-naiven Taugenichts.

Das Stück gipfelte in einem dramatischen Höhepunkt, in dem dem Betrachter die Einsamkeit des Protagonisten beklemmend vor Augen geführt wurde. An Aktualität haben Roman und Stück nichts verloren - Doppelmoral, verlogene Selbstgerechtigkeit und sexuelle Abstürze Prominenter sind keine Relikte aus wilhelminischer Zeit.

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Kritik aus der Borkener Zeitung vom 23. Januar 2012

 

Trommler wirbeln um die Wette

Gruppe ElbtonalPercussion - eine Schlagzeugformation der besonderen Klasse zu Gast bei der Kulturgemeinde

 

BORKEN. In einem übertragenen Sinne war das Publikum im Borkener Vennehof am Samstagabend selbst das größte Schlaginstrument beim Konzert der Gruppe ElbtonalPercussion: einerseits war es von dieser Formation von vier Schlagzeugern sichtlich in den Bann geschlagen und andererseits von den Darbietungen so rhythmisiert, dass die Synchronisation der Ovationen sich gegen Ende wie von alleine einstellte.

Imposant wirkte bereits der erste visuelle Eindruck auf der Bühne des Vennehofes: eine große Anzahl von Trommeln, Becken und Gongs, Marimba- und Vibraphonen und auch Gegenstände, die sonst wohl nicht originär zu musikalischen Klangerzeugern gerechnet werden können. Mit einer sympathisch heiteren, informativen und zum Teil auch mit einer Portion Selbstironie gewürzten Moderation führten die Schlagzeuger durch ein begeistert aufgenommenes und hochprofessionell dargebotenes Programm, das in einem Crossover aus Jazz, Weltmusik und Neuer Musik vielfache Facetten von Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts vorstellte. Hochvirtuose Stücke wie das "Trio per uno" für drei Spieler an einer einzigen Trommel von Nebojsa Jovan Zivkovic führten beispielsweise bis an fortissimo-Grenzen der Dynamik und virtuosen Möglichkeiten auf diesem Instrument, während andere Werke wie Jan-Frederick Behrends (selbst Mitglied bei ElbtonalPercussion) "Don't let the bed bugs bite" auch die sanfteren Klangmöglichkeiten von diversen Schlagzeugen demonstrierten.
Sichtliches Vergnügen bereitete den vier Schlagzeugern auch die Umfunktionierung von Alltagsgegenstände für ihre Zwecke: Arbeitsleitern und Schutzhelme müssen durch ElbtonPercussion nun unbedingt zu den Schlagzeugen gerechnet werden, ebenso sollte jeder Schlagzeuger auch künftig einen Violinbogen zum Anstreichen von Metallplatten bei sich haben, um ungewohnt sphärische Klänge erzeugen zu können.
Mit einer "kleinen Tischmusik" (auch als Videoclip auf YouTube zu sehen) verabschiedete sich das Ensemble vom enthusiastisch applaudierenden Borkener Publikum, das an diesem Abend auch einen erheblichen Anteil an jüngeren Zuhörern zu verzeichnen hatte. Ein Kompliment an die Kulturgemeinde deshalb für dieses Angebot an Jung und Alt.

Kurt-Ludwig Forg

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Kritik aus der Borkener Zeitung vom 14. Januar 2012

 

