Gegen das Vergessen! Sonderkonzert zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht

F. Mendelssohn, F. Schreker und M. Bruch

Westdeutsche Sinfonia unter Leitung von Dirk Joeres, Solist: Prof. Andreas Reiner, Geige

Der 9. November 1938 gehört zu den dunkelsten Tagen der deutschen Geschichte. Die Inbrandsetzung und Vernichtung von Synagogen war bis dahin im zivilisierten Mitteleuropa nicht für möglich gehalten worden. Eine Gewalttat gegen eine Religionsgemeinschaft, die später von noch viel schrecklicheren Untaten übertroffen wurde. Dieses düstere Kapitel in unserer jüngeren Vergangenheit darf nie vergessen werden. Es werden Werke von Komponisten aufgeführt, die entweder wegen ihrer jüdischen Abstammung (Mendelssohn und Schreker) oder wegen vermeintlichen Judentums (Max Bruch) in den Jahren ab 1933 von den Spielplänen deutscher Konzertsäle verbannt wurden. Sie waren verfemt, ausgegrenzt, verfolgt und sollten vernichtet und vergessen werden. Was für ein Verlust für die deutsche Musikkultur und Geschichte, wenn die Absichten der nationalistischen Machthaber für immer verwirklicht worden wären. Die Kulturgemeinde Borken und der Kulturkreis Schloss Raesfeld - unterstützt von vielen Borkener Sponsoren - wollen mit dem Konzert am Vorabend des 9. November musikalisch ein Zeichen „Gegen das Vergessen“ setzen und damit bekennen: Nie wieder darf sich ein solch schreckliches Kapitel in der deutschen Geschichte wiederholen.

Als die Westdeutsche Sinfonia unter Leitung von Dirk Joeres 1991 ihr Debüt im Musikvereinssaal Wien gab, hob die Presse den „glasklaren klassischen Glanz“ des Klangbildes hervor. Inzwischen hat sich das Orchester Konzertsäle wie das Amsterdamer Concertgebouw, die Berliner Philharmonie, das Londoner Barbican und das Kennedy Center Washington erobert. Gleichzeitig ist die Westdeutsche Sinfonia auch zu einer festen Größe im rheinischen Musikleben geworden: sie gastiert regelmäßig in Bonn, Düsseldorf, Köln, bei den Rheinischen Musikfesten und hat eine eigene Konzertreihe im Forum Leverkusen. Seine Gründung 1987 verdankt das Orchester einem originellen Konzept: führende Musiker von zehn nordrhein-westfälischen Orchestern (Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Köln, Mönchengladbach/Krefeld, Münster, Wuppertal) prägen die Sinfonia. Ihre erste CD-Einspielung erschien 1989, 1990 reiste die Sinfonia erstmals in die USA. 1991 schrieb das Gramophone Magazine London anlässlich des Critics’ Choice Award: „superbes Orchesterspiel und ausdrucksstarke, durchdachte Interpretationen“.

Das Repertoire der Sinfonia umfasst klassische Schwerpunkte wie sämtliche Beethoven- und Schubert-Sinfonien, die z.Zt. auch für einen CD-Zyklus eingespielt werden, aber auch Wiederentdeckungen und Uraufführungen etwa beim Beethovenfest Bonn und beim Schleswig-Holstein Musikfestival. Auch bei den Festivals von Bratislava, Budapest, Cheltenham, Ljubljana, London sind Dirk Joeres und die Westdeutsche Sinfonia wiederholt zu Gast. Anläßlich ihres Debüts im Großen Festspielhaus Salzburg in 2004, schrieben die Salzburger Nachrichten: „das Orchester ist vorzüglich konsolidiert in Spieldisziplin und Klangbalance. Joeres gehört zu jenen Dirigenten, die allemal wissen, wie Musik unmittelbar zum ‚Sprechen’ kommt“.

Anläßlich ihres 20-jährigen Bestehens in der Saison 2007/2008 führte eine Jubiläumstournée die Sinfonia zu erneuten Auftritten u. a. nach Köln (Philharmonie), München (Philharmonie am Gasteig) und Salzburg (Festspielhaus). 2012 feierte Dirk Joeres und die Westdeutsche Sinfonia nun ihr 25-jähriges Jubiläum, u. a. mit einem Debüt-Konzert im Palais des Beaux Arts in Brüssel, einer Spanien-Tournée sowie Auftritten beim Flandern-Festival. Ihre Wintertournée 2015 führte die Sinfonia u.a. nach Aachen, Rosenheim, Linz, Rosenheim und Villach begleitet von begeisterten Kritiken: „Hinreißend musiziert“, „hochdifferenzierte Klangkultur“ – „ein Glücksfall“.