Der irische Faust
"Der Seefahrer" mit Jürgen Prochnow: Langatmig aber gut

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Das Borkener Publikum erlebte am Donnerstag einen Theaterabend mit Starbesetzung. "Der Seefahrer" spielt in einem heruntergekommenen Haus an der irischen Küste. Im Mittelpunkt des Geschehens, in einem mit leeren Schnapsflaschen und billigen Möblen versehenen Zimmer befindet sich eine Schar Männer, die sturzbetrunken das Weihnachtsfest mit Schnaps begießt. Zur feuchtfröhlichen Runde gehören neben dem kürzlich erblindeten Richard auch Ivan, Nicky und Sharky (gespielt von Prochnow, zu dem die Rolle des Schweigenden, aber auch in Wutausbrüche Explodierenden passt). Dieser früher Seefahrer ist zuückgekehrt, um sich um seinen Bruder Richard zu kümmern und Ordnung zu schaffen.
Das Stück von Conor McPherson würde nicht als "irische Version des Faust" gelten, wenn nicht der Teufel persönlich auftauchen würde. Ausgerechnet an Heiligabend kommt er als geheimnisvoller Mr Lockhart vorbei, der mit Sharky noch eine Rechnung begleichen will, (zwar nicht in Prada, dafür Nicky aber in "Versatsche"; gut gespielt von Peter Albers, der dem Publikum Lacher entlockte).
Lockhart fordert beim Pokerspiel Sharkys Seele als Pfand. Dieser weiß, dass er es mit dem Teufel zu tun hat: Als Sharky vor langer Zeit im Affekt einen Mann umbrachte, wurde er von Lockhart aus dem Gefängnis befreit. In der ersten immer langatmiger werdenden halben Stunde wird es dem Zuschauer schwer gemacht, in die Handlung einzutauchen, denn der Spannungsbogen fällt. Das ändert sich nicht, als Lockhart auftaucht: Man fragt sich, warum diese Rolle mit einer Frau besetzt wurde. Während Verena Wengler den merkwürdig säuselnden Teufel spielt, irritiert ihre verstellt, tiefe Stimme. "Ich will deine Seele" und "Fürst der Finsternis" nimmt man ihr nicht ab.
Der Betrachter wird gezwungen, die Handlung von außen zu sortieren, anstatt sich vom geheimnisvollen Fremden in den Bann ziehen zu lassen. Das ist schade, denn die Story ist gut und geht am Ende des zweiten Aktes unerwartet in die Tiefe. Die in ihrer Existenz Gescheiterten schaffen es, Sharky, der sich selbst aufgegeben hat, vor der ewigen Verdammnis zu retten. Wenn man so will, ist es eine richtige Weihnachtsgeschichte. Das Publikum dankte mit langem Applaus.

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 2. Dezember 2011

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Am Ende nagt an allen der Zweifel

Theater im Vennehof: Publikum feiert Renan Demirkan

 

BORKEN. Das einfache, dunkle Bühnenbild beeindruckt durch ein effektvoll beleuchtetes, variables Gestänge und lässt den Zuschauer unschwer den Umriss einer Kirche erkennen. Der Betrachter taucht durch den abrupten Auftritt des Paters Flynn, gespielt von Wolfgang Seidenberg, im plötzlich wieder heller werdenden Theatersaal in die Handlung ein, indem der Geistliche ihn als Kirchenmitglied in seiner engagierten Predigt direkt anspricht und der Zuschauer unmittelbar Teil des Geschehens ist.

"Zweifel" heißt das Bühnenstück mit Tiefgang, das am Dienstagabend im Vennehof von Anfang bis zum Ende fesselte und nahezu jeden im Publikum in seinen Bann zog. Großartig, was die exzellenten Darsteller vom "Alten Spielhaus Stuttgart" in der hervorragenden Parabel nach John Patrick Shanley unter der Regie von Harald Demmer zum Ausdruck brachten.
Die Geschichte spielt im Jahr 1964 in einer katholischen Schule in der New Yorker Bronx. Die autoritäre Schulleiterin Schwester Aloysius (Renan Demirkan) führt diese mit harter Hand. Im Gegensatz zur jungen, naiven Schwester James (bewegend emotional gespielt von Katalyn Bohn), welche Schwester Aloysius gezielt einzuschüchtern vermag, vertritt der sympathische Pater Flynn, ebenso beliebter Basketballlehrer der Schule, Fröhlichkeit und der Gemeinschaftssinn: "Mir sind Menschen wichtiger als Regeln." Alle wollen scheinbar das Beste für ihre Schüler. Doch als die Schulleiterin den Pater durch Schwester James beobachten lässt, verhärtet sich der Verdacht, er haben den einzigen dunkelhäutigen Schüler der Schule missbraucht. Es folgen Verstrickungen, subtile Verdächtigungen, in denen sich die Figuren verlieren und am Ende in einer großen Verunsicherung münden. Wie Federn im Wind verstreuen und verselbständigen sich die Anschuldigungen und lassen jeden letzlich in Selbstzweifel und innerer Zerrissenheit einsam zurück.

Die Aktualität, die das Stück aufweist, war bei den Vorarbeiten zu dieser Theaterproduktion nicht vorauszuahnen. Doch weitab von gängigen Klischees der Schwarzmalerei maßt das Stück sich nicht an, mit dem Finger auf eine bestimmte Personengruppe oder Institution zu zielen. Deshalb: Hut ab vor der genialen Leistung Shanleys, die Thematik gekonnt so umzusetzen, dass sie noch lange nachwirken wird. Er zeigt auf, dass Gut und Böse nah beieinander liegen und stellt den Betrachter vor die Wahl, seine eigenen Schlussfolgerungen in diesem moralischen Konflikt zu ziehen.

So rückt Shanley das achte Gebot ("Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten") meisterhaft in den Vordergrund, während alle Akteure eindrucksvoll professionell spielten. Dennoch herausragend grandios agierte Renan Demirkan, die sich beim abschließenden Begeisterungssturm und vereinzelten Standing Ovations des Publikums sichtlich über den verdienten Applaus freute.

Dorothea Koschmieder

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 22. November 2011

 

Besser als nur genial

Schemann-Klavierduo überzeugte auf ganzer Linie

 

Borken. Erlebt man einen Konzertabend mit großer Leichtigkeit und viel Esprit, greift man nur zu oft zu überschwänglichen Attributen und attestiert Künstlern gern "Genialität". Doch damit tut man dem Musiker keinen wirklichen Gefallen: Während die Gabe des Genies ein willkürlich empfangenes Geschenk zu sein scheint, ist gut gemachte Musik doch eher das Ergebnis von harter Arbeit.

Kommen Virtuosität des Ausdrucks, technische Reife und eine intelligente Werksicht hinzu, dann ist man - zumindest war es am vergangenen Sonntag so - beim Schemann Klavierduo, das schon oft bei der Borkener Kulturgemeinde gastierte und zu Recht einen großen Kreis überzeugter Anhänger gefunden hat.

Die Interpretation von Mozarts Sonate B-Dur (KV 358) dokumentierte einen wichtigen Aspekt der Herangehensweise von Dinis und Susanne Schemann: Bei diesem Werk des zur Entstehungszeit gerade 18-jährigen Mozart, das im Vergleich zur zwei Jahre älteren, aber gleichfalls für Klavier zu vier Händen geschriebenen Sonate KV 381 im Satz dichter ist, gestalteten sie nicht nur die so unterschiedlichen Themen mit viel Feingefühl, sondern ließen auch die kontrapunktisch-formalen Dimensionen klar aufscheinen. Später zeigten sie eindrucksvoll, dass Musik auf äußerst suggestive Weise Geschichten erzählen kann. In einer Auswahl aus Dvoráks "Legenden" Opus 59 schien aufzuleuchten, was Aldous Huxley einmal über die Musik sagte: Neben der Stille sei sie in besonderem Maße dazu in der Lage, Unaussprechliches auszusprechen.

Fazit: Das Publikum erlebte einen impressionsreichen Abend, bei dem das gesprochene Wort kaum eine Rolle spielte, die Musik aber von höchst inspirierender Eloquenz und Bildhaftigkeit war.

Bernd Leitung

Video zum 3. Konzert der Borkener Konzertreihe mit dem Schemann Klavierduo auf

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Kritik aus der Borkener Zeitung vom 18.11.2011

 

Endlose Reise in die Welt des Scheins
"Felix Krull": Eindrucksvolle Aufführung des Thomas-Mann-Klassikers

 

Von Dorothea Koschmieder

 

Borken. Der Roman, den Thomas Mann im Jahre 1910 als "mein Sonderbarstes" bezeichnete, blieb unvollendet. Trotzdem hat nicht eines seiner Werke in so kurzer Zeit so einen Erfolg gehabt. In "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" berichtet der sich als Marquis ausgebene Sohn eines bankrotten Champagner-Fabrikanten über seinen fragwürdigen Werdegang als Träumer, Künstlernatur, Phantast und bürgerlicher Nichtsnutz.

Diesen Prosa-Text auf die Bühne zu bringen und als Drama umzuschreiben dürfte keine leichte Aufgabe gewesen sein - es ist Katja Wolff für das Euro-Studio Landgraf jedoch gelungen. In enger Anlehnung an die Romanvorlage versteht sie es, eigene Gags, musikalische Einlagen (leider war der erste gesangliche Beitrag nur eine Playback-Version) und diverse dramaturgische Elemente geschickt einzubauen. Sie hält so immer wieder verblüffende Momente parat.