Der Solist des Abends, Andreas Reiner, wurde in Wien geboren und in Eisenstadt, der Heimatstadt Joseph Haydns aufgewachsen. Er erhielt seine Ausbildung bei Werner Ehrenhofer, Edith Steinbauer und Itzhak Perlman. Sein Talent manifestierte sich ungewöhnlich früh und er spielte sein erstes Solokonzert im Alter von sieben Jahren. Er hat seitdem in fast allen europäischen Ländern, in Nord- und Südamerika und Japan konzertiert. Mit Christian Zacharias, Roger Vignoles, Aci Bertoncelj, Tsimon Barto und Jean-Yves Thibaudet hat er Recitals gespielt. In vielen Konzerten war er der Geiger Heinrich Schiffs im Doppelkonzert von Johannes Brahms.  Von 1984 bis 1990 war er Konzertmeister. Beim Rundfunksinfonieorchester von Radio Luxembourg, bei den Düsseldorfer Symphonikern, bei Sergiu Celibidaches Münchner Philharmonikern und den Bayreuther Festspielen. 1991 gründete Andreas Reiner das Rosamunde Quartett, dessen Primarius er bis zur Auflösung des Quartetts im Herbst 2009 war. Die Rosamundes spielten bei allen großen Festivals und Konzertreihen, waren für einen Grammy nominiert, erhielten zweimal den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“, den "Diapasson d'or" und viele andere Preise für ihre CDs auf ECM. Andreas Reiner unterrichtet seit 1998 Kammermusik an der Folkwang-Universität in Essen und spielt auf einer Violine von G. B. Guadagnini aus dem Jahre 1752.

Mendelssohn: Ouvertüre “Die Hebriden” op. 26
Schreker: Intermezzo op. 8
Bruch: Violinkonzert op. 26
* ** *** ** *
Schreker: Scherzo
Mendelssohn: Sinfonie Nr. 4 op. 90

Eintritt: Schüler 1 €, Erwachsene 20 €

Kritiken

Kritik aus der Borkener Zeitung vom 10.11.2018

Musik gegen das Vergessen

Von Claudia Peppenhorst

Borken. Mit einem Konzert "Gegen das Vergessen" haben einen Tag vor dem historischen Datum vor 80 Jahren, am Donnerstagabend, Veranstalter und Musiker in der Stadthalle an die Pogromnacht erinnert. Die Kulturgemeinde der Stadt Borken und der Kulturkreis Schloss Raesfeld hatten dazu die Westdeutsche Sinfonia unter der Leitung von Dirk Joeres sowie den Violinisten Andreas Reiner eingeladen. Sie präsentierten Werke (überwiegend) jüdischer Komponisten.

In ihrer Begrüßungsansprache erinnerte Bürgermeisterin Mechtild Schulze Hessing an "das dunkelste Kapitel" der Stadtgeschichte in Borken und Gemen. "Auch hier wurden jüdische Mitbürger drangsaliert, misshandelt und ihre Gotteshäuser in Brand gesetzt. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete, dem auch 112 jüdische Mitmenschen aus unserer Stadt zum Opfer fielen", so die Bürgermeisterin. Auch in kultureller Hinsicht hat die NS-Herrschaft eine Schneise der Verwüstung geschlagen, als sie die Werke von Schriftstellern, Künstlern und Komponisten als entartet verbot und zerstörte.

Mit Felix Mendelssohn Bartholdys gewaltiger Ouvertüre "Die Hebriden" op. 26 eröffnete das exzellente Orchester den musikalischen Teil. Die hervorragende Interpretation der Musik spiegelte die ganze Kraft der Elemente wider und bildete damit auch eine Metapher zu Frieden und Zerstörung.

Selbst für Musikkenner war der jüdische Komponist Franz Schreker eine unbekannte Größe. Sein Intermezzo Op. 8 und Scherzo begeisterten mit wunderschönen zarten Melodien, die ausschließlich von den Streichern dargeboten wurden. Dem folgte das Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-moll op. 26 von Max Bruch, das Solist Andreas Reiner mit großer Leichtigkeit und ohne jede Effekthascherei mit dem Orchester großartig interpretierte.

So äußerten sich viele Besucher bereits in der Pause begeistert von den Musikern, ihrer Musikauswahl und der Interpretation. "Ich bin extra heute Abend hierher gekommen, weil selten so ein großes Orchester in Borken zu hören ist", meinte ein Besucher.

Mendelssohns Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90, "Die Italienische", bildete den besonderen Schlusspunkt dieses tollen Konzertes, für das die Musiker mit langem und kräftigem Beifall belohnt wurden.

Auch die in ihrer Konzeption zukunftsweisende Konzertreihe „KlassikSonntag!“ geht weiter: „eine hinreißende Offensive in Sachen klassische Musik“ (Kölner Stadtanzeiger)

"Glasklarer klassischer Glanz" Musikverein Wien, Wiener Zeitung