Das gelcihnamige Stück sorgte somit im Vennehof für gute Unterhaltung. Überzeugend war hier die schauspielerische Leistung Friedrich Wittes, der den Felix Krull als narzisstischen Hochstapler und Verführer komödiantenhaft spielte, wobei das Ensemble in Mehrfachrollen auftrat. Während Witte die Länge des Romans durch teilweise recht lange Erläuterungen kompensieren musste, gelang es Katja Wolff, wesentliche Szenen im Leben des Felix Krull hervorstechen zu lassen. Ein Rückblick auf champagnerkorkenknallend einprägsame Erlebnisse aus frühester Kindheit lässt Felix Krull von Situationen erzählen, die ihn tief geprägt haben und ihm letztendlich nicht nur eine Weltreise bescheren, sondern ihn vor allem auch in die Betten reicher Frauen führen.

Felix Krull erzählt, beobachtet oder steht selbst inmitten der zu spielenden Episoden, während die Charaktere durch kräftige Überzeichnungen karikiert werden (was zeitweise, wenn auch beabsichtigt, bei Carmen Betker als Zouzou und Zaza die Grenze des Aushaltbaren fast überschreitet). Gelungen ist die aufwendige Bühnengestaltung. Wie allein aus drei Koffern ein ganzes Bühnenbild mit Tiefen und Höhen entsteht, ist effektvoll inszeniert.

Die Zuschauer erlebten zwei Stunden gute Unterhaltung, die dann auch ausreichten, um Manns Anliegen dem Publikum nahezubringen: Der Mensch erfindet sich selbst neu; in einer Welt des Scheins, des "So-tun-als-ob" werden Betrügereien zum Kavaliersdelikt heruntergespielt. Das Hochstapeln gehört dazu, um zum Establishment zu gehören - ein Stoff, der seine Aktualität nicht verloren hat. Das Bühnenstück präsentiert keine Auflösung, sondern einen sich weiterhin der Illusion hingebenden Menschen, bei dessen Reise in der Welt des Scheins kein Ende in Sicht ist. Auch hier lässt Freidrich Witte den gesamten Charakter des Protagonisten noch einmal authentisch durchscheinen. Das amüsierte Publikum dankte mit Applaus, der sich mit vereinzelten Begeisterungspfiffen mischte.

Kritik aus www.kuvi.de

 

Was uns am Hochstapler so fasziniert?

 

Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull: In der Stadthalle Vennehof wurde am Dienstagabend Thomas Manns Fragment gebliebener Roman in der Bühnenfassung und Regie von Katja Wolff uraufgeführt. Nie schrieb Thomas Mann für das Theater, und doch gehören die Werke des Nobelpreisträgers seit einigen Spielzeiten zu den beachtlichsten Novitäten auf den Spielplänen deutscher Bühnen.

Dem ungeliebten Militärdienst, der seinem Drang zu Höherem entgegensteht, entzieht sich Krull durch eine schauspielerische Meisterleistung. Jetzt kann er sich darauf vorbereiten, mit dem ihm angeborenen Charme die Sonnenseite des Lebens zu erobern. Sein Ziel ist Paris. Durch seine gute Erziehung und seine Beredsamkeit schafft er es schnell, die gesellschaftliche Leiter hinaufzusteigen. Er beginnt als Liftboy in einem Hotel, arbeitet sich bald bis zum Kellner hoch und lernt zahlreiche wohlhabende und einflussreiche Leute kennen. Seine große Stunde schlägt jedoch, als er unter dem Namen des Marquis de Venosta, mit reichlichen Geldmitteln ausgestattet, eine Weltreise antritt.

Im Mittelpunkt der leicht, unpräzisen Inszenierung von Katja Wolff steht die gute Interpretation der Titelrolle, gespielt von Friedrich Witte. Damen wie der Klosettschüsselfarbrikentengattin Madame Houpflé (großartig auch als Madame Kuckuck: Astrid Strassburger), der Chanteuse Zaza oder der liebreizenden Zouzou (in beiden Rollen: Carmen Betker). Witte spielt Krull mit dem richtigen Maß an Lässigkeit, natürlicher Eleganz und Unbedarftheit und lässt ihn überzeugend vom Sohn eines bankrotten Schaumweinfabrikanten zum Galan, Lebenskünstler und Marquis aufsteigen.

Auf die Bühne hat Heinz Hauser einen riesigen Bilderrahmen gebaut, setzt starr eine Partygesellschaft an einen Tisch und hängt Kronleuchter in einen riesigen Koffer - ein etwas wirres Bild. Hier verheddert sich der "bürgerliche Nichtsnutz" Krull immer wieder, während wie in einer Revue - an verschiedenen Stationen sogar gesungen wird.

Das Publikum in Borken zeigte sich angetang: Die Geschichte vom jugendlichen Herzensbrecher und Blender erzählt Wolff als schrille, unterhaltsame Revue. (Bea)

 

Szenenfotos unter www.kuvi.de

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 22. September 2011

Saisonauftakt mit Gänsehaut

Kulturgemeinde zeigte "Seelenbrecher"

 

Von Dorothee Koschmieder

 

BORKEN. Mit Spannung erwartet wurde die Bühnenfassung des Psychothrillers "Der Seelenbrecher" von Sebastian Fitzek in einer Inszenierung von Jan Bodinus. Die Aufführung des Ensembles der "Komödie am Altstadtmarkt" aus Braunschweig läutete die kommende Theatersaison der Kulturgemeinde ein und versprach schon in der Ankündigung Spannung.

Dass diese sich langsam aufbaute und leise im Hintergrund lauerte, um dann in Schockmomenten zu gipfeln, war beabsichtigt. Das vereinzelt mit komödialen Elementen besetzte, jedoch insgesamt nervenaufreibende Stück überraschte mit immer neuen Wendungen und nahm, nach anfänglich gewollter Verwirrung, den Zuschauer in seinen Bann.

Diese Reise durch die Tiefen der menschlichen Psyche wurde mittels realer Effekte der Psychiatrie verstärkt. Dabei halfen äußerliche Elemente wie die einsame, von der Außenwelt abgeschnittene Klinik, die wie geschaffen für ein nervenaufreibendes Kammerspiel war.

Caspar, Patient der Teufelsbergklinik, leidet unter Amnesie. Er sieht im Geist ein Mädchen, das starke Ängste hat. Kurz vor Weihnachten befinden sich nur noch eine Patientin, der Hausmeister, eine Krankenschwester und zwei Ärzte in der Klinik. Plötzlich verunglückt ein Krankenwagen vor dem Gebäude. Der Sanitäter hat einen Mann transportiert, der sich alkoholisiert ein Messer in den Hals rammte. Nachdem die Neuankömmlinge untergebracht sind, beginnt der Terror.

Die Ärztin Sophie wird im Schockzustand aufgefunden, der verletzte Mann verschwindet. Zur gleichen Zeit fragt man sich, wer von den Charakteren der Seelenbrecher ist, der drei junge Frauen entführt und psychisch zerstört hat. Eine erbitterte Jagd durch die Klinik beginnt, bei der die Grenze zwischen Arzt und Patient, zwischen Täter und Opfer, verschwimmt.

Das Publikum erlebte eine ungewöhnliche, atmosphärisch dichte, teil beklemmende Theater-Darstellung, die durch kluge Inszenierung einen Blick auf die Abgründe menschicher Existenz freigab.

Kritik aus www.kuvi.de

Kultur & Visionen

 

Kulturgemeinde Borken: Mordpläne im Wartezimmer

 

Mit Sebastian Fitzeks Psychothriller "Der Seelenbrecher" startete die Kulturgemeinde Borken erfolgreich in die neue Saison. Drei Frauen - alle jung, schön und lebenslustig - verschwinden spurlos. Nur eine Woche in den Fängen des Psychopathen, den die Presse den "Seelenbrecher" nennt, genügt:
Als man die Frauen wieder aufgreift, sind sie verwahrlost, psychisch gebrochen - wie lebendig in ihrem eigenen Körper begraben. Kurz vor Weihnachten wird der Seelenbrecher wieder aktiv, ausgerechnet in einer psychiatrischen Luxusklinik. Ärzte und Patienten müssen entsetzt feststellen, dass man den Täter unerkannt eingeliefert hat, kurz bevor die Klinik durch einen Schneesturm völlig von der Außenwelt abgeschnitten wurde. Verzweifelt versuchen die Eingeschlossenen einander zu schützen.

Die Idylle eines Wartezimmers wird zum Spielfeld von Enthüllungen, Spekulationen, Verdächtigungen, von Dichtung und Wahrheit. Hier wurde kein üblicher Krimi erzählt, in dem Detektive oder Polizisten den Täter suchen, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Dass alle Darsteller und Marion König sowie Jens Knospe eine überzeugende Leistung boten, bewies die Reaktion der Zuschauer in der ausverkauften Stadthalle Vennehof in Borken. Sie folgten dem Stück gebannt und belohnten die Inszenierung von Jan Bodinus mit großem Applaus. (Thomas Neutzler)

Video unter:

www.borio.tv

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 22. Oktober 2011

 

Turbulent und amüsant

"Denn sie wissen nicht, was sie erben"

 

Von D. Koschmieder

 

BORKEN. Einen witzig-kurzweiligen Theaterabend erlebten die Zuschauer am Donnerstag im Vennehof, dem sie donnernden Applaus zollten. Dieser galt vor allem dem wunderbaren Kalle Pohl. Ihm war in der Komödie "Denn sie wissen nicht, was sie erben" die Rolle des Dietrich Buschmeier buchstäblich von Erich Virch auf den Leib zugeschnitten: "Mir kam (...) der Gedanke, ihn ein Schlitzohr spielen zu lassen, einen forschen Macher, der sich mit haarsträubenden Schwindeleien und Ausflüchten von einem Dilemma ins nächste schlimmere laviert, bis das völlige Chaos eintritt."

Diese Bühnenturbulenzen stellt das Ensemble innerhalb der verschiedenen Charaktere vorzüglich dar; auch, wenn das Stück im ersten Teil an Schwung noch gewinnen musste. Neben Pohl, der im gestreiften Schlafanzug auf dem Boden krabbelnd das Gebiss der Tante suchend oder als Tante-Witha-Double eine komische Figur abgab, glänzte auch Kerstin Gähte als Eidth Buschmeier in ausdrucksstarkem Spiel. Beide verkörperten das ungleiche, sympathische Ehepaar, das sich an Tante Withas Erbe heranmachen will. Ihr vermeintlicher Gegenspieler, der schusselige Vetter Eugen Gotthold (köstlich überdreht dargestellt von Momme Mommsen) soll anscheinend das gesamte Vermögen der Tante erben. Im Folgenden geht es um witzige Verwicklungen und Verstrickungen, die den Argwohn zwischen den Generationen deutlich machen. Das sind zahlreiche kitschige Tonkrüge, die das Bühnenbild beherrschen. Es geht um Hände, die in selbigen steckenbleiben; Weinbrandbohnen, die anstatt der Asche von Nachbar Olaf beigesetzt werden und eine strenge Ordensschwester (Michaela Klarwein), die akribisch überprüft, wer Tante Witha eigentlich ins Heim stecken will.
Regisseur Dominik Paetzholdt hat eine Mischung aus Chaos, Witz, Absurdität und Skurrilität geschaffen, die ganz dem Boulevardtheater entspricht und somit dem Publikum vergnügliche Stunden bescherte. Die allgemeine Heiterkeit bei den Zuschauern wurde nicht zuletzt dadurch genährt, dass kabarettistische Einlagen nicht fehlten, die Pohl in Bezug auf Themen rund ums Alter oder Kampf der Geschlechter zum Besten gab. Die Zuschauer hatten Gelegenheit, sich zurückzulehnen und die Alltagskuriositäten auf sich wirken zu lassen, um festzustellen, "dass man nicht allein dasteht mit den Tücken und (Ent-)Täuschungen des Daseins" (Kalle Pohl über das Stück). Kein tiefsinniges Stück, keine scharfzüngigen Dialoge, sondern amüsante, abgedrehte, seichte Unterhaltung, die Spaß machte. Da sei es Pohl verziehen, dass er zu Beginn des Stückes zu leise war.